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Gespräch mit Sven Beckert, Kapitalismus: Eine tausendjährige Geschichte, die nur global verstanden werden kann. Die kapitalistische Revolution begann im Fernhandel, u.a. in Aden, im heutigen Jemen.

6. Okt.
4 Min. Lesezeit

Sven Beckert: „Kapitalismus“ Geschichte einer Weltrevolution Von Martin Hubert Deutschlandfunk, Andruck, 17.11.2025 Der in Harvard lehrende deutsche Historiker Sven Beckert legt eine beeindruckende Globalgeschichte des Kapitalismus vor. Sein Buch setzt schon mit dem frühen Kaufmannskapital ein und beschreibt den Kapitalismus als interkontinentales Phänomen. Beckert spürt der Dynamik und den Problemen des Kapitalismus nach und fragt, wie zukunftsfähig er ist. Gibt es Grenzen für den Kapitalismus? Eigentlich entwirft Sven Beckert in seinem Buch das Bild eines grenzenlosen Wirtschaftssystems. Nicht nur mache das sich vermehrende Kapital immer mehr Dinge und Lebensprozesse zur Ware. Auch geografisch sprenge der Kapitalismus alle Grenzen. Beckert schreibt: „Im Unterschied zu früheren Formen des Wirtschaftslebens, die lokal oder bestenfalls regional waren, war der Kapitalismus immer und von Beginn an eine Weltwirtschaft. Dies muss ausdrücklich gesagt werden, weil die Erforschung der Geschichte des Kapitalismus auch im 21. Jahrhundert noch immer so eurozentrisch ausgerichtet ist.“ Für Beckert hat sich der Kapitalismus global entwickelt, weil er sich flexibel und innovativ an unterschiedliche geografische, soziale und kulturelle Bedingungen anpassen konnte. Das führt ihn am Ende dann doch zur Frage, ob diese Symbiose aus machtvoller Expansion und flexibler Anpassung nicht doch irgendwann an Grenzen stößt. Ein globaler Blick auf den Kapitalismus Vorher aber führt er den Leser über mehr als tausend Jahre hinweg in verschiedenste Orte und Kontinente. Das Buch wimmelt von Zahlen und Fakten. Immer wieder schildert der Autor aber anschaulich Akteure, Ereignisse und Orte, die exemplarisch sichtbar machen, um was es gerade geht: Sven Beckert Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution Rowohlt Verlag Übersetzung: Helmut Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und Thomas Stauder 1280 Seiten 42,00 Euro „Aden war eine Weltstadt, die den Mittelmeerraum auf dem See- und Landweg mit dem Indischen Ozean und noch ferneren Regionen verband. Sie war von Menschen erbaut worden, deren alltägliche Arbeit darin bestand, in großem Stil Frachten zusammenzustellen, 1 um Preise zu feilschen, den Schiffsbau zu überwachen, ferne Märkte zu beobachten, Informationen zu sammeln und, nicht zuletzt, Kapital zu beschaffen.“ Für Beckert begann die Geschichte des Kapitalismus mit einzelnen „Inseln“ in einem „Meer“ der nichtkapitalistischen Welt. Die ersten Inseln waren Orte des Kaufmanns- oder Handelskapitals wie vor 900 Jahren Aden. Händler nutzten Preisunterschiede zwischen verschiedenen Regionen aus und begannen, sich immer stärker zu vernetzen und zu organisieren. Für Beckert war das kein determinierter Prozess. Der Kapitalismus entwickelte sich für ihn über komplizierte Rückkoppelungsschleifen. Diese verstärkten Gewinnchancen, die mitunter zufällig von geografischen, gewerblichen oder politische Faktoren abhingen. Zum Beispiel im frühen China: „Ermutigt durch die Nachfrage im In- und Ausland, erlangten die chinesischen Kaufleute auch die Kontrolle über die Produktion. Schon im 11. Jahrhundert investierten sie unter anderem in die Herstellung von Textilien, den Anbau von Tee und den Abbau von Salz. Mit der Folge, dass die Produktion, auch die von Porzellan, zunahm.