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Das Russische, das viele Ukrainer als Muttersprache erlernt haben, wird mit einem Virus verglichen und als Sprache des Feindes gebrandmarkt. Ukrainische Selbstzerstörung im Gewand des Patriotismus.

vor 2 Stunden
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Ostdeutsche Allgemeine Zeitung, Auszüge: Die Sprache war in der Ukraine schon immer eine Bruchlinie. Nach dem Maidan fürchteten viele im Donbass, dass sie als Russischsprachige langfristig zu Bürgern zweiter Klasse werden könnten. Radikale Nationalisten in Kiew nährten diese Ängste. Der Kreml instrumentalisierte sie und versprach, die Russischsprachigen zu „schützen“.

Zwölf Jahre später fällt es schwerer, diese Ängste als reine russische Propaganda abzutun. Die ukrainische Verfassung garantiert die „freie Entwicklung, Verwendung und den Schutz“ des Russischen. Auf dem Papier. In der Realität ist russischsprachiger Unterricht aus den staatlichen Einrichtungen verschwunden, russische Bücher unterliegen weitreichenden Beschränkungen, und Kiew sowie andere Städte des Landes haben die öffentliche Nutzung „russischsprachiger Kulturprodukte“ eingeschränkt. Selbst russischsprachige Lieder ukrainischer Künstler können ins Visier geraten.



Verkauft wird das als „Dekolonisierung“, „Entrussifizierung“ und „nationale Sicherheit“. Doch Millionen Ukrainer sprechen Russisch – darunter Soldaten, die für die Ukraine kämpfen und sterben, und die Familien, die zu Hause auf sie warten. In Kiewer Schulen nutzen laut jüngsten Daten 66 Prozent der Schüler im Unterricht Russisch, in den Pausen sind es 82 Prozent.


Von der Sprachpolitik zur Entmenschlichung

„Die Sprache des Feindes“, „Die Sprache des Besatzers“, „Die Sprache der Kazapen“, „Schweinehund“. Russischsprachigen Ukrainern wird gesagt, ihre Sprache habe den Krieg in die Ukraine „gebracht“. Ihr Patriotismus gilt als verdächtig. Ihre Loyalität müssen sie erst beweisen.


Und die Verachtung kommt von ganz oben. Die Sprach-Ombudsfrau Olena Iwanowska hat erklärt, alle Homo sapiens in der Ukraine seien längst zum Ukrainischen übergegangen. Das Russische hat sie mit einem Virus verglichen. Die Kinderbuchautorin Larysa Nizoj bezeichnet es als „Ansteckung“ und forderte kürzlich, ukrainische Kinder sollten dazu erzogen werden, „russifizierten Kindern die Fresse zu polieren“.


Wenn Mitbürger als krank, verseucht oder nicht ganz menschlich beschrieben werden, lässt sich Demütigung leichter rechtfertigen. Und manchmal wird sie körperlich. Ukrainische Medien haben von Konfrontationen und Übergriffen in Cafés, Parks, Buchhandlungen und im öffentlichen Nahverkehr berichtet, bei denen selbsternannte Sprachwächter die „falschen“ Ukrainer maßregeln. Zuletzt wurde die Mutter eines aktiven Soldaten in Lwiw angegriffen und aus einem Bus geworfen, nachdem Fahrgäste gehört hatten, dass sie Russisch sprach. Ihr Sohn antwortete – auf Russisch: „Warum, verdammt noch mal, sollen wir euch überhaupt verteidigen?“


Ein Land im Krieg braucht Solidarität. Doch Solidarität lässt sich nicht aufbauen, indem man Millionen Bürgern beibringt, dass die Sprache, die sie von ihren Eltern gelernt haben, beschämend, verseucht oder feindlich sei. Man kann nicht verlangen, dass Menschen für ihr Land sterben, und zugleich die Sprache, in der sie ihren Müttern sagen, dass sie sie lieben, als Feind behandeln. Das ist kein Nation-Building. Das ist Selbstzerstörung im Gewand des Patriotismus.


 
 
 

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