Die Wahrheit liegt unter den Trümmern der zerstörten Häuser und Straßen in GAZA sagt die so mutige Francesca Paola Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete
Francesca Paola Albanese (* 30. März 1977 in Ariano Irpino, Kampanien) ist eine italienische Rechtswissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Internationales Recht und Menschenrechte. Seit 2022 ist sie UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete (englisch: United Nations Special Rapporteur on the occupied Palestinian territories).
Krieg in Israel und Gaza seit 2023
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 betonte sie in einer Erklärung am 14. Oktober, dass sowohl Palästinenser als auch Israelis Anspruch auf ein Leben in Frieden, Gleichberechtigung, Würde und Freiheit hätten. Sie rief die Weltgemeinschaft dazu auf, die Bemühungen um einen sofortigen Waffenstillstand zwischen den Parteien zu intensivieren, bevor ein „Punkt ohne Wiederkehr“ erreicht werde. Es sei Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, die Bevölkerung vor Gräueltaten zu schützen. Das Vorgehen der Hamas und der israelischen Besatzungstruppen müsse nach den Kriterien des Völkerrechtes bewertet werden. Zur Ankündigung einer militärischen Großoperation in Nord-Gaza durch Israel und der Aufforderung an die dortigen 1,1 Millionen Menschen, diese Wohngebiete unverzüglich und vollständig zu räumen, sprach sie von einer drohenden ethnischen Säuberung, die als Selbstverteidigung nicht gerechtfertigt sei.[23]
Im November 2023 äußerte Albanese, dass Israel statt einer Kriegserklärung mit „Rechtsdurchsetzung“ (law enforcement) hätte reagieren müssen. Ferner schlug sie vor, dass Israel die UN hätte anrufen können, um die Hamas zu demilitarisieren. Schließlich verglich sie die Situation Israels mit der Situation Frankreichs nach dem Bataclan-Terrorattentat 2015 und argumentierte, dass Frankreich es als Reaktion unterlassen habe, Belgien anzugreifen, obwohl die Terroristen aus Belgien gekommen seien. Auf das Recht zur Selbstverteidigung aus Artikel 51 der UN-Charta zur Rechtfertigung seines militärischen Vorgehens könne Israel sich schon deshalb nicht berufen, weil es sich beim Gazastreifen um ein von Israel besetztes Gebiet handele.[24][25]
Israels Außenminister Israel Katz (Likud) und Innenminister Moshe Arbel (Schas) forderten in einer gemeinsamen Erklärung, dass UN-Generalsekretär António Guterres Albanese als UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete entlassen solle, und teilten mit, Albanese dürfe jetzt nicht mehr nach Israel oder Palästina einreisen. Hintergrund war Albaneses Posting vom 10. Februar 2024 in Reaktion auf eine Beschreibung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 das „größte antisemitische Massaker unseres Jahrhunderts“ genannt hatte. Albanese lehne diese Aussage ab und schrieb: „Die Opfer von 7/10 wurden nicht wegen ihres Judentums getötet, sondern als Reaktion auf die Unterdrückung durch Israel. Frankreich und die internationale Gemeinschaft haben nichts getan, um sie zu verhindern. Mein Beileid an die Opfer.“ Albanese erklärte, das Einreiseverbot sei „keine Neuigkeit“, da Israel „seit 2008 ALLEN Sonderberichterstattern die Einreise verweigert“. Die Ankündigung aus Israel dürfe „nicht zur Ablenkung von Israels Gräueltaten im Gaza werden“, die mit der Bombardierung von Menschen in „sicheren Gebieten“ in Rafah ein neues Ausmaß an Grauen erreichen.[26][27][28]
