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Anregende Impulse: Die grundlegende Struktur ist nicht der Rassismus, sondern der Kapitalismus

von Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo, Bell Hooks und Vivek Chibber

In Deutschland wird von Antidiskriminierungsstellen bis zur radikalen Linken ein liberaler Rassismus-Begriff vertreten, der letztlich Rassismus als ein Problem des Bewusstseins versteht und eine rein moralische Kritik an Rassist*innen formuliert. Irgendwie hat das bei einigen vielleicht auch irgendwas mit Kapitalismus zu tun, aber wie Klasse und „Rasse“ zusammenhängen, wird nicht diskutiert. Bestenfalls wird ein Zusammenhang postuliert, aber theoretisch und praktisch wird der Zusammenhang dieser Unterdrückungs- und des Ausbeutungsverhältnisse nicht reflektiert. Dabei gibt es durchaus eine kritisch-marxistische Tradition der Rassismusforschung und aktuelle Debatten insbesondere im englischsprachigen Raum. Bafta Sarbo und Eleonora Roldán Mendívil haben einen Sammelband herausgegeben, der diese Tradition wiederbeleben und eine Intervention in die deutschsprachige Debatte sein soll. Mit Ihnen wollen wir besprechen, was das Problem mit dem liberalen Antirassismus ist und wie eine marxistische Analyse des Rassismus aussehen muss.






bell hooks ist im Dezember 2021 verstorben, sie wäre am 25. September 2022 siebzig Jahre alt geworden. Ihre Schriften und ihr Engagement haben sie zu einer der wichtigen Vertreter*innen des Kampfes gegen weißen, patriarchalen, die Natur zerstörenden Kapitalismus gemacht.

Mit ihrem Buch «Die Bedeutung von Klasse» will sie den Aspekt des Klassismus und der Klassenherrschaft neben den anderen Systemen der Macht zur Geltung bringen und für einen demokratischen Sozialismus plädieren, der sie überwindet. Mit vielen autobiographischen Hinweisen legt sie die Verschränkung jener Machtpraktiken in der Familie, in den Nachbarschaften, den Hochschulen, auf dem Wohnungsmarkt dar.

Sie wendet sich gegen die Alltagsideologie, die wie selbstverständlich die Erfahrungen von Ungleichheit, Armut, Gewalt und Ausbeutung mit Rassismus erklärt. Hooks argumentiert, dass es notwendig ist, der «Klasse» wieder Bedeutung zu geben. Sie zeigt, wie die Erfahrung von Klasse zum Verschwinden gebracht und von Musik, Film, Fernsehen die Ideologie verbreitet wird, über den Konsum, über teure Luxuskleidung und schicke Autos sei der Aufstieg zu erreichen. Sie mahnt, dass die Gier nach dem schnellen Geld zu einer falschen Alltagsorganisation, zu einem Leben auf Pump, zu Drogenkriminalität beiträgt. Die Erklärungen, die Rassismus ins Zentrum stellen, erweisen sich als zu schlicht: Es gibt eine schwarze Bourgeoisie, deren Herausbildung seit den 1970er Jahren dazu beiträgt, den Kommunalismus, die solidarische Kultur des Teilens, zu zerstören. Die Armut wird mit den schwarzen Leuten assoziiert, verkannt wird die verbreitete und gefährliche Armut der Weißen, die von den Mächtigen instrumentalisiert werden kann.

Sie plädiert für gemeinsame Kämpfe der schwarzen, weißen, migrantischen Armen, der Männer und Frauen. Wenn sie ausführlich über ihre Erfahrungen auf dem Wohnungsmarkt berichtet, dann betont sie aber auch, dass «Klasse» ebenso wie «Race» einen schnellen Funktionswandel erfahren können. Plötzlich erklären die weißen Immobilienmarkler*innen die Schwierigkeit für sie als schwarze Frau, eine Wohnung oder ein Haus zu finden, mit «Klasse», sie sei einfach nicht wohlhabend genug, könne sich die teuren Immobilien nicht leisten. Die Klassengesellschaft kann ohne die Begriffe des Patriarchalismus und Rassismus nicht verstanden werden.

Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Bafta Sarbo. Gemeinsam mit Eleonora Roldán Mendívil ist Bafta Sarbo Herausgeberin des Buchs «Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus», Karl Dietz Verlag Berlin


Soziologe Vivek ChibberDie blinden Flecken des Postkolonialismus 35:38 Minuten Soziologe Vivek Chibber - Die blinden Flecken des Postkolonialismus (deutschlandfunkkultur.de)

Audio herunterladen Klischees vom irrationalen Orient zu überwinden, das ist ein Ziel der Postcolonial Studies. In Wahrheit aber bekräftigen sie das Vorurteil, dass West und Ost einander nicht verstehen können, kritisiert der New Yorker Soziologe Vivek Chibber.

Stephanie Rohde: Ein Gespenst geht um – aber nicht in Europa, sondern in den Büchern von Postkolonialismusforschern, die sich mit der außereuropäischen Welt beschäftigen. Davon ist Vivek Chibber überzeugt. In seinem Buch „Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals“ wirft der New Yorker Soziologe führenden Vertretern der Postcolonial Studies vor, dass sie das klischeebehaftete Bild von Ländern in Asien, dem Nahen Osten oder Afrika gerade nicht beerdigen, sondern wieder aufleben lassen – und damit genau das tun, was Europäer lange getan haben. Herr Chibber, wie Sie zu diesem Schluss gekommen sind, darüber sprechen wir gleich. Bevor wir zu Ihrer Kritik kommen, lassen Sie uns die Verdienste des Postkolonialismus in den Blick nehmen. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erkenntnisse, die postkoloniale Theorien hervorgebracht haben? Was würden wir nicht sehen, wenn es dieses Forschungsfeld nicht gäbe? Vivek Chibber: Zwei bedeutende Leistungen gibt es. Das sage ich, obwohl ich dem Postkolonialismus sehr kritisch gegenüberstehe. Vor allem zu Beginn gab es einige Errungenschaften. Man setzte sich mit dem Imperialismus, dem kolonialen Erbe und seinen Spuren auseinander. Man untersuchte die Brutalität der Kolonialisierung und brach endlich mit der Vorstellung, man habe den unterdrückten Völkern die Zivilisation, Fortschritt und Demokratie gebracht. Diese Idee zu verabschieden, war sehr wichtig. Autoren aus früheren Kolonien gehörten nicht zum Kanon Eine andere Leistung besteht darin, dass man die Erforschung dieser Weltregionen in der akademischen Welt etablierte. Meine Mutter machte ihren Doktortitel in Englisch in den 1970er Jahren. Zu dieser Zeit war es im Englischstudium noch völlig unmöglich, Autoren, die aus den einstigen kolonialisierten Gebieten, zum Beispiel aus Afrika, Südasien oder dem Nahen Osten, stammten, auch nur zu lesen. Sie gehörten einfach nicht zum Kanon. Das galt auch für andere Studiengänge wie Geschichte. Die Postcolonial Studies öffneten diesen Weg. So konnte sich eine intellektuelle Beschäftigung mit historischen und kulturellen Entwicklungen in den entkolonialisierten Ländern weltweit ausbreiten und war nicht mehr exklusiv westlichen Akademikern vorbehalten. Das sind echte Errungenschaften. Aber wesentliche neue Erkenntnisse hat der Postkolonialismus meiner Ansicht nach kaum hervorgebracht. Zurück zum Klassenkampf: der Soziologe Vivek Chibber kritisiert, dass postkoloniale Theorien vom weltweiten Kampf gegen Unterdrückung ablenken.