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Kolonialismus+Globalisierung: Erst profitieren Europas Eliten, dann auch globale Ober-+Mittelklassen

11. Sept. 2023
11 Min. Lesezeit






Über das gute Leben für alle

In der aktuellen Übergangszeit, die von Verunsicherung, Angst und Pessimismus geprägt ist, beschreibt das gute Leben für alle eine Welt, in der das freie Zusammenleben friedlich und solidarisch organisiert wird. Es ist eine Utopie von einem Gemeinwesen, das mit unserem derzeitigen Stand technischer und zivilisatorischer Entwicklung durchaus verwirklichbar wäre. Die Reflexion über diese Utopie ist ein Denkangebot, das Hoffnung gibt. Dass es – wie vielfältige wissenschaftliche Befunde nahelegen - nicht so weitergehen wird wie bisher, kann auch als Chance gesehen werden. Vieles an unserer Gesellschaft und Lebensweise in reichen Ländern ist bewahrenswert, manches könnte anders organisiert werden und würde neue Möglichkeiten eröffnen, ein gelungenes Leben auch mit geringerem Ressourcenverbrauch und nicht auf Kosten anderer zu führen.

Das gute Leben für alle ist kein Brief ans Christkind voller naiver Wünsche, sondern eine konkrete Utopie, ein in Geschichte und aktuellen Entwicklungen geerdetes Konzept. Es ist die Utopie einer Zivilisation, in der gut Leben nicht Privileg weniger bleibt. Seit der Antike beruht die Tragik westlicher Zivilisationen darauf, kulturellen Fortschritt immer nur für wenige zu ermöglichen. Die Utopie einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, wie sie mit der Französischen Revolution erstmals geschichtsmächtig wurde, ist das uneingelöste zivilisatorische Versprechen Europas.

Nach dem ersten Weltkrieg und gestützt durch das jüngst erkämpfte Wahlrecht, konkretisierte sich im Roten Wien erstmals auch in Österreich die Utopie gleicher Bürgerrechte für alle. Vielfältige soziale und kulturelle Innovationen in Schule, Sozialhilfe und Wohnbau und neue soziale und ökologische Infrastrukturen standen allen offen - von begrünten Gemeindebauten und öffentlichen Schwimmbädern bis hin zu Volkshochschulen. Nach dem zweiten Krieg hat der Wohlfahrtsstaat in Westeuropa für ein paar Jahrzehnte Hunger und Elend gebannt und für fast alle ein gutes Leben zur Wirklichkeit werden lassen, wenn auch nur ansatzweise, räumlich beschränkt, die Geschlechter ungleich ermächtigend und auf der (Aus)Nutzung von Rohstoffen und Ressourcen aus dem globalem Süden aufbauend. Wie groß dieser zivilisatorische Fortschritt war, wird erst jetzt ersichtlich, wo Hunger, soziale Unsicherheit und Armut nach Europa zurückkehren.

Auch wenn der Auslöser für diese Entwicklungen in Europa die Finanzkrise 2008 war, so liegt die Ursache für zunehmende Ungleichheit, Ausbeutung und Zerstörung der Lebensgrundlagen tiefer – nämlich in der noch immer nicht überwundenen Herrenmentalität. In der gesamten Menschheitsgeschichte waren Zivilisationen immer Klassengesellschaften, mit einer klaren sozialen Hierarchie. Sie ermöglichten jeweils kulturell unterschiedlich definierten Gruppen – den jeweils Mächtigen - ein gutes Leben. Schon die antiken Reflexionen zum guten Leben, basierten auf einer Sklavenhaltergesellschaft, auf patriarchalen und kolonialen Strukturen. Bis heute gilt Gleichheit für Frauen und Menschen als ehemaligen Kolonien nur eingeschränkt, Verwirklichungschancen bleiben ungleich verteilt. Die Forderung nach dem „für alle“ ist demnach revolutionär – und in der aktuellen Übergangszeit für viele Hoffnung, für manche eine Bedrohung.

