Buddhistische Reflexionen zum Krieg in der Ukraine: Am Ende der Gewissheit

Dr. Hans-Günter Wagner


Diskurs


Am Ende der Gewissheit – ein Kommentar Mitte März des Jahres meldeten sich in der Ursache\Wirkung aufgrund einer Anfrage der Redaktion 12 deutschsprachige Buddhismus-Lehrende mit Beiträgen zum Krieg in der Ukraine zu Wort. Jede dieser Stellungnahmen formuliert auf ganz eigene Weise Sichtweisen und persönliche Haltungen zu diesem entsetzlichen Krieg. Einige zitieren aus Buddha-Reden, andere fragen mehr danach, wie uns das alles berührt und was wir tun können: Wir sollen alles „achtsam betrachten“, in der geistigen Übung bloß nicht nachlassen und uns „mit Liebe rüsten“, aber es gibt auch Warnungen, Meditation jetzt nicht zur weltflüchtigen „Chill-out-Übung“ werden zu lassen, sowie den Rat, „das Furchtbare ohne Schuldgefühle und Schuldzuweisungen wahrzunehmen“. Das sind alles sehr aufrichtige Gedanken und auch gute Ratschläge. Kein vernünftiger Mensch wird ihnen widersprechen. Aber an wen richten sich solche Worte und was wollen diese Aussagen bewirken?

Aggression und Appell Vier Arten von Sprachäußerungen bestimmen diese Erklärungen: Da sind zum ersten Bekundungen von Betroffenheit über die Grausamkeit des Geschehens, das Unerwartete und Plötzliche der Ereignisse. Zum zweiten sind es Ratschläge bzw. Belehrungen zum persönlichen Umgang damit: Man soll jetzt Schuldzuweisungen unterlassen und auf keinen Fall in der Übung nachlassen. Drittens Wünsche: viel Verbundenheit zeigen, „geflügelte Hilfsbereitschaft“ entwickeln. Und schließlich viertens Appelle an die Verantwortlichen zur Herbeiführung einer schnellen friedlichen Lösung: „Herr Putin: Beenden Sie sofort diesen Krieg.“ Was die ersten beiden Arten von Äußerungen betrifft, so stellt sich mir die Frage: Kann allein die Änderung meiner individuellen Sichtweise und das rechte Handeln in meiner unmittelbaren Lebensumgebung auch zur Beendigung dieses Konflikts führen? Pazifismus ist eine innere Einstellung und ich kann mich persönlich dafür entscheiden, selbst einen lebensbedrohenden Angriff auf mein eigenes Leben nicht abzuwehren, da ich den Geboten des Nichttötens und Nichtverletzens nicht zuwiderhandeln möchte. Aber können auch Regierungen, die Verantwortung für das Leben der Menschen in ihren Ländern tragen, sich so verhalten? Damit sind wir bei den beiden letztgenannten Arten von Äußerungen: Was ist, wenn all die aufrichtigen Wünsche unerfüllt bleiben, alle guten Appelle ungehört verhallen und sich Herr Putin nicht wie ein Schulbub erklären lässt, dass man nicht lügen und andere Menschen nicht töten und verletzen darf? Er wird sich dann vermutlich auch nicht von einer eindringlichen Schilderung der Qualen in den acht kalten und acht heißen Höllenwelten des Buddhismus von seinem Vorhaben abbringen lassen.

