top of page

Pikettys Aufruf an uns alle: Soziale Gerechtigkeit muss politisch erkämpft werden, ist kein Geschenk

28. Aug. 2022
4 Min. Lesezeit

Thomas Piketty: „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“

Es gibt einen historischen Fortschritt 06:02 Minuten Soziale Gerechtigkeit ist eine der sechs grundlegenden Bedingungen für Frieden.


Audio herunterladen Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty erzählt die Geschichte der Demokratie als allmähliche Überwindung der Ungleichheit – und erklärt, was zu tun ist, um diesen Fortschritt auch in Zeiten der Krise zu verteidigen. Den Demokratien westlicher Prägung ist das Versprechen gemein, dass alle Bürgerinnen und Bürger in ihnen gleich behandelt werden – dass sie unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft gleiche Aufstiegs- und Entfaltungsmöglichkeiten besitzen. Zugleich sind diese Demokratien kapitalistisch organisiert. Der Kapitalismus produziert unaufhörlich alle Arten von Ungleichheit und lebt von ihnen, insbesondere in ökonomischer Hinsicht. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Gleichheit und Ungleichheit in der Geschichte der kapitalistischen Demokratien entwickelt? Und wieviel Widerspruch zwischen Anspruch und Realität hält eine Gesellschaft aus, bevor es sie zerreißt – insbesondere in Krisenzeiten, wie wir sie gegenwärtig erleben? Das sind die Fragen, denen sich der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty seit zwei Jahrzehnten widmet, umfassend zuletzt in zwei rund 1000-seitigen Büchern, „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ und „Kapital und Ideologie“.

Welche Gründe gibt es für Optimismus? Sein neues Buch „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ hat einen optimistischeren Ton: Bislang beschrieb Piketty vor allem die wachsende Ungleichheit in den kapitalistischen Staaten der Gegenwart. Weil in diesen die Einkünfte aus Kapitaleigentum stärker wachsen als die Wirtschaft im Ganzen, so seine These, verfestigt sich der Reichtum kleiner Eliten, während die restlichen 90 Prozent der Gesellschaft immer geringere Chancen haben, um zu diesen aufzuschließen oder sich überhaupt aus der Armut zu befreien.

Wie kann man Gleichheit überhaupt messen? Er beobachtet die Entwicklung von Lohn- und Eigentumsverhältnissen; er stellt aber auch immer wieder die Frage, woran man Gleichheit eigentlich misst. Wesentlich gehört etwa auch der Zugang zur Bildung dazu. Als wichtigstes Instrument für die Beförderung ökonomischer Gleichheit sieht Piketty das Steuersystem. Seit Ende des 19. Jahrhunderts seien Gesellschaften immer dann gleicher geworden, wenn sie progressive Steuersysteme durchsetzen konnten.

Für die Gegenwart sei es die wichtigste Aufgabe, den neuerlichen Kampf der Eliten gegen die progressive Besteuerung zurückzuschlagen – sowie Einkünfte aus Kapitalbesitz international gleichmäßig abzuschöpfen. Darum müsse man internationale Institutionen schaffen, die die Flucht des Kapitals in die steuerlich jeweils günstigsten Staaten verhindern.

Was lässt sich aus der Geschichte lernen? Dass sich dabei um eine geradezu utopische Idee handelt, weiß Piketty natürlich selber: Von politischen und wirtschaftlichen Kooperationen in internationalem Maßstab sind wir heute weiter entfernt denn je.

So bleibt ihm nur das – wiederum historisch detailliert begründete – Fazit, dass wirtschaftliche Gleichheit auch in demokratischen Staaten immer nur in zum Teil erbitterten Kämpfen erstritten wurde, insbesondere nach Kriegen und in Krisenzeiten.

Für diese Kämpfe sei es wichtig, dass Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge nicht im Besitz der profitierenden Eliten verbleibe. Thema ist welches die Felder sind, auf denen man um Gleichheit zu kämpfen hat; und was man aus der Jahrhunderte währenden Geschichte dieses – oft auch erfolgreichen – Kampfs für die Gegenwart und die kommenden Krisen lernen kann.