Bedrohlich ist die anstehende Transformation, wenn wir an der Illusion festhalten, gutes Leben erschöpfe sich im aktuellen westlichen Konsumstil mit seinem exzessiven Fußabdruck. Verstehen wir gutes Leben aber als Zeitwohlstand, als florierende Nahversorgung, gutes Essen und reduzierten Mobilitätszwang, dann zeigt sich, wie illusionär eine Lebensweise ist, die meint, alle Bedürfnisse ließen sich mit Geld befriedigen. Das Rote Wien, das aus rechtlosen ArbeiterInnen gleichberechtigte Mitglieder des Gemeinwesens machte, liefert wichtige Lehren für eine nachhaltige Lebensweise im 21. Jahrhundert. In den 1920er Jahren waren dem Konsumismus, der die Sozialdemokratie nach dem zweiten Krieg kulturell deformierte, durch die liberale Wirtschaftspolitik und harte Austeritätsprogramme der Christlichsozialen enge Grenzen gesetzt. Der Goldstandard schuf eine Weltwirtschaftsordnung, die der neoliberalen Globalisierung vergleichbar war. In der Zwischenkriegszeit waren es daher nicht Geld, sondern eine öffentliche Infrastruktur und neue städtische Institutionen wie demokratische Schulen und Kulturvereine, die aus marginalisierten ArbeiterInnen selbstbewusste BürgerInnen machten. Der Lebensstandard stieg damals nicht wegen steigender Löhne, sondern weil sich die Lebenshaltungskosten durch billigeres Wohnen und gute Sozialleistungen senkten.

Das Rote Wien zeigt, wie wichtig geeignete Institutionen und Infrastrukturen vor Ort sind. Der Stadt kommt daher in der Gestaltung der Voraussetzungen für ein gutes Leben aller eine Schlüsselrolle zu. Deshalb steht die sozialökologische Stadtentwicklung im Zentrum des Gutes Leben für alle-Kongresses 2017. Doch ist das gute Leben für alle keine naive Vision, die Konflikte verleugnet. Infrastrukturen und Innovationen bestimmen, wie Menschen ihr Leben gestalten können: zum Beispiel als Zwang zur Automobilität oder als Chance einer Stadt der kurzen Wege. Da gibt es unterschiedliche Interessen und Einschätzungen. Daher rufen Radwege Widerstand hervor, inspirieren Begegnungszone und lokale Märkte die Phantasie und Kreativität.

Die Geschichte des Roten Wien zeigt aber auch die Grenzen einer Umgestaltung von unten. Weltwirtschaftskrise, Austrofaschismus und Nationalsozialismus unterbrachen das Modell sozialer Teilhabe. Erst eine Weltwirtschaftsordnung nach 1945 ohne globale Finanzmärkte ermöglichte im Globalen Süden die Entkolonialisierung und nationale Selbstbestimmung und im Globalen Norden den Wohlfahrtskapitalismus basierend auf weitreichenden nationalen, oftmals demokratischen Handlungsspielräumen. Für einige Jahrzehnte gab es eine Vielfalt an wirtschaftlichen Institutionen, von Märkten über die Sozialpartnerschaft bis hin zu privaten, kommunalen, genossenschaftlichen und verstaatlichten Betrieben. Unter diesen Bedingungen gab es keine Bankenkrisen, dafür aber sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt, wiewohl einhergehend mit exzessiver Naturnutzung. Die neoliberale Globalisierung, die 1973 auf das Ende von Bretton Woods und den Siegeszug globaler Finanzmärkte folgte, erodierte nationale Handlungsspielräume und Sozialstaaten. Doch nicht nur das. Wie in der Zwischenkriegszeit litten unter der Dominanz globaler Finanzmärkte und Konzerne auch die rechtsstaatlichen und demokratischen Institutionen. Erneut sind reaktionäre politische Strömungen salonfähig, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel ebenso leugnen und zivilisatorische Mindeststandards wie Menschenrechte ablehnen.

Die konkrete Utopie eines guten Lebens für alle ist das Gegenkonzept zur immer noch vorherrschenden liberalen Illusion von Kosmopolitismus, globaler Demokratie und globalen sozialen Rechten unter Bedingungen unregulierter globaler Märkte. Der zentrale Unterschied zwischen diesen beiden Zukunftsbildern besteht in der Einschätzung, wie neoliberale Globalisierung und der Aufstieg reaktionärer und nationalistischer Bewegungen zusammenhängen. Die liberale Illusion besteht in der Annahme, Kapitalismus sei Voraussetzung für Demokratie – eine Vermutung, die tagtäglich unplausibler wird. Demgegenüber behauptet eine Interpretation, die von Karl Polanyi inspiriert ist, dass nationalistische Bewegungen die reaktionäre Antwort auf das Versagen der neoliberalen Globalisierung sind, während das gute Leben für alle eine emanzipatorische Antwort darstellt.

