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Brief der Schriftstellerin Natascha Wodin an die FAZ: "Sie fragten, wie wir, die Europäer, der Ukraine konkret helfen könnten, mehr Russen zu töten. Russische Soldaten natürlich, fügten Sie hinzu."

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  • vor 50 Minuten
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Ostdeutsche Allgemeine: Ich kam im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs als Kind einer Ukrainerin und eines Russen zur Welt. Meine Eltern waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. In meiner Kindheit schlug mir „im besiegten Nachkriegsdeutschland Russenhass, Gewalt und Verachtung entgegen“. Ich habe Deutschland viel zu verdanken, es hat mir nach einem schwierigen Anfang ein Leben in Frieden, Freiheit, Pluralität und Wohlstand ermöglicht, ich konnte meinen Weg gehen. Aber jetzt hat sich die Zeit zurückgespult, jetzt, als alte Frau, ist mir oft, als sei ich wieder im Deutschland meiner Kindheit.


Die Schriftstellerin Natascha Wodin hat einen Brief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) geschrieben. Wodin kam im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs als Kind einer Ukrainerin und eines Russen zur Welt. Ihre Eltern waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Was ihr in ihrer Kindheit „im besiegten Nachkriegsdeutschland an Russenhass, Gewalt und Verachtung entgegenschlug“, habe ihr „Leben empfindlich beschädigt“. Wodin schreibt, Deutschland habe ihr „ein Leben in Frieden, Freiheit, Pluralität und Wohlstand ermöglicht“. Aber jetzt habe „sich die Zeit zurückgespult, jetzt, als alte Frau, ist mir oft, als sei ich wieder im Deutschland meiner Kindheit“.

Anlass ihres bemerkenswerten Briefes ist die Frage des Korrespondenten der FAZ, was die Europäer tun könnten, um „mehr Russen zu töten, russische Soldaten natürlich“. Wodin sagt, sie habe Verständnis dafür, dass die FAZ den Abdruck des Briefes abgelehnt habe, da die russische Justiz den Korrespondenten zeitgleich zur Fahndung ausgeschrieben hatte.

Natascha Wodin thematisiert in ihrem nunmehr offenen Brief die in Deutschland verbreitete Russophobie und beschreibt, welche Verheerungen diese anrichtet. Wir veröffentlichen den Brief, weil die Darstellungen der Schriftstellerin über den gegenwärtigen Anlass hinaus gültig sind. (mm.)


Sehr geehrter Herr Martens,

Sie werden wissen, dass der israelische Polizeiminister Ben-Gvir dieser Tage dazu aufgefordert hat, pro Nacht 30 bis 40 in Gaza lebende Palästinenser zu töten. Vielleicht war er inspiriert von der Frage, die Sie am 8. August während einer Pressekonferenz in Belgrad dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj gestellt haben. Sie fragten, wie wir, die Europäer, der Ukraine konkret helfen könnten, mehr Russen zu töten. Russische Soldaten natürlich, fügten Sie hinzu.

Abgesehen davon, dass die Frage falsch gestellt ist, weil ein Großteil von Russland zu Europa gehört und dort ebenfalls Europäer leben, verwirft sie alles, was ich bisher, offenbar naiv, für irreversible Errungenschaften unserer Zivilisation und Kultur hielt.

Vielleicht folgten Sie auf dieser Pressekonferenz einer Aussage des vor kurzem entlassenen ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Federow, der am 20. Januar dieses Jahres verlautbaren ließ, das strategische Ziel der ukrainischen Armee sei es, 50.000 Russen pro Monat zu töten. Ging es Ihnen mit Ihrer Frage vielleicht sogar um die Übererfüllung des ukrainischen Plansolls?

Sie trafen mit Ihren Worten zweifellos ins Herz der nackten, unbeschönigten Wahrheit, um die es im Krieg geht. Um das Töten in größtmöglicher Zahl. Deutlicher, ehrlicher und entlarvender als Sie kann man es nicht ausdrücken. Ich würde mir gern einreden, Sie hätten mit Ihren Worten den Apologeten des Krieges den Spiegel vorhalten wollen, aber das war, wie ich fürchte, nicht Ihre Absicht.

Ich kam im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs als Kind einer Ukrainerin und eines Russen zur Welt. Man hatte meine Eltern als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt, zwei von Millionen, die in Hitlers Kriegsindustrie verschlissen wurden. Ein völkerrechtswidriges Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das bis heute nur schwach ausgeleuchtet ist. Was mir in meiner Kindheit im besiegten Nachkriegsdeutschland an Russenhass, Gewalt und Verachtung entgegenschlug, hat mein Leben empfindlich beschädigt. Meine Mutter war Ukrainerin, aber damals hat noch niemand zwischen Russen und Ukrainern unterschieden. Sie hielt den Hass nicht aus und nahm sich mit 36 Jahren das Leben.