Zum Weltfrauentag Anfang März 2024 postete Albanese, ihre Gedanken seien „bei den Frauen und jungen Mädchen von Gaza“, aber auch „bei den israelischen Frauen, speziell den Soldatinnen“, an deren Adresse sie die Frage richtete: „Was habt ihr getan, was ist aus euch geworden? Ihr Lieben, wenn euch das klar wird, wird euch das für immer heimsuchen.“[29]
Am 26. März 2024 legte Albanese in der 55. Sitzung des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen in Genf ihren Bericht Anatomie eines Völkermords vor,[30] in dem sie triftige Gründe dafür sieht, dass Israel in seinem Vorgehen gegen die Palästinenser in Gaza zumindest drei in der Völkermordkonvention aufgeführte Tatbestände begangen habe:[30.1]
Albanese forderte Sanktionen und ein Waffenembargo gegen Israel. Des Weiteren plädierte sie dafür, den kolonialen Kontext der europäischen Besiedlung Palästinas anzugehen, der zu einer „Zerstörung und Verdrängung indigener Völker“ geführt hat,[30.5] und empfahl dafür die „Wiedereinsetzung des Sonderausschusses der Vereinten Nationen gegen Apartheid“.[30.6]
Im September 2025 trat Francesca Albanese bei dem Konzert Together for Palestine in der Londoner OVO Arena Wembley auf, dessen Umsatz vollständig an palästinensische Hilfsorganisationen geflossen sei.[31][32][33]
Im Februar 2026 veröffentlichte die pro-israelische Advocacy-Gruppe UN Watch ein zusammengeschnittenes Video, in dem Albanese die Aussage in den Mund gelegt wurde, Israel sei „der gemeinsame Feind der Menschheit“.[34] Tatsächlich hatte sie nicht Israel als einen solchen bezeichnet, sondern gesagt, darin, dass die meisten Regierungen mit Waffenlieferungen und die meisten westlichen Medien mit israelfreundlicher Berichterstattung Beihilfe zu einem Völkermord geleistet hätten, habe sich gezeigt, dass die Menschheit einen gemeinsamen Feind habe. Später erklärte sie, konkret gemeint habe sie das globale politische System, das den Völkermord in Palästina ermöglicht habe.[35] Der französische Außenminister forderte Albaneses Rücktritt – ihre tatsächlichen Aussagen lagen zu diesem Zeitpunkt bereits im Originaltext vor. Mathilde Panot, Fraktionsvorsitzende der oppositionellen La France insoumise, warf ihm daraufhin vor, Frankreichs Außenpolitik auf Falschinformationen zu gründen;[36] die Anwaltsgruppe Juristes pour le respect du droit international erstattete Anzeige gegen ihn wegen Verbreitung von Desinformation (in Frankreich potentiell eine Straftat).[37] Die Außenminister Deutschlands und Tschechiens äußerten ebenso Rücktrittsforderungen Richtung Albanese;[38] auch der Außenminister Italiens kritisierte sie.[39] Distanziert äußerte sich außerdem der Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres: „Wir stimmen nicht mit vielem überein, was sie sagt“.[40] Der Koordinierungsausschuss der UN-Sonderberichterstatter sprach bei den Äußerungen der Minister hingegen von „bösartigen Angriffen, die auf Desinformation beruhen“; die Regierungsvertreter sollten sich besser auf die Verfolgung der Kriegsverbrechen in Gaza konzentrieren.[41][42][43] Auch Amnesty International stellte sich hinter Albanese und verurteilte die Rücktrittsforderungen, hinter denen die Menschenrechtsorganisation einen Angriff auf die Integrität internationaler Menschenrechtsmechanismen sieht.[44] Über hundert Künstler unterzeichneten einen offenen Brief zur Unterstützung Albaneses, darunter Mark Ruffalo, Javier Bardem, Annie Lennox und die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux.[40]
US-Sanktionen gegen Albanese