Komplexität und Orientierungssuche Kriege gab es schon immer, aber so nah bei uns schon lange nicht mehr. Die Dimension der Bedrohung ist neu und es war keine Übertreibung, als die deutsche Außenministerin am Morgen nach dem russischen Angriff erklärte: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Gleichzeitig ist die Situation komplex. Viele der Informationen, die auf uns hereinprasseln oder die wir selbst im Internet und sonst wo aufspüren, sind nicht zuverlässig, parteilich gefiltert und manchmal schlicht Fake. Der Krieg hat eine Vorgeschichte, in deren Erzählung Fakten und Deutung zumeist fließend ineinander übergehen. „Ich denke nicht, dass die westliche Welt in irgendeiner Weise Ihr Land bedroht“, erklärt Paul Köppler in seinem fiktiven offenen Brief, den er mit den Worten „Lieber Herr Putin …“ einleitet. Wirklich nicht? Weltpolitik ist durch den Kampf um Macht- und Einflusssphären sowie Zugänge zu Rohstoffen und Ressourcen bestimmt. Wenn US-Präsident Joe Biden in seiner ersten Stellungnahme zum Ukrainekrieg Putin zur Erzgestalt des Bösen und die USA zur Bewahrerin von Demokratie und westlichen Werten erklärt, wer erinnert sich bei solch gefühlsstarken Licht-und-Dunkelheit-Metaphern noch daran, dass vor noch nicht einmal 20 Jahren die USA einen Angriffskrieg gegen den souveränen Irak führten, mit Hunderttausenden von Toten und Millionen von Geflüchteten? Außenminister Colin Powell rechtfertigte seinerzeit diese Aggression vor der Weltgemeinschaft mit „Enthüllungen“ über Chemiewaffen und Raketen des Irak, die sich später als dreiste Lügen entpuppten. Hinsichtlich der Ukraine haben die USA andere Interessen als die europäischen Länder. „Fuck the EU“, so formulierte es Victoria Nuland, für Europa zuständige Staatssekretärin im US-Außenministerium, im Februar 2014. Auch ist die Rolle des CIA bei der Maidan-Revolution am 14. Februar 2014 in Kiew, die von einigen als Putsch bewertet wird, bis heute unaufgeklärt, hat aber schon viel Stoff für Spekulationen geliefert. Selbst in den USA gab es kritische Stimmen. So hat der bekannte US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski die US-Regierung schon vor acht Jahren davor gewarnt, die Ukraine in die NATO aufzunehmen, da dies Krieg mit Russland bedeute.


Für Angriffskriege gibt es keine Rechtfertigung Allerdings entschuldigt das Agieren des Westens auf gar keinen Fall den russischen Überfall auf die souveräne Ukraine. Dieser Angriff war keine vorausschauende Defensivmaßnahme. Russland selbst ist eine aggressive Macht, die Freiheitsbestrebungen im eigenen Land wie in angrenzenden Staaten brutal unterdrückt, Journalisten und Oppositionelle ermorden lässt und im Syrienkrieg all die Kriegsstrategien und Waffensysteme an der dortigen Bevölkerung „erprobt“ hat, die es jetzt in der Ukraine einsetzt, von der Beschießung von Krankenhäusern bis zur Ermordung von Zivilisten. Aleppo war die Blaupause für Mariupol und Butcha. Großmachtinteressen dürfen die unbedingte Geltung des Völkerrechts nicht einschränken. Das Problem ist jedoch noch um einiges komplexer: Die Ukraine ist ein Vielvölkerstaat, wo neben Russen und Ukrainern auch noch rumänische und ungarische Volksgruppen leben. In der Vergangenheit gab es berechtigte Kritik an der ukrainischen Regierung, die die Rechte der russischsprachigen Bevölkerung einschränkte, indem sie unter anderem Russisch als Amtssprache abschaffen wollte. „Ukrainisierung der Ukraine“ hieß das. Umgekehrt unterdrücken die Separatisten im Donbass die ukrainische Kultur in ihren Herrschaftsgebieten. Das sind allerdings interne Konflikte, die die Einschränkung von Menschenrechten betreffen, nicht aber das Völkerrecht, denn dieses regelt die Beziehung zwischen Staaten. Autonomiebestrebungen von Volksgruppen sind im Völkerrecht nicht geregelt, hier greift jedoch die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen. Wie sollen Buddhistinnen und Buddhisten auf diesen Krieg reagieren? Kriege sind immer schrecklich, aber sie haben Ursachen und Ziele, die bei der Bewertung dessen, was im jeweiligen Fall getan werden soll, eine entscheidende Rolle spielen. Als die Japaner im Zweiten Weltkrieg ihre Nachbarländer versklaven wollten und wahllos Zivilisten töteten, haben prominente japanische Zen-Meister junge Soldaten mit der Aufforderung in den Kampf geschickt, zu schießen, wenn befohlen wird zu schießen, genau das sei die „Manifestation der höchsten Erleuchtung“. In Zen-Kreisen tut man sich bis heute schwer mit der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels. Als die japanischen Truppen in den 1930er-Jahren China besetzten, wüteten sie überall im Land mit extremer Grausamkeit. Nach Protokollen der Tokioter Prozesse wurden in der chinesischen Stadt Nanjing im Dezember 1937 und Januar 1938 über 200.000, anderen Schätzungen zufolge über 300.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet sowie rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt. An vielen Stellen waren die Wasser des Yangzi rot gefärbt vom Blut der ermordeten Menschen, wie Augenzeugen berichteten. Damals riefen Buddhisten in China zum bewaffneten Widerstand gegen die Aggressoren auf. Viele Mönche legten die Roben ab und wurden Soldaten, um die Menschen ihres Landes vor den Japanern zu schützen. Ein solcher Akt der Notwehr kann nicht mit der Schlachtfeldagitation von Teilen der japanischen Zen-Sangha auf eine Stufe gestellt werden! Es gibt Situationen, in denen es nicht möglich ist, auf Gewalt allein und ausschließlich mit friedlichen Mitteln zu reagieren. Gandhis gewaltfreier Widerstand gegen die Briten war erfolgreich, weil diese gewisse moralische Werte akzeptierten, an die die indische Freiheitsbewegung appellierte; ganz anders hingegen war die Situation in Nazideutschland. Es gab nichts, womit die Juden die Nazis hätten überzeugen können, doch auf ihre Verfolgung und Ermordung bitte schön zu verzichten. Gleiches galt für die von Hitler angegriffenen Nachbarländer.

