Straßengewalt in Italien: „Der Faschismus beginnt auf dem Bürgersteig“ Die Regierungschefin schweigt
aus dem Tagesspiegel Auszüge Ein Angriff Rechtsextremer vor einer Schule erregt Italien. Die Regierung schweigt. Stattdessen droht der zuständige Minister einer Schulleiterin, die an die Anfänge der Diktatur vor 100 Jahren erinnerte.
Von Andrea Dernbach
Schon die Schläge waren ein nationaler Schock: Am Samstag vergangener Woche, kurz vor dem Klingeln zur ersten Stunde um acht Uhr, wurden in Florenz zwei Schüler vor ihrem Gymnasium ins Krankenhaus geprügelt. Ihr Vergehen: Sie hatten mit Mitgliedern von „Azione studentesca“ gestritten, der Schülerorganisation der Partei von Premierministerin Giorgia Meloni, die gerade dabei waren, Flugblätter vor der Schule zu verteilen.
Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Schüler, der bereits zu Boden gegangen ist, von mehreren Angreifern brutal geschlagen und getreten wird. Erst das Eingreifen einer Lehrerin beendete den Überfall. Inzwischen wird gegen sechs mutmaßliche Beteiligte ermittelt. Drei Betroffene sind volljährig, der jüngste Verdächtige soll 16 Jahre alt sein..
Ein Handgemenge habe es vor der Schule gegeben, hieß es aus der Regierungspartei. Deren Florentiner Vertretung verurteilte nebulös „jede Form der Gewalt“ und rief zwischen den Zeilen die 1970er Jahre auf. Niemand habe „Sehnsucht nach der Phase politischer Gewalt, die zu lange die Geschichte Italiens prägte“ Die Intention war klar: Damals gaben sich die Straßengewalt von rechts und die von links nicht viel.
Inzwischen scheint jedoch sicher, dass die Gewalt ausschließlich von jener Seite kam, die die Rechte nicht nannte. Die einzige Aggression der verprügelten Schüler war es nach Rekonstruktion von Polizei und Medien, dass sie sich über den Inhalt der Flugblätter empörten und dies auch sagten: „Träume, kämpfe, zeichne dich aus, um wirklich zu leben“ stand dort, das Ganze mit keltischen Kreuz verziert, einem Erkennungszeichen der extremen Rechten.
Schulleiterin warnt vor „Wir“ gegen „die Anderen“
Auf den Schock vom Montag folgte am Donnerstag ein weiterer: Nachdem tagelang nur dröhnendes Schweigen aus dem Regierungslager in Rom zu vernehmen war, bot jetzt der Brief einer Schulleiterin aus Florenz dem Schulminister Anlass zur Stellungnahme – allerdings weiter ohne ein Wort des Bedauerns über die Gewalt.
Annalisa Savino, Direktorin des naturwissenschaftlichen Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums hatte sich am Tag nach der Tat an die Schüler:innen und Eltern ihrer Schule gewandt: Sie vertraue darauf, dass alle sich über die Ereignisse „vor einer Schule wie unserer“ und die fehlenden Reaktionen ihr eigenes Bild machten.
Aber sie wolle doch erinnern: „Der Faschismus in Italien ist nicht auf Kundgebungen von mehreren tausend Menschen entstanden. Er begann auf irgendeinem Bürgersteig, mit dem Opfer einer politisch motivierten Prügelattacke, das von gleichgültigen Passanten sich selbst überlassen blieb.“
Ich hasse die Gleichgültigen, sagte Antonio Gramsci, ein großer Italiener, den die Faschisten bis zu seinem Tod ins Gefängnis sperrten, weil die Kraft seiner Gedanken sie einschüchterte wie die Hasen.
Aus dem Brief der Florentiner Schulleiterin Annalisa Savino an ihre Schüler:innen
Solcher Gewalt müsse immer entgegengetreten werden, auch in Zeiten der Unsicherheit wie jetzt, wo Totalitarismen bevorzugt entstünden.
Das war Schulminister Giuseppe Valditara, einem Mitglied der ebenfalls rechtsradikalen „Lega“, früher Parteifreund Melonis in der Vorgängerpartei Alleanza nazionale, offensichtlich zu viel: Italien rutsche „nicht in Gewalt und in ein autoritäres System ab“, sagte er im Fernsehen.
Die Regierungschefin schweigt: „Damit schützt sie de facto Gewalttäter und klagt die an, die sich ihnen im Namen von Demokratie und Antifaschismus entgegenstellen. Will sie weiter schweigen?“
Das steht zu vermuten. Tatsächlich zeigt der Vorfall die Ambivalenz ihrer Regierung und ihrer Person. Meloni verzichtet seit langem auf rechtsextreme Rhetorik und hat mit unverbrüchlicher Bündnis- und EU-Treue, Ukraine-Solidarität und verbindlichem Auftreten im Ausland gepunktet. Dass sie sich beharrlich weigert, klare Worte zu den faschistischen Wurzeln der Partei – und nicht wenigen Zweigen - zu sagen, die sie vor einem Jahrzehnt gegründet hat, wird auch in Italien gern als unbedeutende Geste an die Adresse der faschistischen Nostalgiker und Falken von FdI gesehen. Jetzt fällt es ins Gewicht: Azione studentesca





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