Mali-Krieg: "Weiter so" darf es nicht geben: Sicherheitslage hat sich kontinuierlich verschlechtert

Am Freitag sind bei einem Selbstmordanschlag neben den zwölf verletzten Deutschen noch drei weitere UNO-Soldaten verletzt worden. Zudem wurden sechs malische Soldaten am selben Tag getötet. Die 1.100 Bundeswehrsoldaten werden wie die Soldaten der malischen oder französischen Armee ständig von Bewaffneten verschiedenster Couleur angegriffen. Viele Malier sehen die fremden Truppen als Teil von Besatzungsmächten, die ihr Land unterwerfen und ihre Rohstoffe ausbeuten wollen. Immer wieder wird vor allem der Abzug der französischen Armee gefordert. Sie hat bei ihren Aktionen viele Zivilsten getötet. Frankreich ist die frühere Kolonialmacht, die das Land lange mit Gewalt unterworfen hatte. Was ist der Hintergrund: Die Zerstörung des libyschen Staates durch die NATO stand am Anfang der Gewalteskalation in Mali: Tuareg und Islamisten, wurden nach dem Sturz Gaddafis durch den Westen in Libyen diskriminiert und kehrten mit Waffen nach Mali zurück. Vom Norden breitete sich die Gewalt über ganz Mali aus. Afrikanische Politiker hatten den Westen genau davor gewarnt: Wenn Ihr Gaddafi stürzt, destabilisiert ihr ganz Westafrika. Genau das hat die Nato erreicht. Und seither?




Auszüge aus dem Interview mit Thomas Schiller, dem Leiter des Regionalprogramms Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Bamako/Mali auf NTV: Die Sicherheitslage hat sich kontinuierlich verschlechtert. Heute hat die Regierung weite Teile des Landes nicht unter Kontrolle. Es gibt nicht nur Terroristen, sondern viele bewaffnete Gruppen und immer mehr Regionen, in die ich zum Beispiel nicht mehr allein mit dem Auto reisen könnte. Das war vor dreieinhalb Jahren, als ich hierherkam, noch anders.


Das liegt vor allem daran, dass der malische Staat so schwach ist und einfach nicht funktioniert. Man hat die Zeit nicht genutzt, um den Staatsapparat zu reformieren, und auch im Sicherheitsapparat hat sich nichts verbessert.


Am Freitag sind bei einer anderen Attacke sechs malische Soldaten gefallen. Die Streitkräfte hier sind nach wie vor sehr schwach. In den vergangenen neun Monaten wurde zweimal eine Regierung weggeputscht. Zur fehlenden Sicherheit kommt also ein ganz massives politisches Problem hinzu.


Vieles liegt, wie gesagt, daran, dass der Staat seine Aufgaben nicht wahrnimmt. Nehmen Sie die Hauptstadt Bamako, wo ich lebe: Bamako wächst ungebremst. Derzeit gibt es etwa fünf Millionen Einwohner, ein Viertel der Bevölkerung Malis lebt hier. Die Infrastruktur kommt da überhaupt nicht hinterher, weder bei Trinkwasser, Abwasser, noch in der Elektrizitätsversorgung. Gerade heute Morgen hatten wir wieder einen Stromausfall. In all diesen Versorgungsbereichen schaffen die Behörden niemals eine Trendwende, sondern holen bestenfalls Rückstände auf. Die Menschen sehen für sich keine Zukunft.


Ohne jede Perspektive suchen sich die Menschen aber Alternativen, dazu kann auch gehören, sich einer bewaffneten Gruppe anzuschließen. Der Staat müsste zeigen, dass er Veränderung schafft, dass er Gewinn bringt, nicht Gegner ist. Solche Initiativen können wir unterstützen, aber gefordert sind Politik und Eliten vor Ort. Wir können uns nicht an ihre Stelle setzen. Wie können wir zu einer echten Partnerschaft mit der Regierung und den Behörden kommen? Selbst wenn es Wahlen gibt, bedeutet das nicht automatisch, dass die neue Regierung ihre Sache besser macht. Wir müssen klarer sagen, was wir von einer malischen Regierung erwarten. Und unsere Hilfe muss die malische Seite befähigen, Aufgaben dann selbst in die Hand zu nehmen.

https://www.n-tv.de/politik/Ein-Weiter-wie-bisher-darf-es-nicht-geben-article22646462.html


Ousmane Bouaré, Leiter von ENDA Mopti, über die Krise in Mali und das Förder- und Beschäftigungsprogramm für junge Menschen als Beitrag zum Frieden.


Anlässlich eines Partnerbesuches der humanitären Hilfsorganisation ENDA Mali bei Caritas international in Freiburg Ende März 2019 sprachen wir mit Ousmane Bouaré, Leiter des ENDA-Büros in der Stadt Mopti, über die aktuelle Krise in Mali. Ein Beschäftigungsprogramm will jungen Menschen eine Zukunftsperspektive bieten – denn Beschäftigung ist ein Schlüssel zum Frieden.

Denn ein Grund, warum viele junge Menschen sich den bewaffneten Gruppen anschließen, ist naheliegend: Sie haben schlicht nichts zu tun. Dann ist es ein Leichtes für die bewaffneten Gruppen, den Jugendlichen Wunder zu versprechen, und da sie selber nichts haben, kein Essen und keine Arbeit, geraten sie allzu leicht in die Versuchung, sich den Banden anzuschließen.

Wir sind davon überzeugt, wenn wir gut strukturierte Programme der Ausbildung und Beschäftigung für Jugendliche und auch für Frauen nachhaltig anbieten, dann hat das einen Effekt auf die Sicherheitslage. Denn es sind ganz offensichtlich die Jugendlichen, die in diesen bewaffneten Konflikt und die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Gemeinden verwickelt werden.

Unsere Strategie für mehr Sicherheit ist also dieses Ausbildungsprogramm, das man selbstverständlich nicht ohne den Staat umsetzen kann. Denn schließlich ist der Staat der erste Mentor dieser Strategien. Daher unterstreichen wir immer, wie wichtig es ist, dass der Staat sich zeigt, dass er sein Mandat wieder aufgreift und ernst nimmt, um all diese Programme in einer gut abgestimmten Weise durchzuführen. Um an dem großen Ziel mitwirken - an der Rückkehr des Friedens und der Sicherheit.

Hingegen wird recht wenig über den Anteil des Klimawandels an der Ernährungskrise gesprochen. Seit rund einem Jahrzehnt erlebt Mali eine Phase geringer Niederschläge, aber auch starke Überschwemmungen und zu früh einsetzende Regenfälle, die dann viel zu früh wieder aussetzen, als dass die Feldfürchte reifen könnten. Diese Klimaveränderungen verstärken die unsichere Ernährungslage der Bevölkerung und auch die Abwanderung der Jugend.

https://www.caritas-international.de/hilfeweltweit/afrika/mali/interview-krise-mali



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