Die Utopie vom guten Leben für alle ist gleichermaßen konservativ wie progressiv. Ein Gemeinwesen der Freien und Gleichen braucht ein rechtsstaatliches Fundament. Völkerrecht und Demokratie sind als Errungenschaften republikanischer Verfassungsstaaten zu verteidigen. Nur das Recht auf Nonkonformismus ermöglicht ein Zusammenleben in Vielfalt. Und auch wenn es um die Bewahrung natürlicher Lebensgrundlagen und den Respekt gegenüber dem Eigenwert von Natur geht, ist die Utopie vom guten Leben für alle durchaus konservativ, bewahrend. Gleichzeitig ist die Suche nach dem guten Leben für alle progressiv, ja revolutionär und erfordert einen bis jetzt nicht gelungenen zivilisatorischen Fortschritt: Nicht auf Kosten anderer gut zu leben. Das ist in kapitalistischen Konsumgesellschaften sozial und ökologisch unmöglich. Kapitalistische Postwachstumsgesellschaften sind nur als Dystopie, Anti-Utopien denkbar. Mäßigung und Kapitalismus sind unvereinbar. Dazu braucht es eine neue Form von Weltbürgertum, die Weltoffenheit und Heimatverbundenheit gleichermaßen lebt. Dies erfordert in Städten und Regionen die Gestaltung des Gemeinwesens, so dass Menschen an ihrem Lebensmittelpunkt unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Klasse die gleiche Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht wird.

Spätestens mit Trump und Putin sollte klar sein: weder werden in den nächsten Jahren ökologische Frage global ernsthaft diskutiert werden noch sind emanzipatorische globale Regelungen umsetzbar. Realistisch ist einzig ein radikaler Perspektivenwechsel, der den utopischen Horizont eines guten Lebens für alle nicht aufgibt, jedoch den Fokus politischer Bemühungen verschiebt: Globale Probleme werden in der näheren Zukunft nicht vorrangig durch globale Politik gelöst. Antworten auf Klimawandel Armut und Hunger sind realistischerweise in vielfältigen lokalen, regionalen und nationalen Praktiken zu suchen. Damit aber vor Ort mit Alternativen experimentiert werden kann, müssen sich die lokalen, regionalen und nationalen Handlungsspielräume erweitern, was ohne einen Rückbau mancher globaler Regelwerke, die in Jahrzehnten neoliberaler Globalisierung entstanden sind, nicht möglich sein wird. Kurzfristig geht es vor allem um eine koordinierte wirtschaftliche Deglobalisierung der globalen Finanzmärkte, dem Ende von Steueroasen und dem Umsetzen des Prinzips „too big to fail“ auf Konzerne mit martkbeherrschendem Einfluss.



EINLEITUNG

Der Begriff der ‚imperialen Lebens- und Produktionsweise‘ ist schon recht sperrig. Selbst die ‚Väter‘ des Begriffs, Ulrich Brand und Markus Wissen, sprechen deshalb in der Regel einfach von der ‚imperialen Lebensweise‘ (vgl. Brand/Wissen 2011). Aber natürlich kann sich auch darunter kaum jemand ohne weitere Hinweise etwas vorstellen. Und auch wenn wir in unserem Dossier Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert versucht haben, den Begriff durch Anwendung auf verschiedene Lebensbereiche möglichst lebensnah auszubuchstabieren, bleibt die Definition doch recht theorielastig. Dies liegt auch daran, dass wir es aus Kapazitätsgründen nicht geschafft haben, das Thema der Pop(ulär)kultur in diesem Rahmen anzusprechen.

Dieser Text stellt den Versuch dar, die Basis zum Füllen dieser Lücke zu legen. Dafür werde ich mich – wie der Titel es schon ankündigt – mit dem Lied Leider geil der Elektro-Hip-Hop-Band Deichkind auseinandersetzen sowie mit Liedern der Hip-Hop-Gruppe Antilopen-Gang. Die theoretischen Exkurse mögen mir verziehen werden – auch das kommt mir in unserem Dossier insgesamt zu kurz. Aber zunächst ein paar einführende Worte zur ‚imperialen Lebensweise‘.

