Der BRICS-Gipfel ist ein Praxistest, ob „Multipolarität" nur eine Sprechblase ist. Wenn Teheran &Abu Dhabi etwas Tragfähiges hinbekommen, hat das für BRICS mehr Bedeutung als jede gemeinsame Erklärung
Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: (Artikel-Auszüge) In Neu-Delhi wird die Bühne aufgebaut, einen Tag vor Beginn des Gipfels. Das Gesprächsthema der Stadt bleibt dasselbe: Die Brics sind kein Bündnis von fünf Staaten mehr. Die Gruppe hat sich erweitert – aber um Partner, deren Interessen einander widersprechen.
In seiner Analyse für das Institute for Security and Development Policy beschreibt Jagannath Panda, wie weit die Erwartungen auseinanderliegen: Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen pragmatische Wirtschaftspartnerschaften und keinen Bruch mit dem Westen. Indonesien hütet seine strategische Unabhängigkeit seit Jahrzehnten. Iran sucht Bewegungsspielraum unter dem Druck der Sanktionen.
Jedes Mitglied zieht in eine andere Richtung – und genau darin liegt, paradoxerweise, Indiens Chance. Einer derart heterogenen Gruppe kann keine einzelne Macht ihre Identität aufzwingen. Panda nennt das eine „Koalition vielfacher Eigenständigkeiten".
Indien versucht nicht, die bestehende Ordnung über die Brics zu demontieren. Es will Hebelwirkung, während sich diese Ordnung verschiebt.
China ist der Teil, den Indien nicht gelöst hat. Peking hat Indiens Brics-Vorsitz unterstützt, und Xi Jinpings Besuch in Delhi – sein erster seit sieben Jahren – zeigt, wie viel China daran liegt, das Verhältnis zu stabilisieren. Verschwunden ist das Misstrauen deshalb nicht. Sicherheit, Investitionen, Technologie: alles weiterhin umstrittenes Terrain. Indiens eigentlicher Hebel besteht darin, die Brics so vielfältig zu halten, dass Peking sie nicht allein steuern kann.
Zwischen der Förderung lokaler Währungen und alternativer Zahlungswege, die Indien aus praktischen Gründen unterstützt, und dem Umbau der Brics zu einem Anti-Dollar-Projekt verläuft eine wichtige Linie. Von Letzterem hätte Indien wenig. Das passt zu dem, was Panda Indiens „asymmetrische Multipolarität" nennt: beweglich bleiben zwischen konkurrierenden Mächten, statt sich auf einen Block festzulegen.
Gipfelerklärungen sind schnell vergessen. Was die Brics finanziell aufbauen, könnte dauerhafter sein.
Indien hat vorgeschlagen, die digitalen Zentralbankwährungen der Mitglieder zu verknüpfen, um grenzüberschreitende Zahlungen zu erleichtern – Interoperabilität also, keine gemeinsame Währung.
Das ist die Variante der Brics-Finanzpolitik, die Indien tatsächlich nützt: geringeres Währungsrisiko, tiefere heimische Kapitalmärkte, Infrastrukturfinanzierung ohne geopolitische Bedingungen.
Nichts legt die Widersprüche der Brics so offen wie die Konfrontation zwischen Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Teheran sucht politische Deckung und Spielraum gegen westlichen Druck. Abu Dhabi hat eine diversifizierte Volkswirtschaft aufgebaut, die es weder von Washington noch von Europa lösen will.
Dieser Riss verläuft nicht mehr außerhalb der Brics, sondern mitten im Raum.
Für Indien ist das mehr als eine heikle Sitzordnung. Es ist ein Praxistest, ob
„Multipolarität" mehr ist als eine Sprechblase. Wenn Neu-Delhi Teheran und Abu Dhabi zu etwas Tragfähigem bewegen kann, sagt das mehr über die Zukunft der Brics als jede gemeinsame Erklärung.
Daran bemisst sich der Erfolg in Delhi: nicht daran, wie scharf die Brics den Westen kritisieren, nicht an der Zahl ihrer Mitglieder, nicht am Ehrgeiz des Schlussdokuments – sondern daran, ob die Gruppe von der Erweiterung zur Konsolidierung findet, von der Rhetorik zu Institutionen, die funktionieren.





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