Die Revolution im Sudan steht auf der Kippe - bei uns beschäftigt sich kaum jemand damit

Im Westen schaut kaum jemand auf die Entwicklung im Sudan nach der Revolution: Die Neue Züricher Zeitung hat es getan. Wir geben Auszüge wieder aus ihrem Bericht. Es ist vieles besser geworden im Sudan seit dem Sturz des islamistisch inspirierten Despoten Bashir. Doch der Volksaufstand für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde hat starke und gut vernetzte Feinde, die nur auf ihre Chance warten. Die soziale Lage vieler Menschen ist schlecht, es brodelt im Land: Eine breite Volksbewegung steht gegen die immer noch starken Netzwerke der Diktatur. Manche befürchten einen Bürgerkrieg. Die britische Regierung spielt eine schlimme Rolle: Das erwähnt dieser Artikel nicht; hier ein Bericht dazu aus dem Guardian: Der britische Guardian kritisiert, dass Großbritanniens Regierung die gerade erreiche Demokratisierung des Sudan gefährdet. Das Land ist hochverschuldet. Doch der Betrag von 861 Millionen ergibt sich nicht aus dem erhalten Geld, sondern den aufgelaufenen zu zahlenden Zinsen von jährlich zu zu zwölf Prozent über Jahrzehnte; sie machen 684 Millionen der Schulden aus. Die britische Regierung bietet Hilfe an: Die Bedingung. Drastisch Sparmaßnahmen auf Kosten der armen Teile der Bevölkerung, die an die Strukturanpassungsprogramme aus den 80er Jahren erinnern: Sie führten damals zu Verarmung von Milliarden Menschen weltweit und untergruben die Stabilität in vielen Staaten. Dabei ist die Lage der Menschen schon jetzt vor den geforderten weiteren Kürzungen verzweifelt. https://www.internationale-friedensfabrik-wanfried.org/post/internationale-schulden-gef%C3%A4hrden-demokratischen-%C3%BCbergang-in-sudan-80-prozent-aus-bis-zu-12-zinsen


Auszüge: "Es ist vieles besser geworden im Sudan seit dem Sturz des islamistisch inspirierten Despoten Bashir. Doch der Volksaufstand für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde hat starke und gut vernetzte Feinde, die nur auf ihre Chance warten.


Die Fortschritte

Es gibt Fortschritte. Die Medien sind freier. Das Gesetz, das der Polizei erlaubte, Frauen in Hosen zu schlagen, ist abgeschafft. Die Verstümmelung der weiblichen Genitalien, im Sudan ebenso verbreitet wie in Ägypten, ist nun zumindest ein Straftatbestand. Der Islam ist nicht mehr Staatsreligion. Öffentliche Auspeitschungen gehören der Vergangenheit an. Nichtmuslime dürfen Alkohol trinken, die Lossagung vom Glauben ist kein Verbrechen mehr. Und der Staat hat sich geöffnet, er hört heute selbst seinen Kritikern zu. Rami Ahmeds Organisation erhält Beiträge von der Sozialversicherung. Etliche seiner Patienten sind für Spezialbehandlungen ins Ausland gebracht worden, nach Indien, nach Ägypten. Omar Jassin al-Jasira, der Mann mit dem geschädigten Gehirn, wurde in Kairo untersucht, ein führender Handy-Anbieter zahlte den Aufenthalt. Es gibt Menschen, die überzeugt sind, die Übergangsregierung habe sich ernsthaft darangemacht, den Überwachungsstaat des früheren Diktators Bashir zu demontieren.


