Westmächte verlieren im Sahel und nun auch besonders in Mali an Einfluss an die Türkei und Russland

Private russische Sicherheitsdienste könnten von Mali eingesetzt werden. Die Türkei hat mit ihrem tatkräftigen Einsatz für den Bau von Krankenhäusern und -stationen sowie Moscheen ein günstiges Umfeld für den Absatz türkischer Exporte geschaffen. Die Abkehr vom Westen vollzieht sich vor dem Hintergrund eines Stimmungsumschwungs in dem westafrikanischen Land, auf den inzwischen selbst westliche Fachzirkel immer öfter hinweisen. Ursache ist zum einen, dass insbesondere Frankreich politische Entscheidungen in Bamako zu diktieren sucht, zum anderen, dass sich die Lage in Mali seit dem Beginn des Militäreinsatzes im Jahr 2013 nicht verbessert, sondern vielmehr verschlechtert hat und immer mehr Zivilisten ums Leben kommen oder fliehen müssen. Malis öffentliche Meinung betrachte die französische Opération Barkhane nicht nur als unfähig, Sicherheit zu schaffen, sondern auch als Werkzeug des französischen Neokolonialismus.


Russische Fahnen in Bamako Debatte über die Zukunft des Bundeswehreinsatzes in Mali findet vor dem Hintergrund deutlicher russischer und türkischer Einflussgewinne im Sahel statt.

BERLIN/PARIS/BAMAKO/MOSKAU(Eigener Bericht) - Deutliche Einflussverluste des Westens in Mali überschatten die Debatte über die Zukunft des Bundeswehreinsatzes im Sahel. Während es in Berlin mit Blick auf die Niederlage in Afghanistan heißt, die Intervention im Sahel dürfe nicht "der nächste 20-Jahre-Einsatz" werden, zieht die Übergangsregierung in Bamako für den Fall eines westlichen Teil- oder Komplettabzugs als "Plan B" die Anwerbung von Söldnern der russischen Firma Wagner in Betracht. Der Plan knüpft an den Ausbau der Militärkooperation zwischen Mali und Russland an, der mit einem im Juni 2019 unterzeichneten Abkommen eingeleitet worden ist. Wie berichtet wird, stößt eine mögliche engere Zusammenarbeit mit Moskau in der malischen Öffentlichkeit zunehmend auf Sympathie. Zugleich stärkt auch die Türkei ihre Stellung im Sahel; sie weitet ihren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss aus und hat mit der Fortbildung malischer Offiziere begonnen. Damit ist Mali nach Syrien und Libyen das nächste Land, in dem die Mächte des Westens schwächer werden, während Russland und die Türkei erstarken.