“ Rückkoppelungsschleifen als Triebkraft der Entwicklung Aufgrund erhöhter Nachfrage nach Gütern stiegen Kaufleute in deren Produktion ein. Das erweiterte und optimierte die Produktion, erhöhte das Kapital und stimulierte wiederum den Handel. Solche Rückkoppelungseffekte sorgten nach Beckert in immer neuen Formen dafür, dass sich der Kapitalismus meist graduell, mal mit Rückschritten und dann auch sprunghaft fortentwickelte. Lange sei es noch bei kapitalistischen Inseln geblieben, einer Welt, in der es, wie Beckert pointiert schreibt, „Kapitalisten ohne Kapitalismus“ gab. Als Weltsystem habe dieser sich dann nicht allein über Markt und Konkurrenz durchgesetzt, wie oft unterstellt werde. Beckert schreibt dezidiert: „Kapitalismus ohne den Staat war unmöglich, sogar undenkbar.“ Und er sei bis heute mit vielen politischen Systemen kompatibel, nicht nur mit der Demokratie. Letztlich seien aggressive feudale Staaten dafür verantwortlich gewesen, dass Europa bis achtzehnhundert zur führenden kapitalistischen Macht aufstieg, die fast alle Kontinente miteinander verband. Der Kapitalismus, schreibt Beckert nicht weniger dezidiert, kam als „Kriegskapitalismus“ in die Welt. „Er war errichtet auf imperialer Expansion und bewaffnetem Handel, auf der Gewaltherrschaft über Arbeitskräfte und einer gewaltigen Enteignung kollektiver Ressourcen. In diesem System war der Kolonialismus von entscheidender Bedeutung für den Handel. Der Kriegskapitalismus öffnete riesige Territorien, in denen Eigentum – die individuelle Freiheit ebenso wie Grund und Boden und natürliche Ressourcen – zur Beute wurde.“ Ein Geflecht aus Fortschritt und Unterdrückung Über Sklaverei und Plantagenwirtschaft, Kolonialismus und Imperialismus führt das Buch den Leser bis zur Gegenwart. Zum Industriekapitalismus, zum organisierten Kapitalismus der Kartelle und Monopole oder zum Wirtschaftsnationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Beckert schildert Wohlstandsgewinne, technische und organisatorische Innovationen genauso wie Ausbeutung, Rebellionen und antikapitalistische Theorien. Daneben erfährt der 2 Leser einiges über ökonomische Schulen, Rassismus, die Kultur der Kapitalistenklasse oder über Rechts-, Bildungs- und Finanzierungssysteme. Nach 1945 schildert der Autor dann die Entwicklung von einem staatlich relativ regulierten Sozialstaatskapitalismus zu Neoliberalismus, Globalisierung und Finanzialisierung. Wie sieht Beckerts Fazit über die Gestaltungskraft des Kapitalismus aus, nachdem er dessen Fortschrittsdynamik genauso geschildert hat wie zunehmende Ungleichheit, Wachstumsprobleme und Naturzerstörung? Beckert spitzt eine Alternative zu. Einerseits könne es mit dem Kapitalismus durchaus noch eine Weile so weitergehen. Aber er sei nicht so allmächtig, dass nicht irgendwann doch aus ihm heraus etwas Neues entstehen könne - womöglich auf dem gleichen Weg wie der Kapitalismus selbst begann. Unklare Zukunft „Neue nicht kapitalistische Inseln werden entstehen, sich irgendwann miteinander verbinden und dann gemeinsam eine andere Art von Gesellschaft ausbilden. Nicht kommodifizierte Räume – von Sozialwohnungen über staatliche Schulen bis zu Büchereien – existieren schon. Der Wohlfahrtsstaat hat eine Sphäre geschaffen, die jenseits der Logik des Marktes liegt.“ Führt den Kapitalismus also gerade seine schier grenzenlose Formenvielfalt und Innovationskraft an ein Ende? Sven Beckert hat eine beeindruckende Globalgeschichte des Kapitalismus vorgelegt, die mit einer anregenden Spekulation endet. Natürlich wird das Buch Widerspruch von denen ernten, für die der Kapitalismus eigentlich erst mit der privaten Verfügung über Produktionsmittel, systematischer Produktivitätssteigerung und Lohnarbeit im Industriezeitalter entstand. Doch Beckert zeigt differenziert, wie sich kapitalistische Impulse schon viel früher weltumspannend entwickelt haben. Sein Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für Wissenschaftler und alle politisch Interessierten, die das System verstehen möchten, in dem wir leben.



 
 
 

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