Das Engagement für die Festigung der Revolution ist weiter dringlich

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, das ist allen Beteiligten bewusst. Die Revolution wurde in Gang gesetzt, abgeschlossen ist sie nicht, sie muss verteidigt und gestärkt werden, Tag für Tag. Die Aktivisten wissen, dass die Militärs ihre Errungenschaften jederzeit kassieren können. Mit Witz, Pathos und Stolz bekämpfen sie ihre Angst. «Nie werden wir aufgeben», sagt Rami Ahmed. «Ich gehe für die Revolution in den Tod», sagt Mohammed Juma Ahmed Abdallah, und er meint es ernst. «Der Tag wird kommen, an dem wir sie vor Gericht zerren werden», sagt der 64-jährige Landwirtschaftsingenieur Kisha Abdalsalam Kisha. Er hat in der Revolution seinen 25-jährigen Sohn Abdalsalam verloren, einen Anführer der Studentenunion, Physikstudent, «Kommunist und Demokrat», im Sudan geht das. Am 3. Juni 2019 starb Abdalsalam im Feuer der RSF, der mörderischen Kohorten Hemetis. «Ich bin sehr stolz auf ihn», sagt der Vater, «er ist ein Held.»




Eine Revolution des Volkes oder des CIA

Wer sich in Khartum umhört, begreift rasch: Dies ist eine Revolution des Volkes. Alle machen mit. Es begann 2018 mit Demonstrationen gegen höhere Brotpreise. Dann sprang der Funke über auf Jugend- und Frauenorganisationen, und nach wenigen Monaten war eine nationale Bewegung entstanden, angeführt von der Allianz für Frieden und Wechsel und getragen von einer starken Zivilgesellschaft, die auch das barbarische Regime von Bashir nicht ganz hatte zersetzen können. Es war wie in Kairo, Algier, Beirut und Bagdad: Die Menschen hatten genug von Despotie und Misere, sie wollten Freiheit und einen Neuanfang. Nicht importierte «europäische Ideen» oder Dollarnoten, verteilt von CIA-Agenten, befeuerten die Revolutionäre, sondern das elementare Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Fast könnte man von einer sudanesischen Négritude sprechen, von einer Bewegung für kulturelle Selbstbehauptung: dezidiert afrikanisch, erstaunlich säkular und klassenübergreifend, gerichtet allerdings nicht gegen weissen Dünkel, sondern gegen Usurpatoren aus den eigenen Reihen.


Die Suffis und die Islamisten

Die Kabos sind Sufis. Sie sind nicht sonderlich engagiert, aber doch überzeugt, dass die «spirituelle», nach innen gewandte Religiosität des Sufismus wesentlich dazu beigetragen hat, den islamistisch inspirierten Extremismus Omar al-Bashirs und seiner Clique zu überwinden. Sie liegen richtig. Der Sudan hat eine der grössten sufistischen Gemeinden der Welt, und der gelebte Sufismus vor allem in den Regionen Weisser Nil und Omdurman hat den Aufstand gegen Bashir befeuert und legitimiert. Der puritanische Salafismus, den die Herrscher propagierten, ist in der muslimischen Bevölkerung des Nordens nie wirklich angekommen, und bei Christen und Vertretern ethnischer Religionen im Süden stiess er nur auf Abscheu. Terrorgruppen wie al-Kaida wurden von Bashir lange geduldet, IS-Mitglieder rekrutierten in Khartum Agenten. Erst nach seinem Sturz haben die USA den Sudan von ihrer Terrorliste gestrichen.


Jeden Freitag treffen sich Tausende Sufis auf einem Friedhof in Khartum zu rituellen Tänzen und Gesängen. Im Dröhnen der Trommeln wiegen und drehen sich die Gläubigen in komplexem Gleichschritt, dirigiert von resoluten Einpeitschern. Er sei froh über Bashirs Sturz, sagt ein älterer Mann mit Brille. Der Präsident sei ein Feind der Sufis gewesen, aber trotzdem dürfe man nicht vereinfachen. Das Narrativ von den «guten» Sufis und den «bösen» Salafisten, das die westlichen Medien malten, sei nicht richtig. Bashir habe das schlau gemacht. Einerseits habe er den Sufismus als «schmutzige Praktik des Islams» gebrandmarkt, anderseits die Sufi-Führer umworben, vor allem, als sich die Schlinge um seinen Hals immer enger zugezogen habe. «Ach, wie haben sie sich gefreut, wenn er zur Hochzeit ihres Sohnes erschien. Die haben doch genauso gekungelt mit der Macht wie alle.» Und die Muslimbrüder, ihre Antagonisten, seien zwar streng gewesen. «Aber so streng nun auch wieder nicht. Nicht wie die Wahhabiten in Saudiarabien.»