HINTERGRUND (FÜR ALLE, DIE DAS DOSSIER NICHT GELESEN HABEN)

Das Konzept der ‚imperialen Produktions- und Lebensweise‘ ist im Grunde die Antwort von Brand und Wissen (2011: 2) auf die Frage, warum es einerseits gesellschaftlich breit akzeptiert ist, viele aktuelle Entwicklungen als Krise zu bezeichnen (bspw. den Klimawandel), es andererseits nicht zu einer tatsächlichen Verhaltensänderung (in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft) kommt. Tatsächlich scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein: Die „herrschaftliche[n] Produktions-, Distributions- und Konsummuster, die tief in die Alltagspraktiken der Ober- und Mittelklassen im globalen Norden“ (ebd.) eingelassen sind, scheinen sich im Globalen Norden immer weiter zu verfestigen, aber auch im Globalen Süden auszubreiten. Damit wäre aber zunächst einmal nur ‚Lebensweise‘ erklärt. Als ‚imperiale‘ kann sie bezeichnet werden, da „sie einen prinzipiell unbegrenzten – politisch, rechtlich und/oder gewaltförmig abgesicherten – Zugriff auf Ressourcen, Raum, Arbeitsvermögen und Senken andernorts voraussetzt.“ (ebd.: 5) Die ‚imperiale Lebensweise‘ beruht damit notwendiger Weise auf Exklusivität (vgl. ebd.: 6). Denn die Biosphäre kann nur begrenzt zu Ressourcen und Senken umgewandelt werden. Dies führt zu einem Gerechtigkeitsproblem, da den Ländern des Globalen Südens in manchen Bereichen schon jetzt nicht mehr so viele Ressourcen und Senken verbleiben, wie die Länder des Globalen Nordens bereits er- bzw. ausgebeutet haben. Ein solcher Widerspruch bedeutet für Kapitalismus wie ‚imperiale Lebensweise‘ gerade keine Anomalie, sondern vielmehr ein Wesensmerkmal. Die Erklärung der relativen Stabilität stellt v.a. auf drei Aspekte ab: Erstens die Normalitätsorientierung etablierter Vorstellungen von einem guten Leben (vgl. ebd.: 9) bzw. der ‚Alltagsverstand‘ (s.u.), zweitens die Ausrichtung bestehender Institutionen und Strukturen und drittens Scheinlösungen, die das Gefühl vermitteln, es tue sich doch etwas (vgl. Dossier).

DIE HEGEMONIE DER IMPERIALEN LEBENSWEISE FUSST (AUCH) AUF POPKULTU

Gerade der erste Punkt, also die Vorstellungen von einem ‚guten Leben‘, die auch den Alltagsverstand maßgeblich bestimmen, sind ein Aspekt, der m.E. noch unterbeleuchtet ist. Wie genau werden solche Vorstellungen gesellschaftlich (re-)produziert? Anstelle einer theoretischen Antwort, will ich mich zunächst mit Beispielen begnügen. Ein für mich – sowie für den Großteil unseres Autor*innen-Kollektivs – herausstechendes Beispiel ist das Lied Leider geil. Es passt so gut zu unserem Dossier, dass wir den Ausspruch ‚leider geil‘ fast als Titel gewählt hätten. Unser Eindruck ist, dass sich die imperiale Lebensweise im Alltagsverstand reproduziert, weil sie ‚leider geil‘ ist. Was wir damit meinen, lässt sich am Beispiel der Automobilität ausdrücken.

FETTE NEUE KARRE? LEIDER GEIL!

Dass sich die Automobilität trotz all der mit ihr verbundenen Gefahren, nicht nur für die Umwelt und die Autofahrer*innen selbst, sondern auch für Unbeteiligte, seit Jahrzehnten als bevorzugte Fortbewegungsart in Ländern wie Deutschland hält, liegt natürlich nicht allein am Alltagsverstand bzw. den Vorstellungen von einem guten Leben. Vielmehr spielen hier gerade auch Institutionen, Infrastrukturen und gerade hinsichtlich der Zukunft (Stichwort: E-Autos) auch Scheinlösungen eine große Rolle. Außerdem schlagen sich diese Faktoren natürlich in Form von Erfahrungsspuren auch wieder im Alltagsverstand nieder (vgl. Dossier). In diesem Sinne kann der Alltagsverstand vielleicht auch als Kristallisationspunkt aller Faktoren betrachtet werden.