Die UNO veröffentlichte im Juni 2025 einen Bericht von Albanese, in dem sie die These aufstellt, dass in Gaza ein Völkermord stattfinde, welcher andauere, weil er für mehrere Unternehmen lukrativ sei. In dem Bericht werden 48 Konzerne aufgelistet, darunter Microsoft, Alphabet Inc. und Amazon, die laut Bericht Israel dabei unterstützen, Palästinenser unter Verletzung des Völkerrechts zu vertreiben.[45] Im Juli 2025 verhängten die USA daraufhin Sanktionen gegen Albanese. Auf der Plattform X begründete der US-Außenminister Marco Rubio diesen Schritt damit, dass Albanese „eine ‚Kampagne politischer und wirtschaftlicher Kriegsführung‘ gegen die Vereinigten Staaten und Israel“ führe und sich u. a. für den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen Benjamin Netanjahu einsetze.[46]
UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte diese Entscheidung als „gefährlichen Präzedenzfall“. Die UN-Sonderberichterstatterin zu Russland, Mariana Katzarova, warnte davor, dass andere Staaten diesem Beispiel folgen könnten.[47]
Auch Liz Evenson, Justizdirektorin bei Human Rights Watch, verurteilte die Sanktionen als Schritt, „die Normen und Institutionen, auf die sich die Überlebenden schwerer Misshandlungen verlassen, zu beseitigen“. Zuvor hatten sich die USA unter Donald Trump auch aus dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen zurückgezogen. Es gehe den USA darum, „eine UN-Expertin zum Schweigen zu bringen, weil sie ihre Arbeit macht – nämlich die Wahrheit über die Verstöße Israels gegen die Palästinenser zu sagen [...]“.[47][48] Agnes Callamard von Amnesty International rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, Albanese zu unterstützen, um die Auswirkungen der Sanktionen zu minimieren.[48]
Ein US-Bundesrichter verfügte im Mai 2026 einen temporären Stopp der Sanktionen. Die amerikanische Regierung habe die Sanktionen bloß aufgrund der von Albanese geäußerten Worte verhängt, was möglicherweise das durch die Verfassung geschützte Recht auf Redefreiheit verletzt habe.[49] Zwei Wochen später wurden die Sanktionen wieder eingesetzt, nachdem ein Berufungsgericht den temporären Stopp aufgehoben hatte, ohne in der Sache zu entscheiden.[50]
Publikationen (Auswahl)
UNRWA and Palestine Refugee Rights: New Assaults, New Challenges. Institute for Palestine Studies, Washington 2018 (palestine-studies.org).
mit Lex Takkenberg: Palestinian Refugees in International Law. Oxford University Press, Oxford 2020, ISBN 978-0-19-878404-3.
mit Lex Takkenberg: The Actuality of the Palestinian Refugee Question: An International Law Perspective. Arab Renaissance for Democracy & Development, 2021 (ardd-jo.org [PDF] Online-Veröffentlichung, Kurzfassung der zuvor genannten Monographie).
mit Mutaz M. Qafisheh, Rama Sahtout, Lex Takkenberg: The Lex Specialis Regime Pertinent to Palestinian Refugees. In: Global Jurist. Band 23, Nr. 1, 2022, S. 43–74, doi:10.1515/gj-2022-0041.
mit Christian Elia: J'accuse. Gli attacchi del 7 ottobre, Hamas, il terrorismo,Israeli, l'apartheid in Palestina e la guerra. Fuoriscena, Mailand 2023, ISBN 979-1-22250029-4.
A Moon Will Rise from the Darkness. Reports on Israel’s Genocide in Palestine. Edited by Mandy Turner and Lex Takkenberg, Pluto Press 2025, ISBN 978-0-745-35231-2.
Auszeichnungen
Im April 2023 erhielt Albanese den nicht dotierten Internationalen Stefano-Chiarini-Preis (benannt nach dem Il-manifesto-Journalisten) in Anerkennung ihrer Arbeit über Palästina und den Nahen Osten.[51][52] Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez verlieh Albanese im Mai 2026 das Komturkreuz des Zivilverdienstordens.[53]






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