Vor wenigen Monaten wäre das noch undenkbar gewesen. Die Ukraine ist allmählich zu einem Waffenstillstand ohne jede Vorbedingung bereit. Doch sind sie ernst gemeint? Feuerpause nur als Atempause?
Selenskyjs Waffenruhe-Poker: Was, wenn Putin plötzlich Ja sagt?
Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (Auszüge): Die Ukraine will plötzlich eine Feuerpause ohne Bedingungen. Ein Zeichen der Schwäche? Eher ein Schachzug, der Moskau den Schwarzen Peter zuschieben soll.
25.09.2026, 11:05 Uhr
Vor wenigen Monaten wäre das noch undenkbar gewesen. Die Ukraine ist allmählich zu einem Waffenstillstand ohne jede Vorbedingung bereit. Vor den Vereinten Nationen hatten die Ukraine, die EU-Staaten und weitere Länder, insgesamt etwa 50 Alliierte Kiews, diese Position gemeinsam vorgetragen. In Russland, aber auch in der Ukraine selbst, deuteten einige Kommentatoren und Telegram-Kanäle das als Zeichen der Schwäche. Wolodymyr Selenskyj spüre die Last der militärischen Lage und wolle deshalb dringend eine Feuerpause.
Bereits im März vergangenen Jahres hatte die ukrainische Führung unter massivem Druck von US-Präsident Donald Trump einer Waffenruhe entlang der Frontlinie zugestimmt, obwohl eben diese Option in der ukrainischen Hauptstadt zuvor noch als Kapitulation gegolten hatte. Neu ist lediglich die Bühne: die UN-Generalversammlung in New York.
„Berechnung, dass Moskau ablehnt“
Das ukrainische Onlineportal Strana argumentiert, Selenskyjs Worte über die Bereitschaft, den Krieg entlang der Frontlinie zu beenden, bedeuteten keineswegs, dass er dies tatsächlich wolle. Vielmehr handle der ukrainische Staatschef im Rahmen eines europäischen Konzepts, wonach eine Verlängerung des Krieges vorteilhaft sei. Seine Angebote mache er, so das Portal, „ausgehend von der Berechnung, dass Moskau sie ablehnen wird“.
Das berge allerdings ein Risiko. Sollte der Kreml wider Erwarten zustimmen, wäre es für Selenskyj kaum möglich, von einer bedingungslosen Waffenruhe abzurücken, die er selbst gefordert hat. Deshalb, so die These, unternehme Selenskyj gleichzeitig Schritte, um die ohnehin geringe Wahrscheinlichkeit einer russischen Zustimmung weiter zu senken.
Als Beleg dient ein kürzlicher Auftritt auf einer Sitzung der sogenannten Krim-Plattform. „Die Rückkehr der Ukrainer zu einem normalen Leben ist ohne die Deokkupation der Krim unmöglich“, sagte Selenskyj. Damit bestätigte der ukrainische Präsident, so das Portal, das Hauptargument der Waffenstillstandsgegner in Moskau: Kiew sei zu keiner echten Regelung bereit und wolle eine Feuerpause lediglich als Atempause nutzen. Auch in Selenskyjs UN-Rede habe der Gedanke mitgeschwungen, eine Waffenruhe entlang der Front wäre eine Niederlage Putins, die dieser den Russen nicht erklären könne. Das Angebot werde also so verpackt, dass der Kreml es mit Sicherheit ablehne.
Folgt man dieser Analyse, verfolgt Selenskyj mit seinen jüngsten Waffenstillstandsambitionen gleich mehrere Ziele. Erstens solle der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit gezeigt werden, dass nicht Selenskyj, sondern Putin einem Kriegsende im Weg stehe.
weitens richte sich das Signal an Trump. Mindestens gehe es darum, zu verhindern, dass die USA Kiew zu den russischen Forderungen drängen: Rückzug aus dem Donbass und Ende der Angriffe auf russische Ölraffinerien. Für die Präsidialverwaltung in der Bankowa-Straße und die Europäer sei es wichtig, bis zu den Kongresswahlen durchzuhalten. Dort rechne man mit einem Sieg der Demokraten, nach dem Trump keinen Druck mehr ausüben könne. Im besten Fall wolle man den US-Präsidenten sogar zu mehr Druck auf Moskau bewegen, etwa zu den vom Kongress beschlossenen „Höllensanktionen“, und zu mehr Hilfe für die Ukraine.+
Drittens adressiere die Botschaft die russische Gesellschaft. Der Krieg dauere nur wegen des Kremls an, die Ukraine sei jederzeit zum Stopp bereit. Fragen zu den Folgen des Krieges sollten die Russen also ihrer eigenen Führung stellen. Ob jedoch Selenskyj damit in die russische Öffentlichkeit durchdringt, bleibt höchst fraglich.
Der Kreml erklärte am Mittwoch, die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche seien nicht gegeben. Eine Perspektive für hochrangige Treffen gebe es derzeit nicht. Noch während Selenskyj mit Axios sprach, feuerte Russland mehrere ballistische Raketen auf Kiew ab.
Dahinter steht offenbar ein nüchternes Kalkül. Die russische Führung geht davon aus, dass die Zeit für sie arbeitet. Im Winter würden die ukrainische Energieversorgung und Wirtschaft endgültig zusammenbrechen, Zugeständnisse lohnten sich daher jetzt nicht. Zugleich verhärtet auch die Rhetorik aus Kiew und Europa die russische Position. Eine Waffenruhe bedeutet keine Normalisierung, sondern nur eine andere Form des Konflikts. Die Angebote würden so formuliert, dass eine Annahme für Putin maximal demütigend wäre.
Am Donnerstag hat Putins Gesandter Kirill Dmitrijew in New York Witkoff und Kushner getroffen. Ukrainische Vertreter sagten, einige Elemente der amerikanischen Vorschläge müssten in den kommenden zwei Wochen noch ausgearbeitet werden, bevor die Amerikaner sie nach Moskau bringen.
Selenskyjs Wunsch nach einer bedingungslosen Waffenruhe kommt also weder plötzlich noch ist er zwingend ein Zeichen der Verzweiflung. Es ist vermutlich beides zugleich: ein ernst gemeintes Angebot an Trump und ein strategischer Schachzug, der Putin den Schwarzen Peter zuschieben soll. Riskant wäre es für Selenskyj nur in einem Fall, nämlich wenn Putin plötzlich Ja sagt.




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