Heute werden wieder Russen mit deutschen Waffen getötet, nach Ihrer Ansicht, Herr Martens, wohl viel zu wenige. Sie gelten erneut als Barbaren, als Weltfeind, als Monster, nah an jenen schauerlichen Wesen mit Schwanz und Hörnern, als die sie während des Zweiten Weltkriegs dargestellt wurden. Russland wird wieder als das Reich des Bösen gesehen, das Ronald Reagan schon im Jahr 1983 von der Erdoberfläche zu tilgen versprach.

Ich lese immer wieder, dass der Putsch auf dem Maidan von den USA geplant, organisiert und bezahlt war. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich kann es nicht nachprüfen. Wer weiß heute überhaupt noch, was stimmt und was Propaganda, Fake, Manipulation, was Lüge und was Wahrheit ist?! Aber ich höre immer wieder mit meinen eigenen Ohren, wie Wladimir Putin in russischer Sprache wiederholt, dass er noch nie daran gedacht hat, Europa anzugreifen, dass derartige Behauptungen grober Unfug seien, dass er nicht wüsste, wozu er das tun sollte. Im letzten Jahr hat Moskau der EU und der Nato sogar einen Nichtangriffspakt angeboten, aber dieses Angebot wurde nicht angenommen. Die gebetsmühlenartige Antwort des Westens auf alle Versuche Russlands, die Lage zu deeskalieren, lautet: Putin lügt. Glauben Sie das auch, Herr Martens? Warum? Warum ist noch kein einziger deutscher Politiker seit Beginn des Krieges nach Moskau gereist, um Putin auf den Zahn zu fühlen? Weil wir über ihn schon alles wissen, immer gewusst haben und immer wissen werden, egal was er sagt? Werden wir ihm, während die Nato Russland immer dichter auf den Leib rückt, so lange suggerieren, dass er drauf und dran ist, uns zu überfallen, bis er es endlich tun wird? Sind wir um keinen Preis gewillt, die tödliche Kriegsspirale anzuhalten, sind wir bereit, unsere Zivilisation, unsere Existenz dafür zu opfern, dass wir am Ende Recht behalten? Wollen wir diesen Krieg? Wozu die drakonische Aufrüstung, die unsere Zukunft auffrisst, da doch bekannt ist, dass Russland der Nato militärisch hoffnungslos unterlegen ist?! Man kann einwenden, Russland besitze das größte Atomwaffenarsenal der Welt, aber das scheint mir ein etwas lächerliches Kettenrasseln zu sein. Mehr als einmal kann man unseren Planeten nicht zerstören. Und das kann die Nato allemal auch.

Putins „militärische Spezialaktion“ hat mich zutiefst verstört und mir einen Teil der inneren Heimat genommen, die Russland mir war, aber die katastrophale Entwicklung dieses Krieges hat dazu geführt, dass ich mich inzwischen mehr als vor Putin vor Donald Trump und vor einigen deutschen Politikern fürchte. Und vor Journalisten wie Ihnen.

Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, dass der Abgrund zwischen Ost und West sich allmählich schließt, dass ein Strahl Vernunft und Versöhnung in das Dunkel zwischen diesen beiden Welten zu fallen beginnt, aber ich habe mich getäuscht. Russenhass und Russenangst sind in Deutschland nie vergangen, die Russen sind immer Feindbild und Projektionsfläche für alles Böse geblieben. Der Hass hat nur ein wenig geschlafen, er hat sich ausgeruht, um nach einer kurzen Pause, nach einer vorübergehenden Gorbimania, wieder umso heftiger aufzuflammen aus den Glutnestern unter der Asche, die ein paar Windstöße wieder in einen Flächenbrand verwandelt haben.

Ich habe Deutschland viel zu verdanken, es hat mir nach einem schwierigen, traumatischen Anfang ein Leben in Frieden, Freiheit, Pluralität und Wohlstand ermöglicht, ich konnte meinen Weg gehen. Aber jetzt hat sich die Zeit zurückgespult, jetzt, als alte Frau, ist mir oft, als sei ich wieder im Deutschland meiner Kindheit.

Natascha Wodin



über die Bücher von Natscha Wodin: 011348 Avast AvastOne 30A DE 16x9 YT Final 2026 05 12

 
 
 

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