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Rheinmetall: Der Ukraine-Krieg bringt den Rüstungskonzern auf Erfolgskurs

Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat seinen Sitz in Deutschland. Doch viele Gewinne gehen in die USA. Werner Rügemer 10.04.2023 | 08:30 Uhr

„Mit der Zeitenwende und dem Krieg in Europa hat auch für Rheinmetall eine neue Ära begonnen, Allzeithoch beim Ergebnis, Rekord beim Auftragsbestand“, so Vorstandschef Armin Papperger im Geschäftsbericht 2022. „Der Technologiekonzern Rheinmetall AG steigt in den deutschen Leitindex DAX auf“, teilte er am 20. März 2023 mit. Der Aktienkurs hat sich in den letzten beiden Jahren fast verdoppelt. Den Aktionären wird zur Hauptversammlung am 9. Mai 2023 eine Dividendensteigerung um 30 Prozent versprochen. Wer sind die Aktionäre? Rheinmetall nennt keine Namen. Aus Börsenportalen und Mitteilungen der US-Börsenaufsicht SEC ergibt sich: Rheinmetall hat 280 staatlich erfasste Aktionäre. Die größten sind Blackrock, Wellington, Fidelity, Harris Associates, John Hancock, Capital Group, Vanguard, EuroPacific Growth Fund, LSV. Sie kommen wie die meisten kleineren aus den USA. Rheinmetall ist also gar nicht deutsch. Die Hälfte der 25.500 Beschäftigten arbeitet zwar in Deutschland, die andere Hälfte in 33 anderen Staaten. Aber die Gewinne fließen vor allem in die USA. Modernste Waffentechnologie zusammen mit US-Konzernen Die meisten Filialen in einem anderen Staat als Deutschland betreibt Rheinmetall in den USA, nämlich zehn. Das begann 2005 mit den US-Dauerkriegen in Afghanistan und im Irak. So unterstützt Rheinmetall als „langjähriger Partner der Nato die nationale Verteidigungsstrategie der USA“. In den USA entwickelt Rheinmetall die modernsten Waffentechnologien, so mit US-Rüstungskonzernen wie Textron, Raytheon und Allison die neue Generation KI-gestützter Schützenpanzer. Sie sollen, bemannt wie auch unbemannt, feuerstark, hoch geschützt und hochmobil mit bisher unbekannter Tötungsfähigkeit (lethal capability) operieren, „wie das sonst nirgends auf der Welt verfügbar ist“. Für den Kampfjet F-35 des weltgrößten Rüstungskonzerns Lockheed darf Rheinmetall jetzt den 6,5 Meter langen Mittelteil zwischen Cockpit und Heck bauen. Das deutsche Verteidigungsministerium hat aus Anlass des Ukraine-Kriegs im Vorgriff schon einige F-35 bestellt, erst mal. Die europäischen Nato-Mitglieder sollen die Entwicklung eines eigenen Kampfjets aufgeben und lieber den teuren US-Tarnkappenflieger kaufen.

Mit dem US-Drohnenhersteller AeroVironment entwickelt Rheinmetall eine unbemannte Kleindrohne für Spezialkräfte. Die Drohne soll schnell einsetzbar sein, aus der Hand gestartet werden können, weniger als zehn Kilogramm wiegen und eine Reichweite von 30 Kilometern haben. Im Gefolge der globalen US-Militärstrategie In der Ukraine – der aktuellste Gewinntreiber – will der Technologieführer ein neues Panzerwerk errichten. Denn der Krieg dort, um das Territorium ganz zurückzuerobern, wird noch lange dauern, so Papperger. Selbst wenn Putin eines Tages weg sei, sei mit Russland wohl keine Partnerschaft möglich.

Zur zeit- und ortsnahen Belieferung betreibt Rheinmetall nach eigenen Angaben 133 Standorte in 33 Staaten, in Nato-Staaten, aber auch in der „neutralen“ Schweiz. Mit der Feinderklärung gegen China unter US-Präsident Barack Obama entwickelte Rheinmetall bisher 18 Standorte in Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland. 2014 rief Obama in Australien die pazifischen Staaten zur US-geführten Aufrüstung auf, gleichzeitig zum Ausstieg aus der fossilen „schmutzigen Industrie“. Seitdem errichteten die USA vier neue Militärstützpunkte auf dem Kontinent. Rheinmetall kam, ist heute der größte Panzerlieferant des australischen Militärs und exportiert den Boxer-Panzer in asiatische Staaten. Die Fabrik in Queensland mit 600 Beschäftigten ist „der technologisch höchstentwickelte Militärstandort in Australien“, so das Eigenlob. Rheinmetall hat Erfahrung, wie unter Kanzlerin Angela Merkel die Rüstungsexportkontrollen umgangen wurden, etwa über Filialen in Italien und den USA. Dafür bekam der Konzern 2017 den Black Planet Award der Stiftung Ethecon. Papperger positioniert Rheinmetall neben dem UN-Völkerrecht in der „internationalen regelbasierten Ordnung“, die von den USA definiert wird.

Parteiübergreifende Lobbyarbeit Rheinmetall ist Mitglied in den drei Lobbyverbänden der Rüstungsindustrie: Förderkreis Deutsches Heer (FKH), Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) und Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV). Im BDSV ist Papperger Vorsitzender. Rheinmetall spendet auch allen jeweiligen Regierungsparteien.

Rheinmetall holte 2014 den ehemaligen FDP-Generalsekretär Dirk Niebel in die Düsseldorfer Zentrale, als Leiter für Internationale Strategieentwicklung und Regierungsbeziehungen. Er war vorher Mitglied im Bundessicherheitsrat. Vor allem: Niebel war von 2009 bis 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. So errichtete der Konzern Filialen etwa in Südafrika, Malaysia, Indien, Brasilien, Mexiko, Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Usbekistan. Manche Verbindungen zur Rheinmetall liegen weniger deutlich auf der Hand. Henning Otte, CDU, vertritt den Wahlkreis Celle. Da liegt der größte Produktionsstandort von Rheinmetall, Unterlüß. Mit dem Aufstieg von Rheinmetall wurde Otte 2014 verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, auch Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der Nato. Auch der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kommt aus Niedersachsen. Hier hat Rheinmetall die meisten Standorte. Das Bundesland wurde für die Osterweiterung der Nato immer wichtiger. Der Maritim-Stützpunkt Wilhelmshaven ist mit 9500 Mann der größte Bundeswehrstandort überhaupt, bereit gemacht für US-Militär in Richtung Osteuropa und für dortige Nato-Manöver, aber auch für die zunehmend globalen Aktivitäten der Bundeswehr. Das in der Nähe von Unterlüß gelegene Munster beherbergt den größten Heeresübungsplatz der Bundeswehr. Und Bergen-Hohne im Landkreis Celle ist einer der größten Nato-Übungsplätze in Europa, vor allem für Panzer-Schießübungen. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) wirbt um neue Rheinmetall-Aufträge für das Bundesland, es habe ja auch schon mit dem schnellen Bau des ersten LNG-Terminals einen „Beitrag zur Sicherheitspolitik“ geleistet. Pistorius gehörte zu den SPD-Politikern, die im Sinne Willy Brandts für eine Friedens- und Energiepolitik mit Russland eintraten. Doch mit Beginn des Ukraine-Krieges bereute er sofort seine „trügerische Hoffnung“.



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