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Lehrermangel,im Winter ungeheizte Schulräume:französische Schüler wollen sich das nicht mehr gefallen lassen!Es entwickelt sich eine landesweite Protestbewegung.Regierungsreaktion:Die Linke ist schuld

2. Okt.
5 Min. Lesezeit

Die Schulsteiks in Frankreich sind ein Zeichen der Wut und des Ungehorsams der Schüler gegen die schlechten Bedingungen und den fehlenden Personalmangel in den Schulen. Die Proteste haben sich aus einer Reihe von Forderungen gebildet, darunter die Ersatz von fehlendem Personal, bessere Lernbedingungen und die Vertretung von Lehrern, die nicht mehr beschäftigt wurden. Die Schülerbewegung hat sich inzwischen zu einer landesweiten Bewegung entwickelt, die nicht nur in den Großstädten, sondern auch in ländlichen Gebieten Frankreichs auftritt. Die Regierung hat ein hartes Vorgehen der Polizei angeordnet, und es gab zahlreiche Festnahmen und Verletzungen, darunter auch schwer verletzte Schüler. Die Proteste haben auch die Unterstützung von Lehrern und anderen Beschäftigten erhalten, die die gleichen Bedenken hinsichtlich der Schulbedingungen äußern.


Frankreichs Schüler rebellieren – Lehrkräfte solidarisieren sich („Forderungen sind berechtigt“)

PARIS. Hunderte französische Lycées sind von Protesten und Blockaden betroffen. Was zunächst an einzelnen Schulen im Großraum Paris begann, hat sich binnen weniger Tage zu einer landesweiten Bewegung entwickelt. Die Jugendlichen beklagen fehlende Lehrkräfte und anderes Personal, überfüllte Klassen, schlechte Gebäude und kaum tragbare Stundenpläne. Ihnen zur Seite springt Frankreichs größte Gewerkschaft der Sekundarschullehrkräfte, der SNES-FSU. Dessen Generalsekretärin Sophie Vénétitay sieht in den Forderungen der Jugendlichen Probleme beschrieben, vor denen die Lehrkräfte selbst seit Langem warnen.

Am Lycée Saint-Exupéry in Créteil begann der Protest mit einer sehr konkreten Forderung: Die Schülerinnen und Schüler wollten, dass fehlendes Personal an ihrer Schule ersetzt wird. Von dort griff die Bewegung zunächst auf weitere Schulen in der Region Île-de-France über. Bereits am Donnerstag und Freitag vergangener Woche waren nach einem Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“ rund 60 Lycées in der Region betroffen. Die Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne (USL) rief daraufhin dazu auf, die Blockaden am Dienstag auf das ganze Land auszuweiten.

Dabei geht es längst nicht mehr allein um einzelne unbesetzte Stellen. Schülerinnen und Schüler beklagen fehlende Mittel und fehlendes Personal, überfüllte Klassen, schlechte räumliche Bedingungen und belastende Stundenpläne. In Lille nannten Jugendliche gegenüber der Nachrichtenagentur AFP neben dem Personalmangel etwa eine zu teure Kantine, im Sommer zu heiße und im Winter zu kalte Klassenräume sowie Bettwanzen und kaputte Duschen im Internat.

Wie schnell aus einzelnen Protesten eine landesweite Bewegung geworden ist, zeigen die Zahlen. Am Dienstag wurden nach Recherchen von „Le Monde“ Aktionen an knapp 410 Lycées gezählt – mehr als elf Prozent aller öffentlichen und privaten Schulen dieser Schulform in Frankreich. Das Bildungsministerium registrierte 45 vollständige Blockaden und 46 Blockadeversuche. Die Mehrheit der Aktionen verlief nach dem Bericht friedlich.

Wie unterschiedlich die Bedingungen an den Schulen erlebt werden, zeigen Recherchen der Zeitung in Aubervilliers und Montreuil. Jugendliche berichten dort von Schwierigkeiten, ausgefallene Lehrkräfte zu ersetzen, von undichten Gebäuden und zu heißen Klassenräumen. Eine Schülerin aus Aubervilliers erzählt, in ihrem Mathematik-Leistungskurs fehle jede Woche eine Unterrichtsstunde. Andere berichten von Klassen mit 35 Schülerinnen und Schülern, in denen teilweise sogar Tische und Stühle fehlen.


„Die Schülerinnen und Schüler, die sich mobilisieren, bringen berechtigte Forderungen zum Ausdruck“

Mit der Ausbreitung der Bewegung veränderte sich allerdings auch das Bild der Proteste. An einem Teil der Schulen kam es zu Ausschreitungen, Sachbeschädigungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Innenminister Laurent Nuñez sprach bereits am Montag von „urbaner Gewalt“. 164 Menschen wurden an diesem Tag festgenommen; zwölf Angehörige der Sicherheitskräfte, acht Beschäftigte der Schulen und rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler wurden nach Angaben des Innenministeriums verletzt.

Am Dienstag stieg die Zahl der Festnahmen nach Angaben des Innenministeriums auf 440, überwiegend handelte es sich um Minderjährige. Bildungsminister Édouard Geffray berichtete von mindestens zehn verletzten Beschäftigten des Bildungswesens und mehreren verletzten Schülerinnen und Schülern. Ein Lehrer sei geschlagen, ein Schulleiter durch einen Feuerwerkskörper verletzt worden. Die französische Ausgabe von Euronews berichtete darüber unter Berufung auf die Nachrichtenagentur AFP.

