Unternehmer gegen einen neuen Eisernen Vorhang. Politikberater Schneider: Russland gehört zu Europa: Für ein Aufheben einiger Russland-Sanktionen, für ein Miteinander von Russen, Ukrainern & Deutschen
Berliner Zeitung: Montag in Kasachstan, Mittwoch in Aserbaidschan, Freitag in Moldau und am Wochenende in Berlin, oder anderswo in Deutschland. Ulf Schneider ist viel unterwegs – vor allem in Gefilden östlich der Oder. Seine 2003 gegründete Consultingfirma Schneider Group berät internationale Unternehmen beim Markteintritt und der Geschäftsentwicklung in mehreren postsowjetischen Ländern – auch in Russland und in der Ukraine.
Herr Schneider, Sie halten weiterhin an Ihren Büros in Russland und der Ukraine fest – man könnte Ihnen dafür Mut attestieren. Was entgegnen Sie Kritikern, die fordern, man müsse sich aus Russland oder auch aus Belarus vollständig zurückziehen, da jedwedes Geschäft den Angriffskrieg auf die Ukraine finanziere?
Mein Ansatz war immer folgender: Ich möchte dazu beitragen, dass trotz angespannter politischer Situationen auf menschlicher Ebene so viel wie möglich Kontakte beibehalten werden. Deshalb habe ich auch Büros in Russland wie auch der Ukraine – und zwar mit demselben Firmennamen.
Schauen Sie, 2014, als sich die Lage auf der Krim und im Donbass verschärfte, habe ich für unsere Mitarbeiter aus Kiew, Minsk, Moskau und Sankt Petersburg eine Fahrradtour am belarussisch-russisch-ukrainischen Dreiländereck organisiert. Für mich war das eine Fahrradreise für Frieden und Verständigung. So sind wir also mit 30 Kollegen aus den vier Büros durch die drei Länder gefahren, haben interessante Gespräche mit Grenzpolizisten geführt, hatten einen regen Austausch untereinander. Und was wir vor allem erreicht haben: Meine Mitarbeiter, auch die aus Kiew und Moskau, haben wieder einen Draht zueinander gefunden, man kommuniziert wieder miteinander. Das ist auch mein Wunsch für die Zukunft. Hinbekommen tut man das aber nur, wenn man vor Ort bei den Menschen ist.
Das muss um die Jahrtausendwende gewesen sein. Der Kanzler in Deutschland hieß damals noch Gerhard Schröder, Wladimir Putin war seit kurzem im Amt, Alexander Lukaschenko regierte in Belarus schon über fünf Jahre, der polnische Präsident war Aleksander Kwaśniewski. Was für einen Eindruck hat diese Zeit bei Ihnen hinterlassen?
Es war die Zeit der großen Chancen. Es gab irre viele Geschäftsmöglichkeiten. Ein Meer an deutschen Mittelständlern ist damals nach Russland gekommen, um den dortigen Markt als neuen Absatzmarkt zu entwickeln. Im Leben ist es häufiger so, dass man die Möglichkeiten, die man hatte, erst dann sieht, wenn die Zeit auf einmal vorbei ist. Und so ist es wahrscheinlich auch in diesem Fall. Ich glaube schon, dass es am Anfang dieses Jahrhunderts eine große Chance gab, dass die Europäische Union und Russland einen gemeinsamen Markt entwickeln, einen gemeinsamen wirtschaftlichen Raum, einen gemeinsamen humanitären Raum, einen Raum ohne Grenzen, ohne Visa. Und wir sind ja auch einige Zeit sehr gut vorangekommen.
Besonders auf den damaligen, überaus jungen Präsidenten Dmitri Medwedew setzte der Westen große Hoffnungen.
Ich denke da an das Jahr 2012 zurück. Es war die Blüte des deutsch-russischen Handels. Wenn ich mich recht erinnere, waren wir so knapp bei 100 Milliarden Euro Handelsvolumen. Das war etwas sehr Bedeutendes sowohl für Deutschland als auch für Russland. Wir haben damit nämlich eine gewisse Verflechtung und wirtschaftliche Abhängigkeit in beide Richtungen entwickelt.
