Das Menschenrecht auf Arbeit suchen junge Nord-Afrikaner vergeblich - auch wenn sie studiert haben

Skander und Mohammed geben Saied einen Vertrauensvorschuss. Viel schlimmer hätte die Situation nicht werden können, sagen sie. Zudem sei der Präsident bekannt dafür, dass er auf die Jugend setze. Vielleicht, so hoffen sie, könnten sie dank ihm irgendwann eine richtige Arbeit bekommen. Auch ohne gute Beziehungen zu haben oder aus einem reichen Viertel zu kommen.


Jus-Absolventen auf der Strasse

Eine Arbeit zu bekommen, irgendwie einen Fuss in die Tür des Systems zu schieben, das ist auch zehn Jahre nach dem politischen Umbruch in Tunesien für viele junge Leute eine Herausforderung. Selbst für diejenigen, die studiert haben. Die Privatwirtschaft ist nach einer Revolution, nach Terroranschlägen, ausbleibenden Investitionen und der Pandemie am Boden. Der Beamtenapparat ist aufgebläht. Trotzdem hoffen nach wie vor viele junge Frauen und Männer auf den «Nagel in der Wand», wie es in Tunesien heisst: eine Stelle im Staatsdienst. Diese ist nicht unbedingt herausfordernd, besonders interessant oder gut bezahlt, aber zumindest sicher.

Wie gross der Frust über mangelnde Perspektiven ist, zeigt sich auch vor dem Justizministerium. Dort protestieren einige Dutzend Jus-Studentinnen und Universitätsabgänger. Racha hat 2015 begonnen, Jura zu studieren. Heute ist sie im Masterstudium. «Als ich angefangen habe, hatte ich einen Traum.» Richterin wollte sie werden oder Anwältin. Doch mitten im Studium änderten sich auf einmal die Voraussetzungen.

Anwälte mussten nun nach der Zulassungsprüfung noch weitere zwei Jahre die Schulbank drücken. «Kein Problem, das hätten wir ja alles akzeptiert», sagt Racha. Doch seit zwei Jahren liegt das gesamte Zulassungsverfahren auf Eis, sowohl für Anwälte als auch für Richter. Bereits seit acht Jahren gibt es keine Zulassungsverfahren mehr für Notare. Früher fanden alle drei Verfahren jedes Jahr statt. Sie sind die einzige Möglichkeit, überhaupt einen dieser Berufe auszuüben. Mehr als zwanzigtausend Absolventen stünden jetzt auf der Strasse, sagen die Demonstranten.


«Einen Plan B hatte ich nie, ich dachte ja, mit dem Studium stünden mir die Türen offen», sagt die 25-jährige Racha. Am liebsten würde sie Tunesien verlassen. «Ich liebe mein Land, wir alle tun das. Aber es tötet die Hoffnung, die Ambitionen seiner Jugend. Sobald man die Schule abgeschlossen hat, ist es ein täglicher Kampf. Das macht so müde», sagt sie. Viele ihrer Kommilitonen hätten irgendwann das Studium abgebrochen. Sie hätten es nicht geschafft zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und gleichzeitig mit dem straffen Programm mitzuhalten.

Vor dem Justizministerium blockieren die jungen Leute inzwischen die Strasse. Wassim Neji versucht die Menge anzuheizen. «Recht auf Arbeit», skandieren die Teilnehmer, so wie es in der Verfassung steht. Der 33-Jährige ist extra aus Gabes, aus dem Süden des Landes, für den Protest angereist. Vor zehn Jahren hat er sein Studium abgeschlossen, seitdem sucht er eine Stelle. Selbst die paar Zulassungsprüfungen, die es seit der Revolution gegeben habe, seien nicht transparent und fair gewesen, sagt er.

Auf Kais Saied, selbst ein pensionierter Jus-Dozent, angesprochen, reagieren Racha und Wassim ausweichend. Sie habe noch Hoffnung, denn Saied habe ja ein offenes Ohr für junge Leute, sagt Racha. Auch Wassim hofft, dass der Präsident und die neu ernannte Justizministerin das Anliegen der Absolventen unterstützen. So oder so würden sie weiter protestieren, so wie sie es schon seit Jahren täten.

Tunesien: Die Jugend hält weiter zu Kais Saied (nzz.ch)

Dass Kais Saied den Ruf hat, die Belange junger Leute in Tunesien ernst zu nehmen, liegt in einem Sit-in vor mehr als zehn Jahren begründet. Im Januar 2011, nur wenige Tage nach der Revolution, hatten Hunderte von jungen Leuten den Platz an der Kasbah, dem Regierungssitz in Tunis, besetzt. Sie forderten weitreichende politische Reformen. Kais Saied war dort oft zu Besuch und ein gern gesehener Gast. Er hörte die jungen Leute an, die hauptsächlich aus dem Landesinneren gekommen waren. Stundenlang diskutierte er mit ihnen darüber, welches politische System das beste für Tunesien sei und wie die Probleme des Landes gelöst werden könnten.

Ob Kais Saied dieser Generation nicht nur Hoffnung geben, sondern ihr auch konkrete Perspektiven aufzeigen kann, dürfte für seine politische Zukunft ein entscheidendes Element sein.

Doch die junge Generation, die mit der Revolution politisch gross geworden ist, hat auch ein neues Selbstbewusstsein entwickelt. Viele werden nicht müde zu betonen, dass sie bereit seien, einen neuen Diktator zu verjagen. So, wie sie es einst mit Ben Ali gemacht hätten.

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