Wird der Sahel Europas «Vietnam»? Vernichtende Bilanz der westlichen Interventionen in Westafrika

Diese desaströse Entwicklung führt zu grossem menschlichem Leid. 1, 5 Millionen Menschen vertrieben. Ein Weiter-wie-bisher droht die Region zu einer Art «Vietnam» für Europa zu machen: ein schier endloser, chaotischer Krieg, bei dem auf jeden Fortschritt zwei Rückschritte folgen. Den Krieg zu gewinnen, reiche nicht, sagt der senegalesische Politologe und Sahel-Experte Bakary Sambe. «Man muss auch den Frieden gewinnen, zusammen mit der Bevölkerung.» Nur Rohstoffe rausholen und Demokratie heucheln werden nicht ausreichen dazu.


Auszüge aus der NZZ: Wird der Sahel zu Europas «Vietnam»? Europa gibt seit Jahren Milliarden aus, um die Sahelzone zu stabilisieren. Trotzdem hat sich die dortige Sicherheitslage rapide verschlechtert. Es ist höchste Zeit, ein paar kritische Fragen zu stellen.

Ganz Timbuktu scheint auf den Beinen zu sein, als der «grosse Befreier», für den viele hier den französischen Präsidenten halten, endlich eintrifft. Auf der Place Centrale müssen ihm die Sicherheitskräfte mühsam einen Weg durch die feiernden Menschenmassen bahnen. Ab und zu bleibt François Hollande stehen, schüttelt Hände, winkt und lacht. «Vive la France», rufen viele. «Merci, Papa Hollande», steht auf einem Banner.




Wenige Tage vorher hat die französische Armee die Islamisten aus der Wüstenstadt im Norden Malis vertrieben. Auch andernorts mussten sich die Rebellen nach monatelanger Besetzung zurückziehen. «Einige Wochen noch», sagt er, dann komme die Sache hier zum Abschluss, dann übernähmen die lokalen Streitkräfte, dann kehre die Stabilität zurück.


Der grösste rechtsfreie Raum der Welt

Aus «einigen Wochen» sind über acht Jahre geworden. Schritt für Schritt hat sich die Lage in Mali seither verschlechtert, und immer tiefer wurden zuerst Frankreich, dann auch Deutschland und andere europäische Staaten in den Konflikt hineingezogen. Längst hat die Sicherheitskrise auch die umliegenden Länder erfasst und eine humanitäre Notlage ausgelöst. Die Sahelzone gehört heute zu den gefährlichsten und instabilsten Regionen der Welt.


Die Abwärtsspirale, in die Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad in den letzten Jahren gerieten, ist frappant. Allein 2020 fielen in den vier Ländern knapp 7000 Menschen der Gewalt zum Opfer – mehr als je zuvor. Die Zahl der intern Vertriebenen stieg innert zwei Jahren von 100 000 auf zuletzt 1,5 Millionen Personen. 13 Millionen sind auf Nothilfe angewiesen. 4 Millionen Kinder gehen aus Sicherheitsgründen nicht mehr zur Schule. Die Uno spricht von einem «toxischen Mix aus Instabilität, bewaffneter Gewalt, extremer Armut und Hunger».

Seit Hollandes Besuch in Timbuktu sind die Terrormilizen, die in Teilen mit Al-Kaida oder dem Islamischen Staat affiliiert sind, vom Norden Malis ins Zentrum des Landes vorgerückt. Bald darauf nahm auch in den Nachbarstaaten die Zahl der jihadistischen Angriffe rapide zu. Hinzu kommt die Ausbreitung krimineller Banden und interethnischer Konflikte, die sich – getrieben etwa durch Streitigkeiten um Weide- und Ackerflächen – gewaltsam entladen.


Das staatliche Gewaltmonopol ist in weiten Teilen der Region längst Makulatur. Der Norden Burkina Fasos sowie die riesigen Wüstengebiete von Mali, Niger und zunehmend auch Tschad werden weitgehend von Jihadisten, Banden und lokalen Milizen kontrolliert. Wo staatliche Institutionen existieren, sind sie oft schwach und dysfunktional.


Viel Aufwand, wenig Ertrag

Diese desaströse Entwicklung führt zu grossem menschlichem Leid. Und sie ist für Europa äusserst beunruhigend.


Erstens setzt jedwede europäische Migrationspolitik mit Afrika eine Kooperation mit den Sahelstaaten voraus. Wenn dort weite Gebiete in Anarchie versinken, wird die Route von Mali und Niger nach Libyen endgültig zu einem chaotischen, rechtsfreien Hotspot der Migration und des Menschenhandels. Für den Drogenschmuggel zeichnet sich diese Entwicklung bereits ab.


Zweitens könnten Islamismus und Gewalt auf weitere Länder in der Region überschwappen. Es wäre ein Flächenbrand, der ganz Westafrika destabilisierte. Zudem wächst im Sahel ein jihadistischer Nachwuchs heran, der irgendwann auch in Europa aktiv werden könnte. Der Weg von Bamako ans Mittelmeer ist weniger weit, als manche glauben.