Auch wer neutral bleiben möchte, bezieht damit eine Stellung Appelle allein verpuffen schnell, insbesondere wenn das Gesagte Allgemeingut ist und auf ähnliche Weise schon zigmal gesagt wurde. Politische Einmischung ist unvermeidlich; und sie findet auch statt, indem man nichts tut. Wenn ein Starker einen Schwachen angreift und ich selbst tatenlos zusehe, dann bin ich nicht neutral, sondern unterstütze den Stärkeren, indem ich es unterlasse, dem Schwächeren zu helfen. Natürlich kann dieser irgendwann zum Stärkeren werden und sich die Situation dann umkehren und damit auch ein neues Handeln der Außenstehenden erfordern. Dazwischen liegen oft viele Stufen, auf denen über die Frage äußerer Unterstützung immer wieder neu nachgedacht werden muss. Bot Präsident Selenskyj noch kurz nach dem Einmarsch eine Kompromisslösung in Form einer neutralen Ukraine als Basis für Verhandlungen an, wurde er später vom britischen Premier Boris Johnson und auch von der US-Regierung „zurückgepfiffen“: Es gehe doch schließlich um die volle Wiederherstellung der nationalen Souveränität der Ukraine, also in den Grenzen von 2014 und einschließlich der hauptsächlich von einer russischen Bevölkerung bewohnten Krim. Nach dem Völkerrecht ist die Situation eindeutig, aber ist es auch politisch klug, in Anbetracht der menschlichen Leiden eines endlos langen Kriegs so zu handeln? Aber das ist die alleinige Entscheidung der Ukraine.

Auf welche Petition gehört mein Name? Im unserem Nachbarhaus hat eine ukrainische Mutter mit zwei kleinen Kindern Unterschlupf gefunden. Zwei Wochen hat die Familie in eiskalten, feuchten Kellern ausgeharrt, während überall Feuer vom Himmel fiel. Sie kamen mit dem, was sie am Leib trugen, und einem kleinen Rucksack. Wo überall Raketen einschlagen, muss man schnell laufen können. Die ersten Tage haben die beiden 3- und 4-jährigen Jungen kein Wort geredet, jetzt brabbeln sie unentwegt, haben aber noch nicht verstanden, dass die Menschen hier ihre Sprache gar nicht verstehen. Was braucht die Ukraine am dringendsten? „Weapons and ammunition“, sagt die junge Mutter mit den lila Strähnen im Haar, die jeden Tag zweimal mit ihrem Mann telefoniert, der in der ukrainischen Armee kämpft. Ob wir es wollen oder nicht, wir kommen nicht umhin, Entscheidungen zu treffen. Welche Partei soll ich künftig wählen? Eine, die Zurückhaltung fordert, oder eine, die schwere Waffen an die Ukraine liefert? Auf welche Unterschriftenliste soll ich meinen Namen setzen? Gibt es per se die buddhistische Antwort auf diese Frage?

Um auf die aktuelle gesellschaftliche Debatte zu kommen: Derzeit kursieren zum Ukrainekonflikt zwei Briefe mit Unterschriftenlisten:

  1. Das ist zunächst ein Brief von der „Emma“-Chefredakteurin Alice Schwarzer und von 28 bekannten Intellektuellen, der für Zurückhaltung der Bundesregierung plädiert und sich ausdrücklich gegen die Lieferung schwerer Waffen ausspricht, vor allem mit dem Argument, die Zahl der Opfer nicht noch weiter steigen zu lassen und die Spirale der Gewalt nicht bis zu jenem Punkt voranzutreiben, wo sie unkontrollierbar werde. Außerdem will man selbst nicht weiter in den Krieg hineingezogen werden.

