Ein US-Start-up plant nahe Leipzig eine Fabrik für Marschflugkörper. Diese Pläne spalten die Stadtbevölkerung. Erste Demonstrationen werden organisiert: Leipzig muss eine Stadt des Friedens bleiben!
Ostdeutsche Allgemeine Zeitung: Wer die Karriereseite des US-Rüstungskonzerns Covenant öffnet, findet zwischen Dutzenden Ausschreibungen für Grand Prairie in Texas und Washington, D.C. sieben Einträge mit dem Zusatz „Leipzig, Germany“: Managing Director, Head of Production, Production Manager, Production Technician, Quality Manager, IT-Manager und Talent & People Partner.
Die Profile beschreiben demnach die mechanische Montage von Komponenten, Baugruppen und fertigen Systemen. Wie viele Arbeitsplätze insgesamt entstehen sollen, verrät das Unternehmen derzeit nicht.
Für die Leipziger Linksfraktion sind die Anzeigen mehr als Personalsuche. Sie haben einen rüstungskritischen Antrag eingebracht. Das ist wohl auch eine Reaktion darauf, dass Covenant vor Ort bereits Führungskräfte rekrutiert, während die Stadt offiziell weder Standort noch Bauantrag kennt. Wird hier über etwas beraten, das faktisch längst läuft?
Kritik an den Ausschreibungen kommt auch aus dem BSW. „Die genannten Ausschreibungen belegen nur eines: Die Ansiedlung von Rüstungsindustrie in der Region Leipzig wird keine qualifizierten Arbeitsplätze für hiesige Arbeitskräfte schaffen“, sagt Thomas Kachel, friedenspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion im Leipziger Stadtrat, heute exklusiv im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung.
Die ausgeschriebenen Anforderungen setzten Expertise in der Rüstungsindustrie voraus, „was zur Folge haben dürfte, dass v.a. Bewerber aus Baden-Württemberg oder Hessen hier eingeflogen kommen, und die lukrativen Stellen besetzen. Der Osten bleibt verlängerte Werkbank.“
Der Antrag der Linken – „Stadt des Friedens bleiben – Leipzig darf kein Standort für Rüstungsproduktion werden!“ – indes soll am 30. September in die Ratsversammlung und danach in vier Fachausschüsse gehen.
Er will mehr als eine Resolution: Städtische Grundstücke sollen nur noch mit Zivilklausel veräußert oder verpachtet werden, abgesichert durch Vertragsstrafe und Wiederkaufsrecht. Über Gewerbeflächen ab 5000 Quadratmetern soll der Rat selbst entscheiden.
Bis Jahresende soll die Verwaltung erfassen, welche Leipziger Firmen zur Verteidigungswirtschaft zählen. Hinzu kommen eine Risikoanalyse, ein Konversionskonzept mit dem DGB und die Offenlegung aller Branchenkontakte seit Januar 2025 – ausdrücklich auch mit dem Mitteldeutschen Institut für Sicherheitsindustrie (Misi).
Der bodengestützte Marschflugkörper Anthem soll nach Firmenangaben über 200 Kilogramm Nutzlast tragen, unter einer Million Dollar kosten und mehr als 200 Testflüge absolviert haben.
Die viel zitierte Reichweite von über 1.500 Kilometern stammt aus Reuters-Quellen, nicht aus einer offiziellen Spezifikation. Für Sachsen sollen laut CEO Kaufman weniger als fünf Prozent der Komponenten von außerhalb Europas kommen. Die Anlage sei auf 5.000 Stück ausgelegt, sagte Präsidentin Abby Denburg Reuters; diese Rate solle 2028 erreicht werden. Ein europäischer Erstkunde habe unterschrieben. Wer, das sagt niemand.
Militärjournalist Thomas Wiegold ordnet Anthem auf seinem Blog mit dem Namen „Augen geradeaus!“ als preiswerte Ergänzung zu Tomahawk und JASSM-ER ein, nicht als Ersatz. Unabhängige Leistungsnachweise fehlen; ein Kommentator warnt dort, wenn etwas zu gut klinge, melde sich sein „Magengeschwür“. Dass der Bedarf real ist, bestreitet allerdings kaum jemand.
Als Standort kursiert ein Gewerbegebiet im Leipziger Nordwesten nahe dem Flughafen Leipzig/Halle; bestätigt ist das nicht. Der Flughafen ist eines der größten Frachtdrehkreuze Europas und Umschlagplatz für Nato-Transporte. Im Juli 2024 geriet dort ein präpariertes DHL-Paket in Brand. Eine Fabrik für Tausende Marschflugkörper füge diesem Raum ein zweites hochrangiges Ziel hinzu, argumentiert der Antrag – wenige Kilometer von Wohngebieten entfernt.
Ähnlich sieht es BSW-Stadtrat Kachel: „Wer will, dass in Leipzig eine solch gefährliche Ansiedlung erfolgt, macht Leipzig willentlich zum Ziel von hybriden Angriffen – wie die Drohnen-Vorkommnisse am Flughafen hinlänglich demonstriert haben“, sagte er im Gespräch mit dieser Redaktion.
Am 19. September demonstrierten mehrere Hundert Menschen unter dem Motto „Keine Raketenfabrik in Leipzig“ auf dem Augustusplatz – dort, wo 1989 die Montagsdemonstrationen begannen.
Der Linken-Kreisvorsitzende Johannes Schmidt nannte jeden Rüstungs-Euro „eine Wette auf Krieg“; Stadtrat Volker Külow warnt vor einer „Umstellung von Teilen der Leipziger Industrie auf Kriegswirtschaft“.
Befürworter halten dagegen: qualifizierte Industriearbeit, Zulieferaufträge für die Region, ein Beitrag zur europäischen Verteidigungsfähigkeit. Belastbare Zahlen zu Beschäftigung und Wertschöpfung liefert bislang niemand.
Leipzig steht exemplarisch für ein Dilemma, das die Zeitenwende in viele Kommunen tragen wird: Berlin bestellt, Investoren liefern, und vor Ort bleibt die Frage, wer über Flächen, Sicherheit und Identität entscheidet.
Der Antrag der Linken wird die Fabrik kaum verhindern, wenn Bund und Freistaat sie wollen.
Er könnte aber erzwingen, was fehlt: Transparenz über Standort, Fertigungsumfang, Gefechtskopfintegration und Genehmigungsstand. Bis zum angekündigten Produktionsstart bleibt gut ein halbes Jahr.
Der Stadtrat hat weniger Zeit als das Unternehmen – und deutlich weniger Informationen.





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