© Vivek Chibber Rohde: Eine Idee, die innerhalb der postkolonialen Theorie entwickelt wurde, war die Kritik des Orientalismus. Edward Said, ein bekannte Vordenker des Postkolonialsmus, hat diesen Begriff geprägt. Er meinte damit, dass der Osten – der sogenannte Orient – aus europäischer Sicht sehr exotisch dargestellt wurde. Können Sie ein Beispiel geben, wo wir das heute noch erleben? Chibber: Als George Bush jr. in den Irak einmarschierte, sagte er, die Iraker müssten in Sachen Demokratie erzogen werden, und daher müsse man die Demokratie exportieren. Damit meinte er nicht nur, die USA sollten gewisse Institutionen der Demokratie exportieren, wie das Parlament oder den Kongress. Was Bush vertrat war eine Demokratie als Konzept des Westens, die so besonders und wertvoll sei, dass Menschen aus aller Welt sie wertschätzten. Und genau diese Werte würden in den östlichen Kulturen fehlen. Daher müsse man den Menschen dort den Wert der Demokratie beibringen. Hören Sie hier auch das Gespräch mit Vivek Chibber im Original auf Englisch: Audio Player Das ist eine ganz andere Haltung als zu sagen, den Menschen im Nahen Osten, in Asien oder Afrika sei es nicht gelungen, demokratische Institutionen aufzubauen. Man könnte ja auch sagen: Die Menschen dort haben dasselbe Bestreben wie die Menschen im Westen, aber sie werden von ihren Eliten daran gehindert und unterdrückt. Wie Orientalisten reden Aber Orientalisten reden anders. Sie meinen, die Menschen dort verstehen diese Dinge nicht, und es sei daher unsere Aufgabe, ihnen unsere Werte beizubringen. So argumentieren sie heute. Diese Haltung nannte man im 18. und 19. Jahrhundert die zivilisatorische Mission des Westens. So rechtfertigte man den Kolonialismus. Man gab nicht etwa zu, wieviel Reichtum die Kolonien dem Westen einbrachten. Sonst hätte man ja die eigentlichen Motivationen zu eindeutig eingestanden. Man rechtfertigte es immer mit dem Argument, wieviel Gutes man den Menschen bringe, die man unterdrückte. Genau das tut der Imperialismus auch heute. Und der Orientalismus vertritt die Überzeugung, der Nahe Osten und die arabische Welt seien fundamental anders als der Westen. Orientalismus markiert Menschen als Fremde Dabei dreht es sich nicht nur um so oberflächliche Dinge wie Essensgewohnheiten, sich anders zu kleiden oder anders zu benehmen. Vertreter des Orientalismus behaupten, dass man im Orient die Welt ganz anders verstehe, mit anderem Zeitgefühl oder Ortssinn. Das grenzt schon fast daran, dass man die Menschen dieser Region als eine andere Art von Spezies bezeichnet. Auf diese Weise bringt man die angebliche Andersartigkeit dieser Menschen zum Ausdruck. So kommt man nicht einmal auf die Idee, ihnen gleiche Rechte zuzugestehen. Die Menschen dort seien einfach so anders, dass die gemeinsame Basis, auf deren Grundlage im Westen gegen soziale Dominanz oder soziale Unterdrückung gekämpft wird, in den entkolonialisierten Ländern des Nahen Ostens und der arabischen Welt nicht gelte. Genau deshalb ist der Orientalismus eine so schädliche Ideologie. Postkolonialisten sind gescheitert Rohde: Postkoloniale Denker wollten anfangs genau diese Art von Orientalismus kritisieren. Und jetzt sagen Sie: Die sind gescheitert. Statt den Orientalismus zu beerdigen, lassen sie ihn wiederaufleben. Inwiefern? Chibber: Meine Hauptkritik an der postkolonialen Theorie ist, dass sie zwar anfangs rassistischen Einstellungen gegenüber dem Orient oder der arabischen Welt kritisch gegenüberstand, aber im Laufe der Zeit viele dieser Ansichten neu belebte und sogar erneuerte. Edward Said ist ein sehr treffendes Beispiel dafür. Einerseits ist sein Buch „Orientalismus“ eine sehr ausführliche und lehrreiche