Die Rechte nutzt heute die strategischen Einsichten des Kommunisten Antonio Gramsci: Menschen dort abholen, wo sie stehen, in ihrem Alltag, ihren Vereinen, Familien, Schulen, Medien, ihren Milieus.
Precht dagegen geht hart mit der politischen Mitte ins Gericht. Sie habe sich, so sein Vorwurf, in eine Verteidigerin des Bestehenden verwandelt. Auf den Wunsch nach Veränderung habe sie nur eine Antwort: dass Veränderung leider nicht möglich sei.

Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, Auszüge: Und bei der Frage, wie ausgerechnet eine rechte Partei etwas beherrscht, was einmal als Kern linker Politik galt – Menschen dort abzuholen, wo sie stehen –, kommt dann Antonio Gramsci ins Spiel. Für Precht ist der italienische Marxist der Linke mit dem „wärmsten Herzen“. Auch weil Gramsci der mechanischen Geschichtsvorstellung des Marxismus widersprach.
Bei Marx bestimmen, verkürzt gesagt, die ökonomischen Verhältnisse das Bewusstsein: Wer seine materielle Lage verändert, verändert irgendwann auch die Gesellschaft. Gramsci hielt diesen Ansatz für unzureichend. Menschen bestünden nicht nur aus Klassenlage und Kontostand. Sie hätten Traditionen, Sehnsüchte, Kränkungen, Gewohnheiten, einen Begriff von Heimat und eine Vorstellung davon, wer zu ihnen gehört.
Auch eine Politik, die sich warm anfühlt, kann kalt enden
Darum entstehe politische Macht nach Gramscis Vorstellung lange vor dem Wahltag, stellt Precht fest. Sie wachse in Vereinen und Familien, in Schulen, Medien und kulturellen Milieus – heute natürlich auch auf TikTok, YouTube und Instagram. Wer herrschen will, müsse zuvor führen. Und führen bedeute nicht, über andere zu verfügen, sondern ihre Sprache, ihre Empfindungen und ihre Alltagsdeutung zu prägen. Erst werden Herzen gewonnen, dann die Mehrheiten.
Und so ist, den beiden ZDF-Köpfen zufolge, Gramscis Theorie nach rechts gewandert. „Seine These war“, erläutert Precht, „führend wird man nur, indem es einem gelingt, die Herzen der Menschen zu gewinnen und sie dort abzuholen, wo sie stehen, ihnen nicht zu sagen, wie sie zu sein haben.“ Ein klassischer Fehler der Linken heutzutage, meint der Philosoph.
Bemerkenswert ist der kleine, aber produktive Unterschied zwischen den beiden Wahl-Sezierern in dieser Folge. Lanz blickt stärker auf die demokratischen Herausforderungen, er fragt, weshalb Argumente ihre Kraft verlieren, verteidigt aber zugleich die Stabilität der Institutionen und widerspricht allzu lustvollen Untergangsszenarien. Precht dagegen geht hart mit der politischen Mitte ins Gericht. Sie habe sich, so sein Vorwurf, in eine Verteidigerin des Bestehenden verwandelt. Auf den Wunsch nach Veränderung habe sie nur eine Antwort: dass Veränderung leider nicht möglich sei.

Wir hatten 2023 zu Gramsci informiert, den wir tatsächliche für einen der wichtigsten Theoretiker und Praktiker der Emanzipation halten.




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