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Wo befinden wir uns in der Chronologie des Sommers 1914? Damals begann im August der Weltkrieg!

7. Okt.
2 Min. Lesezeit

Spürbar war, dass die nichtwestliche Welt – wie gesagt in allen Schattierungen von „nichtwestlich“ – zu begreifen beginnt, dass der Weltgeist sie jetzt in die Verantwortung nimmt. Schließlich zeigen die Kriege gegen die Ukraine und den Iran den Machtverlust der einstigen Herren dieser Welt. Der Abgang des Alten ist besiegelt – doch das Neue, das Kommende, ist noch in Nebel gehüllt.


Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, Auszüge:

Das 23. Jahrestreffen des russischen Waldai-Diskussionsclubs, auch Waldai-Forum genannt, fand um den Monatswechsel unweit von Moskau statt. Wer den geopolitischen Verschiebungen auf den Zahn fühlen will, erlebte dort die Befindlichkeiten der – in allen Abstufungen von Distanz – nichtwestlichen Welt.

Der Gastgeber, Russland, befindet sich im unerklärten Kriegszustand mit dem Globalen Westen. Dasselbe trifft auf den Iran zu. Die größte ausländische Delegation kam aus China; dort positioniert man sich dem Westen gegenüber zwischen Rivalität und Gegnerschaft. Nicht weniger hörbar sind die großen Demokratien in Südamerika, Süd- und Südostasien. Sie halten auf Äquidistanz und Gleichgewicht.

Der Krieg war präsent wie nie zuvor, dabei weniger als Diskussionsgegenstand denn als Stimmungsverdunkler. Das Waldai-Forum ist keine Sicherheitskonferenz, erst recht keine Verhandlungsplattform. Diskutiert werden die großen Linien, und die großen Linien bündeln sich in einem gefährlichen Eskalationspotential.

Mit einem Anflug von Humor fragte ein Teilnehmer, wo wir uns in der Chronologie des Sommers 1914 gegenwärtig befänden: noch vor oder schon nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand? Zuversicht besaß Seltenheitswert.


Reale Labilität und Bedrohung

Dieselbe Stimmung beförderte einen willkommenen Realismus. Propagandistische oder undifferenzierte Auftritte blieben ebenso aus wie antiwestliche oder antiamerikanische Rhetorik. Der russische Haudegen und Politologe Sergej Karaganow, der seit langem mit dem Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine kokettiert, blieb zwar nicht stumm, war aber der Einzige, der sich verbaler Leichtfertigkeit bediente.

Vielleicht war die Ernsthaftigkeit auch nur ein Ausdruck realer Labilität und Bedrohung. Spürbar war jedenfalls, dass die nichtwestliche Welt – wie gesagt in allen Schattierungen von „nichtwestlich“ – zu begreifen beginnt, dass der Weltgeist sie jetzt in die Verantwortung nimmt. Schließlich zeigen die Kriege gegen die Ukraine und den Iran den Machtverlust der einstigen Herren dieser Welt. Der Abgang des Alten ist besiegelt – doch das Neue, das Kommende, ist noch lange in Nebel gehüllt.

Das spiegelte sich schon im Motto der Veranstaltung: „Verantwortung für die Zukunft: Grenzen des Möglichen oder grenzenlose Möglichkeiten?“ Ungewissheit barg auch die Ortswahl: im Moskauer Umland statt wie in den Vorjahren in den Bergen oberhalb des südrussischen Sotschi. Mag sein, dass die Entscheidung logistische Vorteile für die rund 140 Teilnehmer aus 40 Ländern mit sich bringt. Zugleich weckte sie den Verdacht, dass das Imperium, oder was von ihm geblieben ist, die Sicherheit an seiner Peripherie nicht mehr garantieren kann.

Ian Proud nahm am Waldei-Forum teil. Der britische Ex-Diplomat wurde in der "Demokratie" Britannien nach seiner Rückkehr festgenommen.

 
 
 

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