top of page

Kaum bekannt: Deutsche waren an der bis heute nachwirkenden Versklavung von Afrikan:innen beteiligt

29. Dez. 2022
4 Min. Lesezeit

Als Brandenburger Sklavenhändler nach Afrika kamen: Vor 340 Jahren erreicht eine Flotte aus Brandenburg die Küste Westafrikas. Der Große Kurfürst will eine Kolonie gründen. Tausende Afrikaner werden von hier in die Sklaverei verkauft. Die Ruine des Forts Groß Friedrichsburg erzählt davon.



(..)

Auf einem Felsen, etwas außerhalb des Dorfes, steht eine Ruine. Die Reste einer Festung, vor 340 Jahren errichtet. Ein Sonnenhörnchen springt über Ziegel, die mehr als 5.500 Kilometer Luftlinie entfernt gebrannt wurden. In der Mark Brandenburg. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) ließ damals an der sogenannten afrikanischen "Goldküste" eine Kolonie errichten. Die Überreste des Forts Groß Friedrichsburg in Princess Town erzählen davon.


Die deutsche Kolonialzeit begann lange vor dem Kaiserreich

Wenn heute von der deutschen Kolonialzeit die Rede ist, wird meist die Zeit zwischen 1884 und dem Ende des Ersten Weltkriegs gemeint. Damals nahm das Deutsche Kaiserreich Land im Pazifik und Ostasien, vor allem aber in Afrika, in Besitz. Innerhalb weniger Jahre stieg Berlin zur drittgrößten Kolonialmacht auf, übertroffen nur von England und Frankreich. Doch schon weitaus früher beuteten deutsche Herrscher Gebiete in Übersee aus. Als erstes versuchten die Welser ein gewaltiges Stück des heutigen Venezuelas zu unterwerfen. Der König von Spanien hatte enorme Schulden bei der Patrizierfamilie aus Augsburg und Nürnberg. 1528 verpachtete er ihnen deshalb einen 900 Kilometer langen Küstenstreifen namens Klein-Venedig. Während Spanien, Frankreich, Dänemark, vor allem aber die Niederlande, England und Portugal über genügend Schiffe, Kanonen und Soldaten verfügten, um große Landstriche auf der ganzen Welt zu besetzen, versank die Privatkolonie der Welser nach wenigen Jahren im Chaos. Keiner der Kleinstaaten im fragmentierten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verfügte in den kommenden Jahrzehnten über die Mittel, ernsthaft mit Europas Seemächten aufschließen zu können. (..)


Seit 1979 Teil des Unesco-Welterbes

Friedrich Wilhelm wollte das ändern. Als junger Mann hatte er viele Jahre in den Niederlanden verbracht und dabei aus erster Hand erfahren, wie der transatlantische Dreieckshandel die Oberschicht des Landes im Reichtum versinken ließ. Als Oberhaupt des Hauses Hohenzollern ließ er später zu diesem Zweck in Havelberg eine Flotte zimmern. Er hoffte Gewürze und Gold zu finden. Außerdem wollte er Menschen kaufen, um sie in die Karibik zu verschiffen. Im Sommer 1682 stach in Glücksstadt an der Elbe, damals ein Teil Dänemarks, eine Expedition in See. Ihr Auftrag: In Westafrika einen kolonialen Handelsposten errichten. Zu diesem Zeitpunkt verschleppten die Portugiesen und andere Europäer bereits seit fast 200 Jahren Menschen in die Versklavung. "Die, die später einstiegen, hatten es einfacher", sagt William Gmayi Nsuiban über die kurbrandenburgische Flotte. Er ist Historiker am Nationalmuseum in Accra, das mehr als zwei Dutzend ehemalige Sklavenfestungen im Land verwaltet. "Sie wussten, was sie taten, und sie konnten auf den Erfahrungen anderer Europäer aufbauen, etwa im Umgang mit den Gemeinden vor Ort." Die Ruine sei von unschätzbarer Bedeutung, sagt er. "Sie ist der Beweis dafür, dass Deutsche eine Rolle in der Versklavung von Afrikanern gespielt haben." Seit 1979 gehört Groß Friedrichsburg zum Unesco-Welterbe. (..)


Der Brutalität anderer nicht nachgestanden

Der Wunsch, unermessliche Mengen Gold anzuhäufen, erfüllte sich für die Brandenburger nicht. Doch was sofort gelang, war der Ankauf von Sklaven. Beschafft wurden sie mithilfe der angrenzenden Bewohner. "Nach allem, was wir wissen, gab es keine Anfeindungen", sagt Historiker William Gmayi Nsuiban. Die Brandenburger seien akzeptiert worden, man habe co-existiert und miteinander Geschäfte gemacht. Bereits auf einem der ersten beiden Schiffe wurden afrikanische Menschen über den Atlantik verschifft und in die Sklaverei verkauft. Erst danach kehrte die "Chur Prinz" in ihre Heimat zurück. Laut Professor Ulrich van der Heyden sind die entführten Menschen schlechter behandelt worden als Ware. "Die Brandenburger waren nicht viel besser im Umgang mit den Sklaven als die berüchtigten Portugiesen." Wer sich gewehrt habe, sei an Haie verfüttert oder kielgeholt worden - also an Tauen unter dem Schiff durchgezogen worden. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass bis zu ein Sechstel der Versklavten gar nicht erst in den Internierungslagern der Karibik angekommen ist, sondern bereits auf den Überfahrten ums Leben kam.

(..)

Feuerwaffen und Werkzeuge für Gold und Menschen für Zuckerrohr

Friedrich Wilhelm orientierte sich beim Aufbau seiner Handelsrouten penibel am Vorbild anderer Europäer. Die Festung an der Goldküste diente dazu, Menschen festzuhalten, die zur Ware degradiert wurden. Schiffe der kurbrandenburgischen Marine brachten diese Männer, Frauen und Kinder in Ketten über den Atlantik zur Karibikinsel St. Thomas. Dort hatte Brandenburg von Dänemark für 30 Jahre einen Flecken Land gepachtet, der zu einem Sklavenmarkt ausgebaut werden sollte. Auf dem Rückweg aus der "Neuen Welt", wie die Eroberer, beschwipst von ihrer Selbstherrlichkeit, Amerika nannten, wurden Zuckerrohr und andere Produkte der großen Sklavenplantagen nach Europa gebracht. Von dort begann der Dreieckshandel wieder von vorn. Die Schiffe fuhren beladen mit Feuerwaffen, Munition, Eisenwerkzeugen oder Rubinglas an die afrikanische Goldküste. Während einige mit Gewürzen, Elfenbein und auch Gold nach Brandenburg zurückkehrten, brachte ein anderer Teil der Flotte entführte Afrikaner:innen über den Atlantik. Organisiert wurde alles von der Brandenburgisch-Afrikanischen Compagnie – einem Handelsunternehmen, das extra für den Betrieb der Kolonie gegründet worden war und sich klar an ausbeuterischen Organisationen wie der Niederländischen Westindien-Kompanie orientierte.

(..)


 
 
 

Kommentare


bottom of page