"Wokes Deutschland" & Kapitalismus - Analyse von Prof. Dr. Bernd Stegemann
taz: Nancy Fraser über Populismus„Eine neue, linke Erzählung bieten“
Die Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser über Identitätspolitik, soziale Gerechtigkeit und neue linke Anti-Trump-Koalitionen.
2.5.201715:03 Uhrteilen
Was wurde aus den klassischen sozialen Bewegungen, den Gewerkschaften und Industriearbeiter*innen?
Die Gewerkschaften wurden mehr oder weniger zerstört, der sogenannte Rostgürtel wurde sich selbst überlassen: Einst eine Bastion der Sozialdemokratie, verhilft er heute Trump zu Mehrheiten. Clintons Politik und die seiner Nachfolger verschlechterte das Leben der Mehrheit, vor allem aber der Industriearbeiter*innen. Dieser Angriff erfolgte unter der „geliehenen“ progressiven Fassade.
taz: Frau Fraser, was hat die Linke falsch gemacht? Hat sie sich zu sehr auf Emanzipationspolitik konzentriert und zu wenig auf die soziale Frage, „zu viel Rosa, zu wenig Rot“, wie es aus Teilen der Linkspartei hieß?
Nancy Fraser: Ja und nein. Das Problem ist nicht der Kampf für Feminismus, LGBTQ-Rechte und gegen Rassismus, sondern die Trennung dieses Kampfs vom Kampf für soziale Gerechtigkeit.
Sie nennen das „progressiven Neoliberalismus“ . . .
Genau. In den Vereinigten Staaten verbinden sich seit etwa drei Jahrzehnten die neoliberalen Kräfte mit den progressiven Kräften und ihr Einstehen für Emanzipation und Vielfalt. Diese liehen dem Neoliberalismus ihr progressives Charisma. Für diesen Bund stehen vor allem die Clintons, die die US-Wirtschaft Goldman Sachs überantworteten und die neoliberale Globalisierung rücksichtslos beförderten.
Das macht aber das Einstehen für Emanzipation und Vielfalt nicht falsch.
Nein, im Gegenteil. Fatal ist aber dessen Bund mit dem Neoliberalismus: In dieser Zeit herrschte ein Dauerdiskurs über Vielfalt und Empowerment. An die Stelle einer antihierarchischen, klassenbewussten und egalitären Auffassung von Emanzipation trat eine linksliberal-individualistische. Eine „Winner-takes-it-all“-Hierarchie wurde befördert, um einigen „besonders talentierten“ Frauen oder Lesben und Schwulen ihren Aufstieg zu ermöglichen. Gleichzeitig muss die Mehrheit ihr Leben im Keller verbringen.
Der „progressive Neoliberalismus“ tat also progressiv, beförderte aber tatsächlich die Abwertung ganzer Heere von Menschen?
Und das spielte dem reaktionären Populismus Trumps in die Hände. Er präsentierte eine scheinbare Alternative. Endlich stand jemand auf der Seite der Abgehängten. Und mit dem Ausscheiden von Sanders blieb nur die Wahl zwischen dem progressiven Neoliberalismus Clintons und dem reaktionären Populismus Trumps. Eine unmögliche Wahl.
Was können wir tun?
Wir müssen eine neue, linke Erzählung bieten. Eine ernsthaft egalitäre soziale Bewegung sollte sich mit der verlassenen Arbeiterklasse verbünden. Sie muss erklären, warum beides zusammengehört.
Ob das Konzept der 99 Prozent so sinnvoll ist? Es sind nicht alle Reichen böse und alle Armen gut. Zu den 99 Prozent gehören auch Rassisten. Und das Problem liegt ja nicht nur im Fehlverhalten der Eliten.
Sie haben recht, die Sache mit den 99 Prozent ist nicht das letzte Wort. Ich bevorzuge selbst die Klassenpolitik. Der Unterschied zwischen dem progressiven Populismus von Sanders und dem reaktionären Populismus Trumps ist allerdings, dass Sanders keine Sündenböcke konstruiert.
Aber wie soll man Leute ins Boot holen, die reaktionären Positionen anhängen? Das sind nicht Mitstreiter, sondern Gegner.
Vielleicht hilft eine genauere Analyse: Trumps Wähler*innen bestehen aus etwa drei Blöcken. Die meisten wählen traditionell Republikaner. Die haben ihn gewählt, aber dabei oft die Nase zugehalten. Dann gibt es die „Alt-Right“-Leute, Rechtsextreme, die meiner Ansicht nach nur einen kleinen Teil seiner Wählerschaft ausmachen. Zum dritten Teil gehören unter anderem ehemalige Gewerkschaftsmitglieder. Bei denen finden wir nicht die eindeutig rassistischen Ressentiments, auch wenn sie teils dazu neigen. Diese Leute sind erreichbar.
Wir sollten also reden?
Wir sollten nicht prinzipiell davon ausgehen, dass die alle Rassisten sind. Damit würde die Linke ihr sicheres Versagen vorantreiben. Die wir erreichen wollen, erreichen wir nur auf der Grundlage von Respekt. Die Linke muss zeigen, dass sie ein Narrativ zu bieten hat, das die angesprochenen Kümmernisse erfasst und ausdrückt.





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