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Drei westdeutsche Wirtschaftskenner einig: Was der Osten nach der Wende erlebt hat, trifft nun auch den Westen: Soziale Unsicherheit nimmt stark zu. Wohlstand ist nicht selbstverständlich.

10. Sept.
2 Min. Lesezeit

Ostdeutsche Allgemeine, Auszüge: Der Osten kennt eine Erfahrung, die viele westdeutsche Wohlstandsregionen lange für weit entfernt hielten: Wohlstand ist nicht selbstverständlich. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung wirkt eine alte Rollenverteilung plötzlich erstaunlich brüchig. Lange galt Ostdeutschland als der Teil des Landes, in dem wirtschaftliche Unsicherheit, Abwanderung und der Verlust industrieller Strukturen besonders tief ins gesellschaftliche Gedächtnis eingesunken sind. Der Westen dagegen stand in der öffentlichen Wahrnehmung eher für Kontinuität: starke Unternehmen, sichere Arbeitsplätze, wachsenden Wohlstand. Inzwischen werden auch dort Werksschließungen, Stellenabbau, Investitionszurückhaltung und der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit mit einer Nervosität diskutiert, die früher häufig als ostdeutsche Befindlichkeit abgetan wurde.

Kann die Erfahrung Ostdeutschlands deshalb mehr sein als historische Last? Ist es vielleicht sogar eine Art Frühwarnsystem? Drei Stimmen aus den alten Bundesländern, die Wirtschaft aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen, zeichnen kein einheitliches Bild. Aber sie beschreiben eine Verschiebung: Sorgen, die viele Ostdeutsche seit Jahren kennen, erreichen inzwischen auch westdeutsche Wohlstandsregionen.

Der schleichende Verlust industrieller Substanz

Matthias Weik, Finanzanalyst und Bestsellerautor aus Baden-Württemberg, beschreibt die Lage nüchterner als Trunk und ähnlich grundsätzlich wie Sattelberger. Auch er sieht keine normale Konjunkturdelle, sondern über Jahre entstandene Strukturprobleme. Zu hohe Energiepreise, Steuern und Sozialabgaben, Bürokratie, Infrastrukturdefizite, Demografie und ein härterer globaler Wettbewerb griffen ineinander. Besonders gefährlich sei, dass Deutschland industrielle Substanz oft nicht spektakulär, sondern schleichend verliere: Erst werde eine Investition verschoben, dann eine Stelle nicht nachbesetzt, eine Produktionslinie verlagert oder ein Standort verkleinert. Am Ende verschwänden nicht nur Jobs, sondern Zulieferer, Wissen, Steuereinnahmen und ganze Netzwerke.

„Bei mir in der Heimat brennt die Hütte“

Gerade hier sieht Weik einen Unterschied zwischen Ost und West. Viele Menschen im Osten hätten nach 1990 erlebt, wie schnell Betriebe und Arbeitsplätze verschwinden können und wie stark solche Brüche eine Region verändern. Im Westen sei das Vertrauen in das deutsche Wirtschaftsmodell deutlich länger stabil geblieben. Für Baden-Württemberg galt das in besonderem Maße: Automobilindustrie, Maschinenbau und Mittelstand schufen über Jahrzehnte Wohlstand und Sicherheit. Nun erreichten Sorgen um Stellenabbau, Standortschließungen und Verlagerungen auch diese Regionen. „Bei mir in der Heimat im Großraum Stuttgart brennt sprichwörtlich die Hütte“, sagt Weik.

Für ihn verläuft die entscheidende Trennlinie künftig deshalb weniger zwischen Ost und West als zwischen Regionen, denen es gelingt, Wertschöpfung zu halten, und solchen, denen das nicht gelingt. Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Die ostdeutsche Erfahrung wird damit nicht zur Sondergeschichte, sondern zu einer möglichen Vorwegnahme von Entwicklungen, die andere Regionen nun ebenfalls treffen können.




 
 
 

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