Geffray verurteilte die Vorfälle scharf. „Diese Gewalttaten sind unsäglich“, erklärte der Bildungsminister. Wer sie legitimiere oder unter diesen Umständen dazu aufrufe, die Blockaden auszuweiten, „bringt unsere Schülerinnen und Schüler ebenso wie die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Gefahr. Das ist unverantwortlich.“

Zugleich ist um die Proteste ein parteipolitischer Konflikt entstanden. Die Regierung wirft insbesondere der linken Partei La France insoumise (LFI) vor, die Schülerbewegung für eigene Zwecke zu nutzen. Premierminister Sébastien Lecornu kritisierte eine „unverantwortliche Überbietung“ durch LFI-Politiker, die zur Ausweitung der Blockaden aufriefen. LFI wiederum wirft der Regierung Repression vor. Zwischen diesen beiden Deutungen – Gewalteskalation auf der einen, Repression auf der anderen Seite – droht allerdings der Ausgangspunkt der Bewegung in den Hintergrund zu geraten: die Situation in den Schulen.

Darauf verweist Sophie Vénétitay. Die Generalsekretärin des SNES-FSU, der größten französischen Gewerkschaft der Lehrkräfte an weiterführenden Schulen, ist selbst Lehrerin für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Gegenüber AFP stellte sie sich ausdrücklich hinter die inhaltlichen Anliegen der Jugendlichen.

„Die Schülerinnen und Schüler, die sich mobilisieren, bringen berechtigte Forderungen zum Ausdruck“, sagte Vénétitay der Nachrichtenagentur. Zugleich zieht sie eine klare Grenze zur Gewalt: „Sie müssen ihre Forderungen und ihre Wut in einem friedlichen Rahmen äußern können.“ Wahllose Polizeieinsätze seien allerdings ebenfalls nicht akzeptabel und würden von ihrer Gewerkschaft verurteilt.

Vénétitays Position ist dabei nicht erst unter dem Eindruck der aktuellen Proteste entstanden. Schon Wochen zuvor hatte sie vor einer strukturellen Personalnot an Frankreichs Schulen gewarnt.

Zum Schuljahresbeginn legten der SNES-FSU und die Schulleitungsgewerkschaft SNPDEN-UNSA eigene Erhebungen vor. Nach der Befragung des SNES-FSU fehlte in der ersten Schulwoche an 53 Prozent von rund 1.000 untersuchten Collèges und Lycées mindestens eine Lehrkraft. Der SNPDEN-UNSA kam bei seiner Erhebung unter Schulleitungen sogar auf 65 Prozent. Besonders betroffen waren nach Angaben des SNES-FSU Mathematik, Französisch sowie Physik und Chemie.

„Das staatliche Bildungswesen ist nicht mehr in der Lage, einen normalen Schuljahresbeginn sicherzustellen. Das müsste ein nationaler Skandal sein“

Der Mangel beschränkt sich demnach nicht auf Lehrkräfte. Vier von zehn Schulen berichteten über fehlende Assistenzkräfte für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen, zwei von zehn suchten noch Aufsichtspersonal. Zählt man diese Berufsgruppen hinzu, waren nach der Erhebung des SNES-FSU an 70 Prozent der Schulen die Teams nicht vollständig.

Vénétitay zog daraus bereits damals eine weitreichende Schlussfolgerung. „Wir erleben keinen schwierigen Schuljahresbeginn, sondern fünf Jahre Lehrkräftemangel“, sagte sie „Le Monde“. „Das staatliche Bildungswesen ist nicht mehr in der Lage, einen normalen Schuljahresbeginn sicherzustellen. Das müsste ein nationaler Skandal sein.“

Die Regierung bestreitet nicht, dass Stellen und Unterrichtsstunden offen sind – sie bewertet das Ausmaß jedoch anders. Bildungsminister Geffray hatte zum Schuljahresbeginn erklärt, der Lehrkräftemangel werde nur „marginal“ ausfallen und die Indikatoren seien besser als in den Vorjahren. Am 10. September präzisierte er beim Radiosender RMC, im Sekundarbereich gebe es lediglich einige Dutzend vollständig unbesetzte Stellen. Daneben existierten kleinere Kontingente von zwei oder drei Wochenstunden, die noch besetzt werden müssten, etwa aufgrund von Teilzeitbeschäftigung oder weil Lehrkräfte an mehreren Schulen eingesetzt würden. Solche Probleme ließen sich nach seiner Darstellung innerhalb von zwei bis drei Wochen lösen.

Lehrkräfte widersprechen deutlich. Der SNES-FSU hat sich inzwischen gemeinsam mit den Gewerkschaften SNEP-FSU und SNUEP-FSU offiziell hinter die schulpolitischen Anliegen der Jugendlichen gestellt. In einer gemeinsamen Erklärung vom 29. September nennen die Verbände „Personalmangel, marode Gebäude, zu viele Schülerinnen und Schüler pro Klasse, untragbare Stundenpläne“ als Gründe der Bewegung. Ihr Urteil fällt eindeutig aus: „Ihre Forderungen sind berechtigt!“ News4teachers 




 
 
 

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