Darstellung, wie sehr die westliche Kultur die arabische Welt und den Nahen Osten als exotisch betrachtet. Gleichzeitig legt Said aber den Grundstein für die gleichen Ansichten, was den Westen von der arabischen Welt unterscheide. Denn er sagt, der Westen sei das genaue Gegenteil des Orients. Klischees des exotischen Orients kehren zurück Said behauptet, dass sich beide Kulturen einfach nicht verstehen können, weil ihr Verständnis der Welt und ihre kognitiven Konzepte sich zu sehr voneinander unterscheiden. Said gibt vor, das zu kritisieren, aber gleichzeitig belebt er genau diese Ansichten neu. Denn er schreibt, der Grund, weshalb der Westen den Orient nicht verstehe, gehe schon auf die alten Griechen zurück. So sei es dem Westen nie gelungen, ein Konzept zu entwickeln, mit dem man den Orient verstehen könnte. Aber warum sollte das so sein? Wie kann es sein, dass ein Teil der Welt sich nonstop und dauerhaft über 4.000 Jahre lang ein völlig deformiertes Bild des anderen Teils der Welt macht? Auch Said bediente sich des „Otherings“ Said suggeriert, etwas im westlichen Bewusstsein mache es unmöglich, den Orient nicht zu verstehen. Damit sagt er im Prinzip dasselbe wie alle, die behaupten, der Nahe Osten und die arabische Welt seien so andersartig als der Westen, dass wir diese Menschen nie verstehen werden. Und das macht für die postkolonialen Theorien den Weg frei, wieder zu dieser falschen Annahme einer exotischen Welt zurückzukehren, obwohl sie genau diese Ansicht zunächst kritisierten. Rohde: Sie beziehen sich dagegen auf die Ideen der europäischen Aufklärung. Sie weisen darauf hin, dass es universelle Fähigkeiten des Menschen gibt. Aber sind die Ideale der Aufklärung, die Sie propagieren, nicht auch nur eine westliche Erfindung? Chibber: Nun, die Aufklärung geschah im Westen. Aber die moderne Physik kam ebenfalls aus dem Westen. Genauso wie die Relativitätstheorie oder medizinische Erfindungen. Aber wir behaupten ja nicht, all diese Errungenschaften ließen sich nicht auf andere Regionen übertragen. Die Schlüsselfrage lautet, ob eine Erfindung universell einsetzbar ist. Die grundsätzlichen Themen der Aufklärung sind ja, dass wir alle gemeinsame Bedürfnisse haben, dass Menschen rationale Akteure sind, dass Wissenschaft den Aberglauben widerlegen kann. All diese Ideen finden sich auch in den östlichen Philosophien wieder. Sie wurden nur unterdrückt, und der Postkolonialismus hat sie nicht weiter beachtet. Islamische Philosophie inspirierte die Aufklärung Die indische Philosophie hat eine jahrhundertealte Tradition der Rationalität, der Mathematik und der Medizin. Ähnliches lässt sich zu Philosophen aus dem Nahen Osten sagen. Nur in der Kolonialzeit setzte sich die Idee durch, die östliche Philosophie sei eine mystische und spirituelle Philosophie. Ironischerweise posaunen nun auch die postkolonialen Denker genau diese Theorien wieder in die Welt. Auch wenn die Aufklärung also ihren Ursprung in einem spezifischen Teil der Welt hat, gehören ihre Ideen nicht exklusiv zu diesem Teil der Welt. Es ist sogar bewiesen, dass viele Philosophen der Aufklärung von Denkern der islamischen Welt inspiriert waren. Daher ist es eine schädliche Aussage zu behaupten, die Aufklärung sei ein Kind des Imperialismus. Sie war ein echter wissenschaftlicher und philosophischer Fortschritt, und ohne die Aufklärung gibt es keine progressive Politik.

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