Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten! Eine glatte Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin.
Aktualisiert: 15. Juli 2023
Der dort ruhig über die Straße geht. Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde. Und doch, trotz alledem: "Schreiben Sie auf einen Zettel, wie die Zeitungen sein sollen, und wenn wir eine Ameise finden, die den Zettel billigt, so wollen wir gleich anfangen. Die Ameise wird uns mehr helfen, die Zeitungen zu verbessern, als ein allgemeines Geschrei über die Unverbesserlichkeit der Zeitungen. Eher nämlich wird ein Gebirge durch eine einzige Ameise beseitigt als durch das Gerücht, es sei nicht zu beseitigen.“

N DIE NACHGEBORENEN
1 Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen. Was sind das für Zeiten, wo Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! Der dort ruhig über die Straße geht Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die in Not sind? Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt Bin ich verloren.) Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich. Ich wäre gerne auch weise In den alten Büchern steht, was weise ist: Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit Ohne Furcht verbringen Auch ohne Gewalt auskommen Böses mit Gutem vergelten Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen Gilt für weise. Alles das kann ich nicht: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 2 In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung Als da Hunger herrschte. Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs Und ich empörte mich mit ihnen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war. Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten Schlafen legt ich mich unter die Mörder Der Liebe pflegte ich achtlos Und die Natur sah ich ohne Geduld. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war. Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit Die Sprache verriet mich dem Schlächter Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war. Die Kräfte waren gering. Das Ziel Lag in großer Ferne Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich Kaum zu erreichen. So verging meine Zeit Die auf Erden mir gegeben war. 3 Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut In der wir untergegangen sind Gedenkt Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht Auch der finsteren Zeit Der ihr entronnen seid. Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir ja: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser. Ach, wir Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit Konnten selber nicht freundlich sein. Ihr aber, wenn es soweit sein wird Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist Gedenkt unsrer Mit Nachsicht.
Bert Brecht: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: ich will andere Zeitungen.“
Herr Keuner und die Zeitungen Herr Keuner begegnete Herrn Wirr, dem Kämpfer gegen die Zeitungen. „Ich bin ein großer Gegner der Zeitungen“, sagte Herr Wirr, „ich will keine Zeitungen.“ Herr Keuner sagte: „Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: ich will andere Zeitungen.“ „Schreiben Sie mir auf einen Zettel“, sagte Herr Keuner zu Herrn Wirr, „was Sie verlangen, damit Zeitungen erscheinen können. Denn Zeitungen werden erscheinen. Verlangen Sie aber ein Minimum. Wenn Sie zum Beispiel Bestechliche zuließen, sie zu verfertigen, so wäre es mir lieber, als daß Sie Unbestechliche verlangten, denn ich würde sie dann einfach bestechen, damit sie die Zeitungen verbesserten. Aber selbst wenn Sie Unbestechliche verlangten, so wollen wir doch anfangen, solche zu suchen, und wenn wir keine finden, so wollen wir doch anfangen, welche zu erzeugen. Schreiben Sie auf einen Zettel, wie die Zeitungen sein sollen, und wenn wir eine Ameise finden, die den Zettel billigt, so wollen wir gleich anfangen. Die Ameise wird uns mehr helfen, die Zeitungen zu verbessern, als ein allgemeines Geschrei über die Unverbesserlichkeit der Zeitungen. Eher nämlich wird ein Gebirge durch eine ein zige Ameise beseitigt als durch das Gerücht, es sei nicht zu beseitigen.“ Wenn die Zeitungen ein Mittel zur Unordnung sind, so sind sie auch ein Mittel zur Ordnung. Gerade Leute wie Herr Wirr bewiesen durch ihre Unzufriedenheit den Wert der Zeitungen. Herr Wirr meint, der heutige Unwert der Zeitungen beschäftige ihn, aber in Wirklichkeit ist es der morgige Wert. Herr Wirr hielt den Menschen für hoch und die Zeitungen für unverbesserbar, Herr Keuner hingegen hielt den Menschen für niedrig und die Zeitungen für verbesserbar. „Alles kann besser werden“, sagte Herr Keuner, „außer dem Menschen.“
* 10.02.1898, Augsburg, Deutschland
† 14.08.1956, Berlin, Deutschland

Bertolt Brecht ist sicherlich einer der einflussreichsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, sowohl was seine Gedichte, als auch was seine Theaterarbeit angeht. Weder Versuche ideologischer Vereinnahmung durch die DDR noch seine nicht immer eindeutige Haltung den realen Formen des Sozialismus gegenüber haben seinem Werk etwas anhaben können. Brecht ist nach wie vor – nicht nur in Deutschland – ein viel gelesener und viel gespielter Autor, dessen Klarsicht, Vielschichtigkeit und Frechheit immer wieder neu entdeckt werden kann. Foto © Suhrkamp Verlag Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Von 1917 bis 1918 studierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München Naturwissenschaften, Medizin und Literatur, musste sein Studium allerdings unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde. Bereits 1922 erhielt er für sein Schaffen den Kleist-Preis. Im selben Jahr heiratete er die Schauspielerin und Opernsängerin Marianne Zoff. Kurz danach lernte er seine spätere Frau Helene Weigel kennen, die ihm 1924 seinen zweiten Sohn Stefan gebar. Drei Jahre später ließ er sich von Marianne Zoff scheiden. Helene Weigel und er heirateten 1929. 1924 zog Brecht nach Berlin. Hier arbeitete er zunächst zusammen mit Carl Zuckmayer als Dramaturg an Max Reinhardts Deutschem Theater, während er zur selben Zeit an den Münchner Kammerspielen selbst inszenierte. 1928 feierte Brecht mit seiner von Kurt Weill vertonten „Dreigroschenoper“ einen der größten Theatererfolge der Weimarer Republik. Zu Beginn des Jahres 1933 wurde eine Aufführung seines Stücks „Die Maßnahme“ durch die Polizei unterbrochen, die Veranstalter wegen Hochverrats angeklagt. Am 28. Februar – einen Tag nach dem Reichstagsbrand – verließ Brecht mit seiner Familie und Freunden Berlin und flüchtete über Prag, Wien und Zürich nach Skovsbostrand bei Svendborg in Dänemark, wo er sich die nächsten fünf Jahre aufhielt. Im Mai des Jahres wurden seine Werke von den Nationalsozialisten verbrannt. Im Sommer 1941 floh Brecht aus dem immer unsicherer werdenden Europa via Moskau im Transsibirien-Express nach Wladiwostok. Vom Osten der UdSSR setzte er mit dem Schiff nach Kalifornien über, wo er in Santa Monica in der Nähe von Hollywood lebte. Nachdem er am am 30. Oktober 1947 vom „Komitee für unamerikanische Aktivitäten“ vorgeladen und verhört wurde, reiste Brecht – während der Premiere seines „Das Leben des Galilei“ in New York – über Paris nach Zürich. Am 22.10.1948 kehrte er mit tschechoslowakischem Pass über Prag nach Deutschland zurück, nach Ost-Berlin, wo er im Herbst 1949 mit Helene Weigel das Berliner Ensemble gründete. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Brecht als Leiter des Ensembles intensiv der Förderung schriftstellerischer wie theatralischer Talente. 1955 erhielt er den Internationalen Stalin-Friedenspreis, den er persönlich in Moskau entgegennahm. Im Mai des 1956 wurde Brecht mit einer Grippe in die Berliner Charité eingeliefert. Er starb am 14. August 1956 an einem Herzinfarkt.





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