Der Alltagsverstand als ein solcher Kristallisationspunkt findet Ausdruck in dem besagten Lied. Zur Automobilität bspw. heißt es dort:

„Autos machen Dreck, Umwelt geht kaputt, doch ne fette neue Karre ist leider geil.“

Die ersten beiden Zeilen drücken – wenn natürlich verschleiert und verkürzt – den Ansatz der Imperialität der Automobilität aus. Das Problembewusstsein ist also zumindest ansatzweise gegeben. Das bringt schließlich auch der Zusatz ‚leider‘ in ‚leider geil‘ zum Ausdruck. Dabei ist allerdings Automobilität alleine nicht ausreichend, um dieses Zertifikat zu erhalten. Vielmehr sind es auch die Größe (vermutlich mit einem hohen Benzinverbrauch einhergehend) und die Neuheit (weist auf den eigenen Reichtum hin), die das Auto erstrebenswert machen. Es liegt damit vollkommen im Mainstream des ‚höher, weiter, schneller‘, also des Wachstumsparadigmas, das unsere Gesellschaft bestimmt.

Aber durch das rotzige ‚leider geil‘ sowie die Vermeintliche Ablehnung von Arbeitsmoral oder anderer eher konservativ-neoliberaler Werte stellt sich Leider geil dem Anschein nach gegen den Mainstream, der vom Individuum sinnlose (weil entfremdete) Verausgabung verlangt. Der Song möchte sich vermutlich als Auflehnung gegen eine ‚Political Correctness‘ verstanden wissen, die angeblich überhand genommen habe. (Dieser Text wird vielleicht sogar als Bestätigung dieser These herangezogen.) Das Interessante dabei ist, dass das Aufbegehren gegen eine unterstellte Bevormundung hier dazu führt, dass Deichkind selbst eine Norm setzt: Geil kann nur noch sein, was nicht der ‚Political Correctness‘ entspricht bzw. was imperiale Ausmaße annimmt. Diese leicht überspitzt formulierte Interpretation wird verständlicher, wenn man sich den Refrain anhört:

„Tu doch nicht so, du magst es doch auch, ich bin ein Teil von dir. Guck dich doch um, sieh sie dir an, sie sind genauso wie wir“

Hier findet eindeutig eine Naturalisierung der benannten Denk- und Handlungsweise statt, die das Abweichen von dieser als unnatürlich stigmatisiert. Wer nicht ‚leider geil‘ handelt, handele also gegen ureigene Interessen.

Leider übersieht Deichkind, dass Interessen immer nur historisches Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse sind und somit immer auch dem Wandel unterlegen sind. Und das ist Grund zur Hoffnung.

DAS POTENZIAL GEGENHEGEMONIALER POPKULTUR

Die deutsche Musikszene besteht zum Glück nicht allein aus Deichkindern. Gute Musik und gute Texte schließen sich nicht aus. Um nur ein Beispiel aufzugreifen, an dem sichtbar wird, wie die imperiale Weise auf pop(ulär)kulturelle Weise kritisiert werden kann, wende ich mich der 2009 gegründeten Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang zu. Auch bei ihnen findet sich eine Umschreibung dessen, was als imperiale Lebensweise beschrieben werden kann. So heißt es bspw. in dem Song Ölsardinenindustrie: „Im Grunde will ich lieber Mario Cart auf dem Super Nintendo spielen, als den Delphin-Anteil auf meiner Thunfisch-Pizza wissen“.

In dem Lied So ungefähr geht es u.a. um die Fähigkeit des Menschen, die eigene Vernunft sowohl konstruktiv aber eben auch – Beispiel Atomwaffen – destruktiv einzusetzen. Warum machen Menschen das? Dies sei einfach „so unbeschwert – ich gebe kein‘ Fick, lese kein Buch, denke nicht nach, alles ist gut.“ Fast schon gramscianisch heißt es im selben Lied auch:

„Erst entdeckten wir den Tabak, dann erfanden wir das Feuer, Ackerbau und Industrie, jetzt ist rauchen nicht so teuer, schufen riesige Maschinen, ein paar Legebatterien und eines Tages ist die ganze Menschheit dämlich und zufrieden.“

Solange es uns ermöglicht wird, günstig zu konsumieren, begehren wir also nicht auf. Dies liegt ihrer Meinung nach nicht zuletzt an der Kulturindustrie. Generell werfen sie (ebenfalls in So ungefähr) den Medien, aber auch den Menschen allgemein vor, sich:

„Nur darauf zu konzentrieren, ein Fäkaltheaterstück zu inszenieren. Hauptsache es wird auf die Bühne gekackt und jemand steckt sich Chilischoten in die Nasenlöcher. Herzlich willkommen im kulturellen Aschenbecher.“