KLAPPENTEXT Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Mit 41 Grafiken und Tabellen. "Das ist ja interessant, was Sie schreiben, aber können Sie es vielleicht auch kürzer sagen?" Diese Frage ist Thomas Piketty, der mit seinen Büchern "Das Kapital im 21. Jahrhundert" und "Kapital und Ideologie" eine internationale Debatte über die Ursachen sozialer Ungleichheit in Gang gebracht hat, oft gestellt worden. Piketty hat diese Bitten ernst genommen und sich an die Arbeit gemacht. Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der sozialen Konflikte und Konstellationen und eine Lektion in globaler Gerechtigkeit: das eine Ökonomie-Buch, das wirklich jeder gelesen haben sollte. Thomas Piketty hat mit seinen Büchern die soziale Ungleichheit wieder zurück ins Zentrum der politischen Debatten gebracht. Er sieht und benennt den Fortschritt in der Geschichte, und er zeigt uns, mit welchen Mitteln er erzielt wurde. Aber zugleich verwandelt er die historischen Einsichten in einen Aufruf an uns alle, den Kampf für mehr Gerechtigkeit energisch fortzusetzen, auf stabileren historischen Fundamenten und mit einem geschärften Verständnis für die Machtstrukturen der Gegenwart. Denn auf dem langen Weg zu einer gerechteren Welt stellt sich für jede Generation die Frage, ob sie ein neues Kapitel der Gleichheit aufschlägt - oder eines der Ungleichheit. BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info): Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit - Leseprobe bei C.H. Beck Verlag

Eine kurze Geschichte der Gleichheit

«Das ist ja interessant, was Sie schreiben, aber können Sie es vielleicht auch kürzer sagen?» Diese Frage ist Thomas Piketty, der mit seinen voluminösen Bestsellern «Das Kapital im 21. Jahrhundert» und «Kapital und Ideologie» eine internationale Debatte über die Ursachen sozialer Ungleichheit in Gang gebracht hat, oft gestellt worden. Piketty hat diese Bitten ernst genommen und sich an die Arbeit gemacht. Das Ergebnis ist eine Weltgeschichte der sozialen Konflikte und Konstellationen und eine Lektion in globaler Gerechtigkeit: das eine Ökonomie-Buch, das wirklich jeder gelesen haben sollte. Thomas Piketty hat mit seinen Büchern die soziale Ungleichheit wieder zurück ins Zentrum der politischen Debatten gebracht. Er sieht und benennt den Fortschritt in der Geschichte, und er zeigt uns, mit welchen Mitteln er erzielt wurde. Aber zugleich verwandelt er die historischen Einsichten in einen Aufruf an uns alle, den Kampf für mehr Gerechtigkeit energisch fortzusetzen, auf stabileren historischen Fundamenten und mit einem geschärften Verständnis für die Machtstrukturen der Gegenwart. Denn auf dem langen Weg zu einer gerechteren Welt stellt sich für jede Generation die Frage, ob sie ein neues Kapitel der Gleichheit aufschlagen will - oder eines der Ungleichheit.



Einführung


Kapitel 1

Der lange Weg zur Gleichheit: Erste Anmerkungen


Kapitel 2

Die allmähliche Dekonzentration von Macht und Eigentum


Kapitel 3

Das Erbe der Sklaverei und des Kolonialismus


Kapitel 4

Die Frage der Wiedergutmachung


Kapitel 5

Revolutionen, Status, Klassen


Kapitel 6

Die große Umverteilung, 1914–1980


Kapitel 7

Demokratie, Sozialismus und progressive Einkommensteuer


Kapitel 8

Reale Gleichheit gegen Diskriminierung


Kapitel 9

Auswege aus dem Neokolonialismus


Kapitel 10

Für einen demokratischen, ökologischen sowie ethnisch und kulturell diversen Sozialismus





 
 
 

Kommentare


bottom of page