Die führende Rolle der Frauen

Hier die Sufis, da die Frauen. Frauen haben eine führende Rolle in der Revolution gespielt. Es gibt Schätzungen, nach denen bis zu 70 Prozent der Protestierenden weiblich gewesen sind. Die mit Abstand Bekannteste von ihnen ist Alaa Salah.

Das dann vielleicht doch nicht ganz. Klar ist aber, dass Alaa Salah zu den Menschen gehört, die es dem Militär ein bisschen schwerermachen dürften, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Es gibt in der westlichen Welt nun einmal kaum Aufmerksamkeit für die politischen Vorgänge im Sudan – Alaa ist eine der wenigen Personen, die das ändern können.



Ist sie zufrieden mit der Revolution? Zum Teil. Es sei viel Positives geschehen, sagt sie. Der Sudan sei nicht mehr das Land, das es vor fünf Jahren gewesen sei. «Doch unsere Träume sind nicht wahr geworden. Noch ist das Militär da, die Islamisten sind noch immer stark. Und in der Übergangsregierung sitzen nur vier Frauen.» Mindestens die Hälfte müsste es sein, denn «Frauen sind die Bannerträgerinnen dieser Revolution. Dies war eine Revolution der Frauen. Wir haben eine stolze, dreitausend Jahre alte Geschichte der Emanzipation.» Omar al-Bashir habe Frauen systematisch unterdrückt, kriminalisiert und ins Gefängnis geworfen, wenn sie es gewagt hätten, Kleidervorschriften oder Sittlichkeitsgesetze in Zweifel zu ziehen. «Er hat uns in die Küchen gedrängt. Aber wir sind aus diesen Küchen ausgebrochen und auf die Strasse gegangen.»


Die Rolle der Großmächte und ihre Geopolitik

Gelingt das grosse sudanesische Revolutionsprojekt? Das wird zu einem beträchtlichen Teil vom Verhalten der Grossmächte abhängen. Die USA waren dreissig Jahre lang der Inbegriff des Bösen für Khartum, der Hort der Kapitalisten, der Ungläubigen, der imperialistische Satan. Umgekehrt galt Ähnliches, der Sudan war ein «Terrorstaat». Bashir beherbergte Menschen wie Usama bin Ladin und den Terroristen Carlos, er liebte die Muslimbrüder und hasste die Freiheit.


Sudans starke Kriegsbeteiligung im Jemen und die USA

Der Tiefpunkt der bilateralen Beziehungen war die Zerstörung der pharmazeutischen Fabrik al-Shifa in Khartum am 20. August 1998, die Amerikaner vermuteten damals, sie sei eine Produktionsstätte für Nervengas. Dann entspannte sich das Verhältnis, wozu auch der Umstand beitrug, dass der Sudan zu den grosszügigsten Unterstützern der saudischen Offensive in Jemen gehörte, an der ja auch die USA lange Gefallen fanden. 30 000 sudanesische Soldaten sollen sich zeitweise in Jemen befunden haben – eine riesige Zahl, verknüpft mit Tragödien und Schicksalen, an die kaum jemand im Westen je denkt.

Heute ist Washington mit der Entwicklung zufrieden und unterstützt die demokratischen Revolutionäre, in kürzester Zeit sind die USA wieder zum grössten Geldgeber geworden. Zu unterstellen, die Amerikaner hätten die sudanesische Revolution «gemacht» und nicht das Volk, ist absurd, geschichtsvergessen und rassistisch. Die Sudanesen brauchen keine Souffleure, der Hass auf den mörderischen Despoten genügt ihnen durchaus.

