«So einen Tornado hatten wir in Tschechien noch nie.» Es kommt, wie es Klimaforscher voraussagten

Bericht aus der Neuen Züricher Zeitung, Auszüge:

"Eine Kombination aus Tornado, sintflutartigen Regenfällen und tennisballgrossen Hagelkörnern hat die tschechische Region Südmähren am Donnerstagabend in eine postapokalyptische Landschaft verwandelt. Mindestens fünf Personen kamen ums Leben, als sich der heftige Sturm durch Dörfer frass, Häuser zerhackte und Autos in verbeulte Blechhaufen verwandelte. Die Zahl der Verletzten liegt offiziell bei 200. Allerdings könnte sie sich noch deutlich erhöhen, da die Lage laut den Behörden unübersichtlich bleibt. Rettungsteams suchten in den Ruinen am Freitag nach Überlebenden, teilweise mit schwerem Gerät.

Tschechiens Gesundheitsminister verglich die Gewalt der Einschläge mit einem Krieg, der Gouverneur von Südmähren sprach nach einem Augenschein von der «Hölle auf Erden». Der stellvertretende Bürgermeister des Dorfes Hrusky, das besonders stark betroffen war, schätzte, dass etwa ein Drittel der Häuser so zerstört sei, dass die Menschen erst nach einer grundlegenden Überprüfung zurückkehren könnten. Auch die Nachbargemeinde Moravska Nova Ves mit 2600 Einwohnern wurde hart getroffen. Die Feuerwehr, die am Donnerstagabend zeitweise an 300 Orten gleichzeitig hätte sein sollen, erreichte das Dorf laut dem Bürgermeister erst nach einer Stunde. Medien berichten über insgesamt sieben zerstörte Ortschaften.

«Eine solche Zerstörung haben meine Kollegen und ich noch nie gesehen», erklärt er am Telefon. Die Mobilkommunikation sei teilweise zusammengebrochen, «die Strassen waren übersät mit umgestürzten Bäumen, Strommasten und Bauschutt». In Hrusky baute das Rote Kreuz Niederösterreich dann ein medizinisches Notfallzentrum auf, um die Verletzten zu versorgen. «Was ich sah, erinnerte mich stark an die Bilder, die man aus den Tornado-Gebieten in Nordamerika kennt», erzählt Wolfram.

Allerdings sind Tornados in Europa keine Seltenheit. Laut dem European Severe Storms Laboratory, das Daten über Stürme sammelt, gab es seit 2010 3827 Tornados in und um Europa. Extrem rar sind solche der stärksten Kategorien, F4 und F5, auf der Fujita-Skala; diese werden begleitet von Winden mit über 300 Kilometern pro Stunde. Von ihnen gab es gerade einmal 2 – derjenige mit den meisten Opfern in der europäischen Geschichte ereignete sich 1984 in der russischen Stadt Iwanowo mit 69 Toten.

Martin Setvak, der für das Hydrometeorologische Institut in Tschechien Radarbilder analysiert und Tornados seit Jahrzehnten verfolgt, schätzt, dass der Sturm vom Donnerstag in die Kategorie F4 fiel. Definitiv bestätigt werde dies erst in den nächsten Tagen, wenn Experten vor Ort die Schäden analysierten. Doch für ihn ist bereits klar: «So einen Tornado wie gestern hatten wir in Tschechien noch nie.»

Fast alle bisher beobachteten Wirbelstürme seien schwach gewesen, so auch der letzte im Jahr 2018. Aufgrund der bisher analysierten Bilder vermutet Setvak auch, dass in Südmähren ein «Multivortex-Tornado» wütete, der aus mehreren Strudeln besteht und deutlich zerstörerischer ist. Dies sei ebenfalls ein recht neues Phänomen, das global erstmals vor zwanzig Jahren beobachtet worden sei."

https://www.nzz.ch/panorama/tornado-und-unwetter-verwuesten-doerfer-in-tschechien-ld.1632322



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