Spätestens mit Beginn des Krieges im Frühjahr 2022 wurde diese deutsche Abhängigkeit von russischen Rohstoffen scharf kritisiert.
Aus heutiger Sicht halte ich es für weiterhin sinnvoll, was wir gemacht haben. Erinnern Sie sich: Vor zwölf Jahren waren wir nah dran, ein visafreies Reisen zwischen Berlin und Moskau oder Hamburg und Sankt Petersburg zu ermöglichen. Dass es dann anders gekommen ist, wissen wir alle. Aber ich will doch darauf hinweisen, dass wir 2012 eine wirtschaftliche Blütezeit hatten, die alle Beteiligten als eine positive Entwicklung ansahen – sowohl auf russischer als auch auf europäischer Seite.
Nostalgie hilft Ihnen bei Ihrem Alltagsgeschäft – ob in Russland oder Belarus – aber nicht weiter, oder?
Es ist unrealistisch, dass wir zu den alten Zeiten zurückkommen. Es hat sich vieles geändert. Frustration und Enttäuschung gibt es auf beiden Seiten. Das will ich überhaupt nicht werten, sondern ist nur meine Beobachtung. Ich sage aber auch, dass ich weiterhin spüre, dass beide Seiten, also Russen und Deutsche, irgendwie wieder mehr miteinander interagieren wollen.
Können Sie das konkretisieren?
Wenn ich in Russland, aber auch hierzulande auf Veranstaltungen mit Geschäftspartnern, Kollegen oder Bekannten spreche, dann existiert allemal der Wunsch, dass man doch irgendwie wieder eine gemeinsame Zukunft entwickeln müsse. Ich bin russischen Wirtschaftsvertretern sehr dankbar, dass sie trotz der politisch schwierigen Zeit uns als westliche Wirtschaft in Russland weiterhin versuchen, stark mit einzubinden. Ich behaupte, der Faden ist nicht vollständig durchschnitten. Außerdem nehme ich persönlich wahr, dass sich russische Vertreter mit ihren neuen „Freunden“ aus Asien oder Afrika – besonders mental – schwertun. Russland ist ein europäisches Land. Man kann nicht in drei, vier Jahren alles wegradieren.
Meine große Hoffnung ist, dass wir gemeinsam eine Vision entwickeln, wie wir in Zukunft miteinander umgehen wollen. Da geht es um Möglichkeiten des gemeinsamen Handels, wieder mehr kulturellen und wissenschaftlichen Austausch. Sollte es wenigstens solch eine Vorstellung geben, dann denke ich, wird es einfacher sein, Wege dorthin zu finden.
In welchen Bereichen berät die Schneider Group Unternehmen in Osteuropa?
Wir sind auf wirtschaftlicher Ebene so etwas wie eine Brücke zwischen Ost und West. Unsere Mission: Von der ersten Überlegung, wie man in den Markt in Osteuropa investieren will, bis zum vollumfänglichen Ausbau der Geschäftsidee vor Ort stehen wir beratend beiseite. Von der Marktanalyse über die Firmengründung, Rechts- und Steuerberatung bis hin zur Übernahme des Finanzwesens. Letztendlich geht es bei uns auch darum, wie man seine Waren im Osten nicht nur vertreiben, sondern vielleicht sogar eine eigene Produktion aufbauen kann.
Wo genau sind Sie vertreten?
Die Schneider Group ist in fast allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion vertreten – in der Ukraine, in Belarus, in den Ländern des Südkaukasus und Zentralasien. In Russland und Kasachstan haben wir zudem jeweils mehrere Büros. Hinzu kommen Standorte in Polen, Serbien und Österreich. Derzeit arbeiten bei uns etwa 500 Mitarbeiter an insgesamt 18 Standorten.
Glauben Sie, nach dem Ende des Krieges in der Ukraine werden die zuvor engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wieder aufgenommen?