Mit anderen Worten: Die momentan hegemoniale Pop(ulär)kultur ist nicht gerade dafür förderlich, sich mit den tatsächlichen Problemen auseinanderzusetzen. Doch was in So ungefähr teilweise sehr voluntaristisch klingt – nämlich so, als sei es schlicht die freie Entscheidung der Menschen, sich ‚verdummen‘ zu lassen – wird in Ölsardinenindustrie um einen sehr wichtigen Aspekt der Stabilität der imperialen Lebens- und Produktionsweise ergänzt: nämlich unsere Verstricktheit in Verhältnisse, aus denen es relativ schwer ist, sich zu befreien, selbst wenn wir wollten. Um dies nachvollziehen zu können, empfehle ich, sich den gesamten Text des Songs anzuhören – hier aus Platzgründen nur ein Auszug:

„Kontraste machen Leute, Kleider macht der Schneider Und ausgebeutete Kinder Macht mit Sicherheit auch irgendeiner Wahrscheinlich ausgebeutete Eltern, oder der Hai aus dem Aquarium Allerdings machen die sich gegenseitig, ihre Rollen entstehen in Wechselwirkung Nur wechseln sie nicht, zumindest nicht in absehbarer Zeit“

Die Antilopen Gang ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie die Problematisierung der imperialen Lebens- und Produktionsweise in ein in der Popkultur anschlussfähiges Format gebracht werden kann. Damit vermitteln sie Inhalte, die sonst eher in akademischem Jargon oder mit erhobenem Zeigefinger ausgesprochen werden, auf eine sehr ansprechende Weise.

Selbstverständlich ist die Antilopen Gang damit nicht allein. Gerade was den Kampf gegen Nationalismus und Rassismus angeht, gibt es eine Fülle guter Musik. Und auch in anderen Bereichen der Pop(ulär)kultur ist dies der Fall. Doch leider bewegen wir uns damit – gerade hinsichtlich der imperialen Lebensweise – in einer krass marginalisierten Position, wie der Erfolg von Leider geil klar zeigt (auch wenn das Hören des Liedes natürlich keine inhaltliche Zustimmung ausdrücken muss). Zumal mir auch bei der Antilopen Gang kein Lied bekannt ist, dass eine Art positive Alternativversion zu Leider geil darstellt. (Ich lasse mich hier gerne eines Besseren belehren!)

Es gibt also noch viel zu tun, um die imperiale Lebens- und Produktionsweise zurückzudrängen. Dieser Text sollte zeigen, wie wichtig dabei der Alltagsverstand ist und dass dieser gerade auch über vermeintlich unpolitische Aspekte des alltäglichen Lebens geprägt wird. Die Antilopen Gang zeigt, dass auch in der Popkultur ein gegenhegemoniales Projekt verfolgt werden kann. Natürlich will ich nicht vorschlagen, dass wir alle anfangen, Hip-Hop zu machen. Das würde – zumindest in meinem Fall – vermutlich ziemlich peinlich enden. Aber wir sollten wenigstens versuchen, auch auf dem Terrain der Popkultur gegenhegemoniale Bündnisse zu schmieden, solche aktiver zu unterstützen und auch stärker in theoretischen Arbeiten miteinzubeziehen.

LITERATUR

Brand, Ulrich/ Wissen, Markus (2011): Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise. Zu Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse. In: Demirović, Alex/ Dück, Julia/ Becker, Florian/ Bader, Pauline (Hg.): VielfachKrise im finanzdominierten Kapitalismus. Hamburg: VSA Verlag, S. 78-93, online unter: http://www.researchgate.net/publication/267978661 (Seitenzahlen beziehen sich auf die Online-Version).

Brand, Ulrich/ Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. München: oekom Verlag.

I.L.A.-Kollektiv (2017): Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert. München: oekom Verlag.

SONGTEXTE

Antilopen Gang (2012): Ölsardinenindustrie, URL: https://genius.com/Danger-dan-olsardinenindustrie-lyrics (abgerufen am 15.08.2017).

Antilopen Gang (2014): So ungefähr, URL: https://genius.com/Nmzs-and-danger-dan-so-ungefahr-lyrics (abgerufen am 15.08.2017).

Deichkind (2012): Leider geil, URL: https://genius.com/Deichkind-leider-geil-lyrics (abgerufen am 15.08.2017).

 
 
 

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