"Marionette des Neokolonialismus" Die Debatte um die Perspektiven der Militärintervention in Mali und um den möglichen Einsatz russischer Söldner dort vollzieht sich vor dem Hintergrund eines Stimmungsumschwungs in dem westafrikanischen Land, auf den inzwischen selbst westliche Fachzirkel immer öfter hinweisen. Ursache ist zum einen, dass insbesondere Frankreich politische Entscheidungen in Bamako zu diktieren sucht, zum anderen, dass sich die Lage in Mali seit dem Beginn des Militäreinsatzes im Jahr 2013 nicht verbessert, sondern vielmehr verschlechtert hat und immer mehr Zivilisten ums Leben kommen oder fliehen müssen.[1] Malis öffentliche Meinung betrachte die französische Opération Barkhane nicht nur als unfähig, Sicherheit zu schaffen, sondern auch als Werkzeug des französischen Neokolonialismus, wird etwa Mady Ibrahim Kanté von der Université de Bamako zitiert.[2] Im Februar hielt die International Crisis Group (ICG), ein westlicher Think-Tank, ausdrücklich fest, die Demonstrationen gegen Präsident Ibrahim Boubacar Keïta vor dem Putsch vom 18. August 2020 hätten Keïta nicht nur wegen der krassen Korruption, sondern auch als "Marionette eines neokolonialen Frankreich" attackiert.[3] Vor allem in Mali, aber auch darüber hinaus gebe es, so formulierte es die ICG, eine "weitverbreitete Feindseligkeit gegenüber der westlichen Intervention im Sahel". Russland und der Sahel Gleichzeitig richtet sich in Mali die öffentliche Aufmerksamkeit, wie Kanté berichtet, in wachsendem Maß auf Russland als möglichen Kooperationspartner - vor allem für den Fall, dass Frankreich seine militärische Präsenz im Land tatsächlich reduziert.[4] Die Regierung in Bamako hat bereits im Juni 2019 ein Abkommen mit Moskau geschlossen, das ein gewisses Maß an Militärkooperation vorsieht.[5] Auf russischer Seite ist die Kooperation mit Mali eingebunden in Bestrebungen, die Beziehungen zu den Staaten Afrikas insgesamt zu intensivieren; einen ersten Höhepunkt stellte dabei der Russia-Africa Summit and Economic Forum am 23./24. Oktober 2019 in Sotschi dar. Auf dem Treffen zog der Exekutivsekretär des Zusammenschlusses G5 Sahel (Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad), Maman Sambo Sidikou, erstmals öffentlich in Betracht, Russland könne zu gegebener Zeit eine Rolle bei der Stabilisierung des Sahel spielen.[6] Der russische Präsident Wladimir Putin wiederum kündigte an, Moskau wolle künftig enger mit afrikanischen Staaten kooperieren - unter anderem im Anti-Terror-Kampf. Putin fügte damals, anspielend auf die neokoloniale Einflussnahme der westlichen Mächte, hinzu, Russland könne den Staaten Afrikas damit zugleich helfen, "ihre Unabhängigkeit und Souveränität zu schützen". Malis Plan B In Mali lösen die russischen Angebote in wachsendem Maß ein positives Echo aus. Im November 2019 etwa forderten Demonstranten in Bamako, Russland solle in ihrem Land gegen die Jihadisten vorgehen - so, wie es dies zuvor in Syrien getan habe.[7] Nach dem Putsch vom 18. August 2020 ebenso wie nach dem zweiten Putsch vom 24. Mai 2021 schwenkten Demonstranten russische Fahnen und warben für eine engere russisch-malische Kooperation. Kürzlich wurde bekannt, dass die Übergangsregierung in Bamako Verhandlungen mit der russischen Söldnerfirma Wagner führt; Berichten zufolge ist geplant, dass Wagner bei einer teilweisen oder auch kompletten Einstellung der französischen Opération Barkhane bis zu tausend Söldner nach Mali schickt und zudem den Personenschutz für die malische Staatsspitze übernimmt.[8] Frankreich, Deutschland und die anderen westlichen Mächte haben darauf mit äußerster Empörung reagiert und versuchen mit aller Kraft, Bamako zur Aufgabe des Vorhabens zu zwingen. Premierminister Choguel Maïga erhebt gegen die politischen Interventionen Protest: Man könne Mali nicht verbieten, mit einem bestimmten Staat zu kooperieren, "bloß weil ein anderer Staat das nicht will".