Das glaube ich schon – es wird aber sehr langsam und gemächlich ablaufen, vermutlich zunächst über Zwischenhändler oder Vermittler. Zurück zu einem Business as usual wird es wahrscheinlich auch die nächsten zehn Jahre nicht gehen, es wird vielmehr ein stufenweiser Prozess, der Zeit braucht. Sollte es jedoch zu einem Waffenstillstand oder gar einer richtigen Vereinbarung zwischen der Ukraine und Russland kommen, kann ich mir eine langsame Wiederaufnahme der ökonomischen Verflechtungen sehr gut vorstellen. Da geht’s dann aber eher um kleinere Projekte. So etwas wie Nord Stream 2 erscheint mir – Stand jetzt – unrealistisch.
Welche Bereiche der Zusammenarbeit erscheinen Ihnen realistisch?
Ich denke da zunächst an die Industrien, die von den aktuellen Sanktionen nicht betroffen sind, beispielsweise der Bereich Lebensmittel, Agrarwirtschaft oder der pharmazeutische Sektor. Wenn der politische Wille zu gegebener Zeit da ist, könnten westlichen Staaten auch gewisse Sanktionen zurücknehmen, die sowieso keinen erhofften Effekt auf die politische Führung in Russland haben.
Das wären?
Um einfache Begegnungen zwischen den Menschen wieder zu ermöglichen, sollte man den regulären Flugverkehr wieder aufnehmen.
Wie kommen Sie eigentlich aktuell von Moskau nach Berlin und zurück?
Meistens über Istanbul, manchmal über Belgrad. Die Flugsanktionen sind das größte Subventionsprogramm für Turkish Airlines oder Pegasus. Sowohl der Westen als auch Russland haben ja Sanktionen beschlossen. Ich glaube im Übrigen, diese Flugverbindungen wieder aufzunehmen ist völlig unabhängig von der Frage eines möglichen Waffenstillstands eine sinnvolle Idee. Denn letztendlich führt diese Sperrung der Lufträume nur dazu, dass Menschen weniger untereinander kommunizieren. Das trägt nicht zu einer Beilegung des Konfliktes bei, das trägt eher zu einer Verkrustung und einer Verschärfung bei. Es trägt dazu bei, dass nur noch die Menschen, die sich das leisten können, ihre Verwandten, Freunde und Arbeitskollegen besuchen.
Auch die kriselnde deutsche Automobilindustrie war eine wichtige Säule in der russischen Wirtschaft.
Allgemein gesprochen plädiere ich dafür, dass wir uns fragen sollten: Wo hat Deutschland wahnsinnig viel verloren statt gewonnen? Die Chinesen haben zum Beispiel sehr schnell sehr viel von uns in Russland übernommen. Im Maschinenbau, der Automobilbranche, bei den Ersatzteilen. Es ist nicht so, dass Russland jetzt irgendetwas groß fehlt. Wir müssen deshalb aufpassen, dass wir gewisse Märkte, die wir sanktioniert haben, nicht dauerhaft verlieren – ohne dass die Sanktionen dem Westen einen sichtbaren positiven Effekt gegeben haben.
Einerseits sprechen Sie von einer kulturellen Nähe Russlands zu Europa. Andererseits sprechen Sie auch das verstärkte Engagement der Chinesen in Russland an. Wie wird das ausgehen?
Wirtschaftlich, nicht politisch betrachtet, sehe ich das so: Sollten in den nächsten zwölf Monaten die Kfz-Sanktionen des Westens zurückgedreht werden und es möglich sein, einen BMW oder Mercedes auf direkten Wegen von Deutschland nach Russland zu verkaufen, dann werden die russischen Unternehmen auch bereit sein, das zu tun. Die Russen würden sofort wieder deutsche Autos kaufen und den chinesischen Wagen in die Garage schieben. Ob das in fünf Jahren auch noch so sein wird? Das ist schwer vorhersehbar. Das hängt von vielen weiteren Faktoren ab. Wie verhärtet sich das Verhältnis in den Folgejahren? Es hängt aber auch davon ab, welche Erfahrungen die Russen mit den chinesischen Autos in den nächsten fünf Jahren sammeln werden.





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