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Als der Widerstands-Geist von 68 in Deutschland noch wehte: Die Chile-Kantate von dem Floh von Köln



Frühling in Chile Liedtext

Die Armee Amortisiert sich Der Faschismus Er rentiert sich Geld fließt Blut fließt In Chile Schüsse fallen Patrioten fallen Blätter fallen Es ist Herbst In Chile Blut gerinnt Gefühl erfriert Leben stirbt Winter ist In Chile Das Leid vergeht Die Kälte vergeht Die Nacht vergeht Die Sonne erwacht Im Frühling In Chile


Floh de Cologne

Bandgeschichte

Die Band wurde am 20. Januar 1966 von Kölner Studenten zunächst als Politkabarett gegründet.[1] Die Band stammte aus der Kölner APO um den SDS, ihre politische Ausrichtung veränderte sich über die Jahre hinweg zu einer klar dialektisch-marxistischen Position. Unabhängig voneinander traten die Mitglieder der Band zwischen 1970 und 1973 in die DKP ein. Am 6. September 1970 trat die Gruppe beim Fehmarn-Festival nach Jimi Hendrix auf; dies war dessen letzter Auftritt. 1973 trat Floh de Cologne als musikalischer Teil einer westdeutschen Abordnung bei den X. Weltfestspielen der Jugend in Ost-Berlin auf.[2] Ab 1980 waren Teile der Band (Vridolin Enxing als Vorsitzender) aktiv bei Rock gegen Rechts; im selben Jahr erhielt die Gruppe den Deutschen Kleinkunstpreis zusammen mit Gerhard Polt.

Nach über 3000 Konzerten in Deutschland und Europa löste Floh de Cologne sich im Mai 1983 nach einer Abschiedstournee auf. Das Abschiedskonzert in der Kölner Sporthalle hatte 6000 Zuschauer und dauerte 14 Stunden unter der Beteiligung zahlreicher Musiker wie Hannes Wader, Dieter Süverkrüp, Franz-Josef Degenhardt, Hanns-Dieter Hüsch, Die 3 Tornados, BAP und Ina Deter.[3][4]

2023 erhielt die Band von der Stadt Köln den Holger-Czukay-Ehrenpreis für ihr lebenslanges künstlerisches Wirken.[5][6]



Kabarett, Beat, Rock

Als die ursprünglich konventionelle Kabarettgruppe bei den Essener Songtagen 1968 Undergroundbands wie die Mothers of Invention, die Fugs und die Edgar Broughton Band erlebt hatte, orientierte sie sich mit ihrem dritten Programm SimSAlabimbambaSAladUSAladim stilistisch um und verband agitatorische Texte mit Beatmusik und einer Bühnenshow zu sogenannten „Agitations-Revuen“[7] und entwickelte sich zu einer der führenden Politrock-Bands. 1969 schloss Floh de Cologne einen Exklusiv-Plattenvertrag mit dem Label Ohr/Metronome für die Produktion Fließbandbabys-Beatshow und weitere Produktionen ab. Der Metronome-Produzent Rolf-Ulrich Kaiser war maßgeblich beteiligt am Aufbau der sogenannten Krautrock-Szene dieser Jahre.

1971 schuf Floh de Cologne mit Profitgeier die erste deutschsprachige Rockoper. In der dreisätzigen Geyer-Symphonie von 1973 arbeitete die Band in ihre Musik Originalausschnitte aus Politikerreden anlässlich des Begräbnisses des deutschen Großindustriellen Friedrich Flick ein. Mit der Kantate für Rockband „Mumien“ reagierte die Band 1974 auf den Putsch in Chile 1973, unter anderem mit einer Vertonung der letzten Rede des gestürzten Präsidenten Salvador Allende. Im selben Jahr erarbeitete die Gruppe zusammen mit Hans Werner Henze alternative Vertonungen des Chilelieds (Dieser chilenische Sommer war süß; 1974), Text: Rudi Bergmann (* 1950), Uraufführung war am 31. Mai 1974 in Essen (Grugahalle: Gedenkkonzert für Víctor Jara, zugleich Solidaritätsveranstaltung für den Widerstand in Chile). Grenzüberschreitend war ebenfalls die Zusammenarbeit mit Mauricio Kagel bei den „Kölner Kursen für Politische Musik“ (1975). In der Rockoper Koslowsky, für die die Band ein Jahr lang vor Ort recherchiert hatte, zeichnete Floh de Cologne 1980 das Schicksal eines Arbeiters aus dem Ruhrgebiet nach, der nach Bayern zur Maxhütte kommt.

Theater

Floh de Cologne, 1978 – v.l. Dieter Klemm, Vridolin Enxing, Hansi Frank, Theo König, Dick Städtler

Weniger bekannt, aber wesentlich für die Entwicklung der Band waren ihre Arbeiten für das Theater. So entstanden in Zusammenarbeit mit Roberto Ciulli am Kölner Schauspielhaus: Ein Neuer Florentinerhut nach Eugène Labiche (1976 Rowohlt-Theaterverlag), mit dem Markgrafen-Theater Erlangen und dem Staatstheater Wiesbaden: Rotkäppchen – ein Märchen mit viel Rock und Pop und Rum-ta-ta nach Jewgeni Schwarz (1977/1980 Kiepenheuer & Witsch-Theaterverlag). Weitere Arbeiten erfolgten in verkleinerter Besetzung nach der Auflösung (Dick Städler, Theo König, Vridolin Enxing): Am Grillo-Theater Essen zusammen mit David Esrig eine Neufassung von Der Krieg von Carlo Goldoni (1984 Sessler-Verlag Wien), Babette oder peu à peu mit Helmut Ruge am Markgrafen-Theater Erlangen (1986), ebenfalls dort: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (1986).

Rezeption

Die Kritik reagierte auf die Band meist zwiespältig, so resümierten Graves/Schmidt-Joos: „Die durchaus wegweisende Musikagitation mit harten Fakten wurde […] stets durch Beigabe unnützer Fiktionen über Ausbeutung, Arbeiterelend, Klassenkampf und ein sozialistisches Utopia geschwächt“, erkannten aber an: „Immerhin gelang es Floh de Cologne als erster deutscher Rock-Band, der nach ihren ethnischen und sozialen Ursprüngen motivierbaren Aggressivität, Spontaneität und Emotionalität des Rock ’n’ Roll mit annähernd gleichwertigen Texten gerecht zu werden.“[3]

„Der Floh de Cologne hat Kabarettgeschichte gemacht, und dies mehrfach: Als ersten kam ihnen das alte Nummernkabarett zu zerfleddert und unverbindlich vor; sie bauten kompakte Programme mit durchgehendem Tenor. Als erste begannen sie, multimedial Musik als wirklich gleichberechtigten Bestandteil sowie Dia und Film ins Programm einzubauen. Als erste begannen sie, richtige Programmgeschichten, abendfüllende Bühnenwerke satirischen Inhalts zu fertigen – zumindest für Deutschland sind sie die Erfinder der Rockoper. Schließlich noch waren sie es, die engagierte Texte der Liedermacher-Aura entkleideten und saftige Songs und Schlager daraus machten; so sind sie schließlich die Großväter aller neueren deutschen Wellen geworden“ – Michael Frank: Süddeutsche Zeitung, 7. April 1983[8]

Der Nachlass von Floh de Cologne befindet sich im Deutschen Kabarettarchiv in Mainz.[9]

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