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Historiker Ganser: „Im Westen wird behauptet, dass Russland diesen Krieg begonnen hat – das stimmt nicht“. Es gibt ganz unterschiedliche Erzählungen über Kriege. Wir lesen und hören v.a. die der USA.

vor 20 Stunden
3 Min. Lesezeit

Auszüge aus Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Die alte Weltordnung zerfällt jeden Tag ein bisschen mehr. Die Gipfeltreffen der Brics in Neu-Delhi und der Shanghaier Organisation in Bischkek zeigen Bilder einer starken anti-amerikanischen Allianz.


Der Schweizer Historiker Daniele Ganser ordnet die wichtigsten geopolitischen Ereignisse der letzten Jahre in seinem Buch „Kampf der Giganten“, erschienen im September 2026 im Westend-Verlag, ein. Daniele Ganser zeigt auf, wie tief die historische Wurzeln der Konflikte zwischen den USA, Russland und China reichen. Wir haben mit ihm gesprochen.


Wenn die Chinesen den Iranern helfen, mit dem Satellitensystem Amerikaner in Saudi-Arabien zu zerstören, dann ist das ein indirekter Krieg zwischen China und den USA. Oder wenn die USA der Ukraine Drohnen geben, die ins russische Hinterland hineinschießen, dann ist das auch ein indirekter Krieg. Was ich im Moment nicht sehe, ist eine direkte Konfrontation. Ich sehe nicht russische und US-Soldaten, die sich auf dem Schlachtfeld treffen, oder chinesische und US-Soldaten. Eine direkte Konfrontation sehe ich nicht, aber indirekte Stellvertreterkriege sehr wohl.

Zwischen Russland, China und den USA existieren ganz unterschiedliche Geschichten. Im deutschen Sprachraum hören wir vor allem die Geschichte der USA. Die Geschichte von China und Russland hören wir nicht. Für mich als Historiker ist es ein absolutes No-Go, ein Narrativ allein aufgrund der Nationalität abzulehnen. Man muss das Narrativ jedes Landes prüfen. Es kann stimmen und nicht stimmen. Das hängt nicht vom Land ab.

Die Chinesen haben mit der Bombardierung ihrer Botschaft in Serbien 1999 etwas erlebt, was sie nicht mehr erleben wollen. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass die USA die Botschaft von China in Serbien bombardiert haben.

Genau das ist das Problem beim Geschichtenabgleich. Wenn man es nicht weiß, muss man zuerst zuhören: Was habt ihr erlebt? Und wie habt ihr das empfunden? Die Chinesen sagen ganz klar: Wir haben das als schweres Verbrechen empfunden. Das heißt, die Chinesen haben das in schlechter Erinnerung.


Die Chinesen erinnern sich an das „Jahrhundert der Schande“. Wenn man in der Schweiz oder in Deutschland im Freundeskreis fragt, was das ist, wissen es die meisten Menschen nicht.

Aus chinesischer Sicht bezeichnet der Begriff eine lange Phase, in der China gedemütigt wurde, vor allem durch Kolonialmächte. Frankreich und Deutschland waren ebenfalls beteiligt, und China wurde unter anderem gezwungen, Opium zu importieren, was die chinesische Gesellschaft schwächte.


Das ist in unserem Diskurs nicht wirklich präsent. Mit dem Buch möchte ich anregen, dass wir einen Geschichtenabgleich machen – nicht um zu sagen, die Chinesen haben recht und die Europäer haben unrecht, sondern um etwa uns in Europa daran zu erinnern, dass wir in China Kolonien hatten.


Ich glaube, die USA verlieren an Einfluss, weil sie einen großen strategischen Fehler gemacht haben, indem sie China und Russland in eine Allianz getrieben haben. Ich glaube, im Moment beobachten wir den Niedergang des amerikanischen Imperiums. Das ist meine Analyse.


Die USA sind weiterhin die stärkste Nation, militärisch und wirtschaftlich. Aber die Allianzen, die sich bilden, sind mächtig. Die USA haben den Bogen sehr überspannt und sich eine Vielzahl von Feinden erschaffen.


Wenn ein Imperium in den Niedergang geht, erhöht es oft noch die Schulden und macht einen sogenannten Overstretch. Es ist dann irgendwann gar nicht mehr in der Lage, all die Militärstützpunkte zu unterhalten und zu sichern, die früher ein Ausdruck der Stärke waren.



Darum geht es in: Kampf der Giganten

Die alte Weltordnung zerfällt vor unseren Augen: Die USA und Israel greifen den Iran an. Russland und China verbünden sich und lehnen die globale Vorherrschaft der USA ab. Die NATO-Staaten scheitern mit ihrem Stellvertreterkrieg in der Ukraine gegen Russland. Durch die Unterstützung des Genozids in Gaza verliert der Westen an moralischer Glaubwürdigkeit. US-Präsident Donald Trump verunsichert die Europäer und droht, Grönland zu übernehmen, nachdem er in Venezuela den Präsidenten entführen ließ. Nach einem „Jahrhundert der Erniedrigung“ steigt China zu einer neuen Supermacht auf. Der Historiker Daniele Ganser ordnet die chaotisch wirkende Gegenwart und zeigt die spannenden historischen Wurzeln, die uns in den aktuellen Machtkampf der drei Giganten USA, Russland und China geführt haben. Vor uns entwickelt sich eine Auseinandersetzung, die das 21. Jahrhundert prägen wird.

 

«Und obwohl Ganser in dem Buch unzählige Beispiele aufführt, in denen Menschen Gewalt und mitunter Lügen eingesetzt haben, um ihre Ziele zu erreichen, darf es nicht, so seine Hoffnung, zur Schlussfolgerung führen, „dass wir als Menschheitsfamilie nicht fähig sind, friedlich zusammen zu leben. Wir können es sehr wohl…“.»

Ronald Keusch auf Reisezeiten, 13. September 2026

Ich untersuche die Themen Frieden, Energie, Medien, Krieg und Terror. Mein Ziel ist es, alle Menschen zu stärken, die sich achtsam für den Frieden und eine intakte Umwelt engagieren.

Forschungsschwerpunkte:

  • Internationale Zeitgeschichte seit 1945

  • Verdeckte Kriegsführung und Geheimdienste

  • US-Imperialismus und Geostrategie

  • Energiewende und Ressourcenkriege

  • Globalisierung und Menschenrechte


 
 
 

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