Russland hat Bashir lange unterstützt und unterhält auch heute noch gute Kontakte zum Militär. Beobachter sind überzeugt, während der Revolution in Khartum Angehörige der notorischen «Gruppe Wagner» ausgemacht zu haben. Erstaunen würde das nicht. 2017 unterzeichneten Putin und Bashir einen Zusammenarbeitsvertrag. Der Sudan verfügt über MiG-Kampfflugzeuge, als erstes Land der Region erhielt es im November 2017 Su-35-Jäger der vierten Generation. Russland liefert Ersatzteile und repariert. Gazprom ist für einmal weniger an fossilen Brennstoffen als am sudanesischen Gold interessiert und betreibt dessen Förderung im Verbund mit dem Drahtzieher Hemeti, der sich 2017 die riesigen Goldminen des Landes einverleibt hat. Nördlich von Port Sudan baut Russland ausserdem einen Marinestützpunkt.

Auch die Chinesen sind längst da. Khartum hat als einer der ersten Staaten die Volksrepublik anerkannt, und in Peking verehrt man die Sudanesen, weil sie den britischen General Charles George Gordon töteten, der 1860 den Sommerpalast des Kaisers in Peking niederbrennen liess und half, die Taiping-Rebellen zu bekämpfen. China baut Infrastruktur und ein Atomkraftwerk, bezieht Öl und stellt keine Fragen, das wusste Bashir zu schätzen, und die Militärs mögen es auch. Auch die Chinesen haben bei Port Sudan ihren eigenen Hafen. Er ist Bestandteil der neuen Seidenstrasse, mit der Peking ressourcenreiche Länder an sich binden und seinen Rohstoffhunger stillen will.


Die Regierung zu Fall gebracht, noch nicht das System

Wenn die Optimisten erklären, warum sie allen Widrigkeiten zum Trotz an den Sieg der Revolution glauben, dann beziehen sie sich meist auf die ungeheure Zahl derer, die an der Revolte teilgenommen haben. Alle diese Menschen würden wieder auf die Strasse gehen, sagen sie. «Wir sind zu viele, die Militärs wissen das, sie können nichts tun.» Es gibt diese Geschichte von rund 120 Offizieren des inzwischen abgeschafften Geheimdienstes Bashirs, die während der Revolution zu den Demonstranten überliefen. Sie sind bis heute nicht wegen Fahnenflucht belangt worden, und Rami Ahmed, der junge Mann, der die Verletzten pflegt, weiss genau, warum: «Sie sind unantastbar. Sie sind Helden des Volkes, niemand wird ihnen etwas antun.» Wer weiss? Vielleicht können auch Revolutionen zu gross sein, um zu scheitern.

Issam sieht schwarz. «Wir haben die Regierung zerstört, aber nicht das System. Das System ist grösser als die Regierung.» An den Machtverhältnissen habe sich nichts geändert, die Revolutionäre seien den Militärs und Hemeti auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die Amerikaner seien dumm, weil sie auf das Volk setzten. «Die Russen stützen die Macht. Sie sind klug.»


Soziale Lage wird verzweifelter

Issam weiss, wovon er spricht. Langsam legt sich auf diese Revolution der beissende Geruch der Verzweiflung. Die Preise steigen, die Kriminalität nimmt zu. Die Strassen werden unsicherer, und wie in Russland nach dem Niedergang des Kommunismus verwechseln die Menschen Demokratie mit Anarchie – ideale Zutaten für die erneute Machtübernahme durch einen starken Mann. Vor den Dieseltankstellen stauen sich die Lastwagen Hunderte von Metern. Benzin wird nur an Leute mit einer Sondererlaubnis verkauft, die bei den Behörden erhältlich ist – gegen einen netten Aufpreis. Alle ärgern sich, aber was tun? «Die Polizei und das Militär wollen den Menschen zeigen, dass sie unentbehrlich sind», sagt Issam Mohammed. Finster schaut er zum andern Nilufer hinüber, wo ganz plötzlich alle Lichter ausgehen. Die Menschen verstummen. Blackout.

In einem bonbonfarbenen Schnellimbiss gibt ein junger Mann mit kaltem Blick das ultimative Verdikt ab. «Alle Gruppen sind bewaffnet. Dies ist kein Staat. Die Übergangsregierung ist ein Witz, sie hat keine Macht. Hier wird es schon bald wieder losgehen. Wir stehen kurz vor einem Bürgerkrieg.»

https://www.nzz.ch/international/umbruch-in-sudan-eine-revolution-auf-abruf-ld.1611567


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