Es gibt auch Lichtblicke für die Linke in Brasilien: Nach dem Rechtsruck bei den Wahlen ist der Frust im linken Lager groß. Aktivisten und Beobachter sehen dennoch Chancen für progressive Kräfte
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Die Schwarze Koalition für Bürgerrechte errang 42 Mandate
Quelle:Coalizão Negra por Direitos
Brasília. Die von der "Coalizão Negra por Direitos" (Schwarze Koalition für Bürgerrechte) vorangetriebene Initiative "Quilombo nos Parlamentos" (Quilombo in die Parlamente)hat landesweit über 22 Millionen Stimmen erreicht und voraussichtlich 42 Mandate errungen. In der Abgeordnetenkammer sind es nun acht statt zuvor vier Parlamentarier:innen, die weiteren Mandate verteilen sich auf 24 Länderparlamente inklusive des Bundesdistrikts Brasília. 29 der 41 Gewählten kommen aus Favelas, Peripherie- oder Quilombo-Gebieten, 27 sind Frauen, zwölf betrachten sich als Angehörige der LGBT+-Community. Quilombos sind ursprünglich Siedlungen entflohender Schwarzer Sklaven, heute sind die Siedlungen Quilombolas in Brasilien ein wichtiges Symbol für den Kampf um Landrechte und das kulturelle Erbe der afrobrasilianischen Bevölkerung
Für Douglas Belchior, Historiker und Mitbegründer der "Coalizão Negra por Direitos", stärkt dieser Zuwachs den Kampf gegen die Ungleichheiten. "Die brasilianische Demokratie wird erst dann wirklich repräsentativ sein, wenn die Machtzentren die Vielfalt des Landes widerspiegeln." Die Gewählten werden helfen, "Rassismus zu bekämpfen, Rechte auszuweiten und konkrete Veränderungen im Leben der Bevölkerung zu bewirken".
Die "Coalizão Negra por Direitos" ist ein 2019 gegründetes Bündnis, das rund 300 Organisationen und Verbände der schwarzen Bewegung in ganz Brasilien vereint, unter anderem die Bewegung "Mulheres Negras Decidem" (Schwarze Frauen entscheiden), das Instituto Marielle Franco, das Instituto de Referência Negra Peregum, das Netzwerk Schwarzer Frauen von Pernambuco oder das "Movimento Negro Unificado" (Vereinigte Schwarze Bewegung). Ziel ist, die Präsenz schwarzer Frauen und Männer in Legislative und Exekutive zu erhöhen.
Der MST-Bewegung der landlosen Landarbeiter (Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra) gelang es, acht Vertretende – alle für die Arbeiterpartei (PT) von Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva – in legislative Kammern zu entsenden: Vier Abgeordnete in das Bundesabgeordnetenhaus, vier in die Parlamente der Bundesstaaten. Alle sind eng mit dem Einsatz für die Agrarreform verknüpft; Rosa Amorim aus Pernambuco ist zudem die erste weibliche Bundesabgeordnete des MST.
In die neuen Parlamente wurden auch sieben Transgenderpersonen gewählt – fünf wiedergewählt, zwei errangen erstmals ein Mandat. "Wir haben unsere Präsenz ausgebaut und der Transphobie eine großartige Antwort gegeben", so feierte das Trans-Netzwerk ANTRA (Associação Nacional de Travestis e Transexuais) das Ergebnis in den sozialen Medien. Wiedergewählt wurden die Bundesabgeordneten Duda Salabert (MG) und Erika Hilton (SP), zudem errang Thabatta Pimenta aus dem Nordosten ihr erstes Mandat, allesamt von der Linkspartei PSOL. Auf Landesebene wurden je zwei Abgeordnete wieder und zwei erstmals gewählt.
"Die Präsenz von Transpersonen in der Politik endet nicht mit dem Erhalt eines Mandats: Sie erweitert unsere Fähigkeit, für Rechte zu kämpfen, Leben zu schützen und eine Demokratie aufzubauen, in der auch wir über Entscheidungsmacht verfügen", so ANTRA. 2026 wurden in ganz Brasilien insgesamt 116 Kandidaturen von Trans-Personen registriert. "Jede Kandidatur steht für die Eroberung von Räumen, die unserer Bevölkerung historisch verwehrt blieben", betont ANTRA.
Prominenteste ANTRA-Bundesabgeordnete ist Transfrau Erika Hilton (PSOL) aus São Paulo, die mit knapp 1,6 Millionen Stimmen ihre Stimmenzahl von 2022 mehr als versechsfachen konnte und damit die meistgewählte Kandidatin in der Geschichte der Abgeordnetenkammer ist. Hilton war 2020 zur Stadträtin von São Paulo gewählt worden, ebenfalls als die bis dato meistgewählte Frau. Zwei Jahre später wurden sie und Duda Salabert als erste Transfrauen in die Abgeordnetenkammer gewählt. Hilton bekräftigte, dass der Wahlkampf bis zur Stichwahl zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro fortgesetzt werde: "Unser Sieg wird erst mit der Wiederwahl von Präsident Lula vollkommen sein."
Ein neu aufgegangener Stern der Linken gilt die 21-jährige Ana Elisa Santos Silva aus dem Westen von Minas Gerais, die mit rund 534.000 Stimmen für den PT in die Bundesabgeordnetenkammer einzieht. Die Jura-Studentin und Content-Kreatorin in den sozialen Medien, in denen sie zwei Millionen Follower:innen hat, war damit die meistgewählte und jüngste Abgeordnete im Bundesland.
Ana Elisa ist Tochter einer schwarzen Lehrerin, Gewerkschafterin und alleinerziehenden Mutter, die wegen besserer Arbeits- und Studienmöglichkeiten in die Provinzhauptstadt Divinópolis zog. Ihr Aufstieg vollzog sich bisher fern der institutionellen Politik auf Instagram. Ihre oft viral gehenden Posts übersetzen komplexe juristische und politische Themen in eine direkte Sprache: "Die Leute halten Politik für langweilig, weil sie sie nicht verstehen."
Sie betont: "Wenn die Linke die sozialen Netzwerke nicht beherrscht, werden wir verlieren." Nach ihrer Ansicht muss die Linke ihre Mobilisierung auf der Straße in eine digitale Präsenz überführen – und darf das Wahlergebnis nicht als endgültig betrachten. "Lula, die Arbeiterpartei, die gesamte Linke – sie alle haben die Menschen bereits auf die Straße gebracht. Jetzt gilt es, sie in die sozialen Netzwerke zu tragen".
Ana Elisa brachte Lula bereits dazu, seine Aversion gegen Selfies abzulegen. Und mit anderen Abgeordneten schuf sie einen WhatsApp-Kanal namens "Exército do Lula" (Lulas Armee), der in wenigen Tagen 1,8 Millionen Follower:innen zusammenbrachte.




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