2. Ein Gegenbrief dazu mit Unterschriftenliste verfasste dann Ralf Fücks, Bündnis 90/Die Grünen, vom „Zentrum liberale Moderne“ aus Bremen. Er und seine Mitunterzeichner sehen in Waffenlieferungen einen Akt humanitärer Hilfe, um noch schlimmere Gräueltaten zu verhindern. Putin sei nicht mit guten Worten beizukommen, das habe der bisherige Konflikt doch gezeigt; was er hingegen verstehe, sei die Sprache der Macht.

Der erste Brief traf bald auf massive Kritik. In der Onlineausgabe des Spiegels war man mit Analogien schnell zur Hand: Wenn der Ehemann als Vergewaltiger ins Haus der Ehefrau zurückkehre, empfehle Frau Schwarzer, den Nachbarn im eigenen Interesse bloß nicht zu intervenieren. Man könne doch nicht alles machen, was das Opfer in dieser Situation so verlange. Am besten solle es in einer Duldungsstarre verharren, damit sich der Täter nicht auch noch über die Nachbarn hermacht. Ralf Fücks und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollen dagegen die bedingungslose Geltung des Völkerrechts mit allen Mitteln durchsetzen. Die tolerierte Gewalttat mache den Aggressor nur noch aggressiver und, weil mit einem Gefühl vermeintlicher Überlegenheit aufgeladen, völlig unberechenbar; am Ende seien die Opfer größer als bei einem entschlossenen Eingreifen. Innerhalb von Staaten sowie für die Beziehungen zwischen Staaten existieren verbindliche Rechtsgrundlagen, das schließt auch die Bereitschaft ein, diese mit allen Mitteln, auch militärischen, durchzusetzen. Wer das als Buddhistin oder Buddhist nicht akzeptieren möchte, soll doch einmal erklären, wie er oder sie die Schwachen in einer Gesellschaft zu schützen gedenkt und wie Gerechtigkeit überhaupt zu verstehen ist, wenn man darauf verzichtet, sie auch durchzusetzen.

Was tun? „Es gibt keine eindeutig guten Lösungen“, sagt Sylvia Wetzel in der eingangs genannten Erklärung der Buddhismus-Lehrenden. Feinfühlige ethische Unterscheidungen zwischen Verantwortung und Schuld greifen womöglich am Ende nicht, zumal rechtliche und moralische Schuld verschiedene Dinge sind. Es ist eher so, wie Berthold Brecht in den „Tagen der Kommune“ einmal feststellte: „In diesem Kampf gibt es nur blutige oder abgeschlagene Hände.“ Leider habe auch ich keine eindeutige Antwort, was Buddhistinnen und Buddhisten in dieser Lage tun sollen, aber einige Gedanken dazu, was vielleicht nicht ganz ausreicht: - sich damit zu begnügen, den Krieg bloß im Hinblick auf die Störung der eigenen Geistesruhe und der Wirkungen zu betrachten, die er in den wohl organisierten spirituellen Tagesablauf bringt; - sich auf Mantrenrezitationen, wohlmeinende Appelle an irgendwelche fernen Potentaten und an hoffnungsvolle Wünsche an den blauen Himmel zu beschränken.

Ich habe Ende der 1970er-Jahre 15 Monate Grundwehrdienst in einem Flugabwehrbataillon geleistet, viele Jahre später jedoch den Dienst mit der Waffe aus Gewissensgründen verweigert. Aus meiner Wehrdienstzeit weiß ich aber noch, wie eine Panzerfaust funktioniert. Einen 1,8 Mio. US-Dollar teuren T-72-Panzer, der auf ein Wohngebiet zurollt, um dieses zu beschießen und damit Hunderte von Menschen zu töten, kann ein einziger Schuss einer solchen Waffe in einen Haufen nutzlosen Schrott verwandeln. Nicht die Waffen selbst sind das Problem, sondern die Motive der Menschen, die sie bedienen, und die Zwecke, für die sie eingesetzt werden. Mit einem scharfen Messer kann ich ein Essen bereiten und ebenso einen Menschen töten; als Skalpell vom medizinisch Sachkundigen benutzt kann es sogar ein Leben retten. Es ist offen, was geschehen wird; niemand vermag in die Zukunft zu schauen. Am Ende bleibt vielleicht nur die kafkaeske Aussicht: Ganz egal was tu tust, es ist falsch.

Hans-Günter Wagner ist ein traditionsübergreifender Buddhist. Er war fünfzehn Jahre in China beruflich tätig und studierte dort den chinesischen Buddhismus. Heute ist er Chinesisch-Lehrer und Übersetzer buddhistischer Prosa- und Lyrikwerke.


https://www.ursachewirkung.com/diskurs/4471-kommentar-am-ende-der-gewissheit


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