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Neubewertung: Haben wir den „sicheren“ Klimazustand verlassen? 5 Klima-Kipppunkte schon kritisch!

Fünf Klima-Kipppunkte könnten bereits einen kritischen Wert überschritten haben. Das Pariser 1,5-Grad-Ziel reicht womöglich nicht aus, um den Kollaps zu verhindern, warnen Forscher in einer Neubewertung. Sie fordern ein Frühwarnsystem. Mit der Stabilität des Klimas, die gut zehntausend Jahre lang im Holozän gehalten hat, ist es womöglich schon jetzt endgültig vorbei. „Die Gefahr rückt schneller näher als gedacht“, heißt es in der Neubewertung einer internationalen Forschergruppe, die sich seit 2008 mit den Risiken von irreversiblen, möglicherweise abrupten Veränderungen – den Klima-Kippelementen – beschäftigt. Die Erde habe mit der aktuellen Erwärmung von 1,1 Grad über dem vorindustriellen Niveau einen „sicheren“ Klimazustand bereits verlassen, und schon bei der im Pariser Klimavertrag angepeilten Erwärmung um 1,5 Grad würden mehrere Schwellenwerte mit einiger Wahrscheinlichkeit überschritten, warnen die Forscher. Dies führe womöglich dazu, dass fünf der mittlerweile sechzehn Kipppunkte des Weltklimas unwiederbringlich aus dem Gleichgewicht geraten.


Damit verschärfen führende Klimaforscher wenige Monate nach der Veröffentlichung des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC noch einmal die Warnungen vor dem Kollaps. Mitautor Johan Rockström, der schwedische Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Ko-Vorsitzender der „Earth Commission“, sieht die Gefahr durch die Klima-Kippelemente – die Achillesfersen des Erdsystems – für bislang deutlich unterschätzt: „Das ist definitiv mehr als eine weitere Warnung vor dem Klimawandel“, sagt er. „Es ist die erste präzise und sehr beunruhigende Analyse der Kippelemente, die uns zeigt, dass 1,5 Grad nicht einfach ein Klimaziel ist, sondern ein echtes planetares Limit.“



Das 2-Grad-Ziel ist obsolet

Der IPCC hatte festgestellt, dass bei einer globalen Erwärmung von zwei Grad über dem vorindustriellen Level die Wahrscheinlichkeit für ein Auslösen von Kipppunkten „hoch“ und ab 2,5 Grad „sehr hoch“ würde. Unklar blieb, was durch die – angesichts der derzeitigen Tendenz schon in den nächsten acht Jahren zu erwartenden – Erwärmung von 1,5 Grad passiert. (..) „Schon ab 1,5 Grad nehmen wir gewaltige Risiken in Kauf“, sagt Rockström. „Die Vorstellung, wenn wir 1,5 Grad nicht schaffen, dann werden es eben zwei Grad, ist ein gefährlicher Trugschluss.“ Bei zwei Grad ist das Kind gewissermaßen schon in den Brunnen gefallen.

(..)


Die fünf Kippelemente, die bereits bei der aktuellen Erwärmung um 1,1 Grad – wie es wissenschaftlich heißt „am unteren Ende des Unsicherheitsbereichs der Risikoabschätzung“ – liegen, betreffen die Eisschilde Grönlands und der Westantarktis, die Ozean-„Umwälzpumpe“ in der Labradorsee, das massive Absterben der tropischen Korallenriffe sowie das Auftauen der Permafrostböden. Bei ihnen sind nach Auswertung aktueller Daten schon Veränderungen in Gang gekommen, die zwar mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, aber „möglicherweise“ schon heute ein Kippen des Systems in einen anderen, instabilen Zustand bedeuten. Bei einer Erwärmung von 1,5 Grad würde dieses Umkippen der fünf Elemente „wahrscheinlich“. (..)


Kaskaden beschleunigen den Trend

Kopfzerbrechen bereiten den Klimaforschern insbesondere die Tendenzen der vergangenen Jahre, die nicht nur auf eine Beschleunigung des Klimawandels hindeuten, sondern auf die Verknüpfung vieler der Kippelemente. Kommt ein Puzzleteil aus dem Gleichgewicht, können durch positive Rückkoppelungen andere Kippunkte schneller erreicht werden.


„Ein Fall für den UN-Sicherheitsrat“

„Jedes Zehntelgrad zählt jetzt“ – die Warnung von Johan Rockström, die schon auf den letzten UN-Klimagipfeln oft wiederholt wurde, gilt nach dieser neuen Analyse verstärkt für die zahlreichen Achillesfersen des Erdsystems. Ab 1,5 Grad „eskalieren“ die Risiken. Um wenigstens eine 50-prozentige Chance zu haben, eine Erwärmung von 1,5 Grad einzuhalten und damit das Risiko für Überschreitung von Kipppunkten zu begrenzen, müssen nach den Kalkulationen der Forscher die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um die Hälfte und die globalen Netto-Emissionen bis 2050 auf Null reduziert werden.


Aktuell allerdings ist die Klimapolitik auf einem erheblich abweichenden Pfad unterwegs. So sind derzeit zwischen zwei und drei Grad Erwärmung wahrscheinlich. „Ein Frühwarnsystem ist in unserer Lage nicht nur dringend erforderlich, das ist für mich ein Fall für den UN-Sicherheitsrat.“


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