[9] Maïga spricht mit Blick auf die Pläne für die Zusammenarbeit mit Wagner ausdrücklich von einem "Plan B". Krankenhäuser und Moscheen Dabei ist Russland nicht der einzige Staat, der sich anschickt, den Einfluss der früheren westlichen Kolonialmächte in Mali zurückzudrängen. Kürzlich hat die ICG in einer ausführlichen Analyse den Blick auf die Aktivitäten der Türkei in der Sahelzone gelenkt.[10] Ankara baut seine Beziehungen dorthin - ganz wie in andere Staaten und Regionen Afrikas - energisch aus, nicht zuletzt nach Mali. Dort hat ihr tatkräftiger Einsatz für den Bau von Krankenhäusern und -stationen sowie Moscheen ein günstiges Umfeld für den Absatz türkischer Exporte geschaffen: Der Handel zwischen den beiden Ländern wuchs von einem Volumen von 5 Millionen US-Dollar im Jahr 2003 auf 57 Millionen US-Dollar im Jahr 2019. Turkish Airlines hat nicht nur Direktflüge aus Bamako nach Jeddah ins Programm genommen und sich damit für muslimische Pilger attraktiv positioniert; das Unternehmen bedient zudem die Strecke aus Bamako nach Istanbul und lockt damit malische Geschäftsleute, die von den krassen Hürden bei der Einreise in die EU abgeschreckt werden, in die Türkei. Im Jahr 2018 hat Ankara begonnen, malische Offiziere in der Türkei fortzubilden und Mali mit Kleinwaffen und Munition zu versorgen. Nach dem Putsch vom 18. August 2020 war der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu der erste Spitzenpolitiker aus dem Ausland, der mit den Anführern des Umsturzes zusammentraf. "Nicht der nächste 20-Jahre-Einsatz" Der sich abzeichnende Einflussverlust der Mächte Europas verkompliziert die deutsche Debatte über den Bundeswehreinsatz in Mali. Die Diskussion hat seit der Niederlage und dem überstürzten Abzug des Westens aus Afghanistan an Fahrt gewonnen; allzu offen liegen die Parallelen zwischen den beiden Interventionen zutage: Wie am Hindukusch erstarken die Aufständischen auch in Mali mit zunehmender Dauer des Einsatzes immer mehr. Frankreich, dessen Streitkräfte längst als überdehnt gelten, will die Zahl seiner im Sahel stationierten Soldaten halbieren und zudem den Kampfeinsatz dort beenden. Anfang September forderte die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl (SPD), man müsse "sehr zügig nachdenken", ob der Bundeswehreinsatz "nachhaltig" sei.[11] Johann Wadephul, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagte, man müsse sich "Mali neu anschauen": Zwar könne man noch "nicht abziehen"; doch müsse "klar sein, dass hier nicht der nächste 20-Jahre-Einsatz läuft". Nach Bekanntwerden der Pläne in Bamako, unter Umständen mit der russischen Söldnerfirma Wagner zu kooperieren, stellte erstmals Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer einen Abzug der Bundeswehr in den Raum.[12] Damit wäre freilich, anders als in Afghanistan, ein unmittelbarer Einflussverlust gegenüber Russland verbunden. [1] S. dazu Putsch im Einsatzgebiet. [2] Michele Barbero: France Bids Adieu to Its Military Mission in West Africa. foreignpolicy.com 07.07.2021. [3] International Crisis Group: A Course Correction for the Sahel Stabilisation Strategy. Africa Report No 299. 1 February 2021. S. auch Die Dauerkriege des Westens (I). [4] Michele Barbero: France Bids Adieu to Its Military Mission in West Africa. foreignpolicy.com 07.07.2021. [5] Russia, Mali: Moscow Inks Defense Agreement With Sahel Nation. worldview.stratfor.com 27.06.2019. [6] Sergey Sukhankin: Terrorist Threat as a Pre-Text: Russia Strengthens Ties with G5 Sahel. jamestown.org 20.03.2020. [7] Samuel Ramani: Why Russia is a Geopolitical Winner in Mali's Coup. fpri.org 16.09.2020. [8] Mali-Russie : Bamako sur le point de signer un contrat avec une société du groupe Wagner. jeuneafrique.com 14.09.2021. [9] Fatoumata Diallo: Mali : Bamako ne fléchit pas et n'exclut pas de collaborer avec le groupe Wagner. jeuneafrique.com 20.09.2021. [10] Turkey in the Sahel. crisisgroup.org 27.07.2021. [11] Markus Decker: Nach dem Afghanistan-Desaster: Mali-Einsatz soll überprüft werden. rnd.de 02.09.2021. [12] Kramp-Karrenbauer stellt Mali-Einsatz in Frage. tagesschau.de 15.09.2021.

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