Beunruhigen müssen Europa die jüngsten Entwicklungen aber auch deshalb, weil sie in aller Klarheit aufzeigen, wie wirkungslos die erheblichen internationalen Bemühungen um eine Stabilisierung bisher blieben. Frankreich ist in der Region mit 5000 Soldaten präsent. Die deutsche Bundeswehr hat 1100 Soldaten nach Mali entsandt. Die dortige Blauhelm-Mission umfasst rund 15 000 Personen und gilt als teuerster Uno-Friedenseinsatz überhaupt. Hinzu kommen die erheblichen Ausgaben für die Entwicklungszusammenarbeit.


Zeit, sich Fragen zu stellen

Vor diesem Hintergrund ist die Bilanz des europäischen Engagements in der Sahelzone vernichtend. Ein Weiter-wie-bisher wäre deshalb fatal und drohte die Region zu einer Art «Vietnam» für Europa zu machen: ein schier endloser, chaotischer Krieg, bei dem auf jeden Fortschritt zwei Rückschritte folgen.

Über wichtige Fragen nachdenken:


  • Tun wir das Richtige? Im Zentrum des europäischen Engagements im Sahel steht – stark getrieben durch Frankreichs Agenda – der Anti-Terror-Kampf. Den Krieg zu gewinnen, reiche nicht, sagt der senegalesische Politologe und Sahel-Experte Bakary Sambe. «Man muss auch den Frieden gewinnen, zusammen mit der Bevölkerung.»

  • Was hilft? Den Frieden gewinnen, das Problem an der Wurzel angehen, Perspektiven schaffen – das sind Ziele, die auch in der Sahel-Strategie der EU ihren Platz finden. Diese Fragen sind die Kernfragen der Entwicklungszusammenarbeit, werden aber allzu selten gestellt. Auch im Sahel gibt es hier dringenden Nachholbedarf. Es geht dabei um altbekannte Defizite: um das Unvermögen etwa, staatliche Strukturen vor Ort zu stärken und Jobs zu schaffen. Es geht aber auch darum, kritischer über seine eigene Rolle und Verantwortung nachzudenken: Die Schweiz importiert aus Burkina Faso und Mali Gold mit Werten in Milliardenhöhe. Fragen werden dabei kaum gestellt. Gleiches gilt für Frankreich in Niger, wenn es um das dortige Uran geht.

  • Wer ist Feind, wer Freund? Islamismus und Terror bekämpfen: Das hört sich in der Theorie nach einer klaren Vorgabe an. Die Praxis ist komplexer, ambivalenter. Oft kann selbst die Lokalbevölkerung kaum zwischen Islamisten, organisierten Kriminellen und Selbstverteidigungsmilizen unterscheiden. Die rote Linie Europas – «kein Kontakt zu Islamisten» – scheint vor diesem Hintergrund nicht in jedem Fall praktikabel und sinnvoll. Hinzu kommt, dass die staatlichen Streitkräfte vielfach wenig zur Deeskalation beitragen. In Mali und Burkina Faso wurden vergangenes Jahr mehr Menschen durch lokale Soldaten und Polizisten umgebracht als durch jihadistische Gruppen. Das ist skandalös – und kein gutes Zeugnis für Europa, das in Mali ebendiese Streitkräfte seit Jahren auszubilden versucht. Wer hierfür Millionen investiert, sollte entschieden auf die Einhaltung menschenrechtlicher Standards pochen.

  • Glaubwürdigkeit oder Opportunismus? «Hau ab, Frankreich», skandierten jüngst Demonstrierende in Bamako. Es war nicht das erste Mal. Die wachsenden Ressentiments gegen Paris kontrastieren stark mit den Szenen in Timbuktu vor acht Jahren – sie sollten uns zu denken geben. Ohne lokale Unterstützung ist jedes Engagement von aussen zum Scheitern verurteilt. Der französische Präsident, der auf Afrika-Reisen gerne über den Wert der Demokratie referiert, reiste im Frühjahr eilends nach Tschad, um der Beerdigung des langjährigen Diktators Déby beizuwohnen. Dass nach dessen Ableben in einem Staatsstreich kurzerhand sein Sohn die Macht übernommen hatte, schien ihn nicht zu stören. Als sich derselbe Macron jüngst über den neuerlichen Coup in Bamako erzürnte und kurzerhand die Kooperation mit den malischen Streitkräften auf Eis legte, löste das vielerorts Kopfschütteln aus. Opportunismus und Doppelstandards sind mit Glaubwürdigkeit nicht vereinbar. Will Europa im Sahel etwas erreichen, tut es gut daran, auf Letztgenanntes zu setzen.

https://www.nzz.ch/meinung/wird-der-sahel-zu-europas-vietnam-ld.1628663


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