WeltBäuer:innen La Vía Campesina: Ernährungssouveränität, ein Vorschlag für die Zukunft des Planeten

Der Weltverband der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu 25 Jahren kollektivem Kampf für Ernährungssouveränität

Von La Vía Campesina Übersetzung: Miou Sascha Hilgenböcker amerika21, La Vía Campesina

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Logo des Weltverbandes der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern La Via Campesina QUELLE:VIACAMPESINA

Ernährungssouveränität ist eine Lebensphilosophie. Sie legt die Prinzipien fest, nach denen wir uns in unserem Alltag organisieren und mit der Mutter Erde koexistieren. Sie feiert das Leben und die uns umgebende Diversität. Sie umfasst jedes Element unseres Kosmos; den Himmel über unseren Köpfen, die Erde unter unseren Füßen, die Luft, die wir atmen, die Wälder, Berge, Täler, Felder, Ozeane, Flüsse und Seen. Sie achtet und schützt die wechselseitigen Beziehungen zwischen acht Millionen Spezies, die dieses Zuhause mit uns teilen. Wir erbten dieses kollektive Wissen von unseren Vorfahr:innen, die das Land 10.000 Jahre lang pflügten und durch Gewässer wateten, während wir uns zu einer Agrargesellschaft entwickelten. Die Ernährungssouveränität fördert die Gerechtigkeit, die Gleichheit, die Würde, die Geschwisterlichkeit und die Solidarität. Sie ist auch die Wissenschaft des Lebens; geschaffen durch die gelebten Realitäten unzähliger Generationen, von denen jede einzelne ihrer Nachwelt etwas Neues gezeigt hat, indem sie neue Methoden und Techniken im Einklang mit der Natur erfand. Als Besitzer:innen dieses reichen Erbes ist es unsere kollektive Verantwortung, es zu verteidigen und zu bewahren. La Vía Campesina (LVC) erkennt dies als unsere Verantwortung an (insbesondere seit Ende der 1990er Jahre, als die Konflikte, der akute Hunger, die globale Erwärmung und die extreme Armut zu sichtbar waren, um sie zu ignorieren) und hat das Paradigma der Ernährungssouveränität in die Räume der internationalen Politikgestaltung getragen. LVC hat die Welt daran erinnert, dass sich die Grundsätze unseres gemeinsamen Lebens an dieser Lebensphilosophie orientieren müssen. Die 1980er und 1990er Jahre waren eine Ära der ungezügelten kapitalistischen Expansion, in einer in der Geschichte der Menschheit nie zuvor dagewesenen Geschwindigkeit. Die Städte dehnten sich aus und wuchsen zulasten von billigen Arbeitskräften, unbezahlt und schlecht bezahlt. Das Land geriet in Vergessenheit. Die ländlichen Gemeinschaften und die bäuerlichen Lebensweisen wurden unter den Teppich gekehrt durch eine neue Ideologie, die alle Menschen zu reinen Konsument:innen von Waren machen wollte und zu Objekten der Ausbeutung zum Zweck des Profits. Die Kultur und das populare Bewusstsein standen unter dem Bann der Hochglanzwerbungen, die die Menschen zum "mehr kaufen!" antrieben. Dabei waren die Produzent:innen (die arbeitende Klasse in den ländlichen Regionen, an den Küsten und in den Städten, wozu die campesinxs 1 und andere kleine Lebensmittelproduzent:innen gehörten) unsichtbar, während diejenigen, die sich den Konsum leisten konnten, eine zentrale Rolle einnahmen. An ihre Grenze gebracht, erkannten die ländlichen Arbeiter:innen und die indigenen Gemeinschaften der ganzen Welt die dringende Notwendigkeit einer organisierten und internationalistischen Antwort auf diese Ideologie der Globalisierung und des freien Marktes, die von den Verteidiger:innen der kapitalistischen Weltordnung propagiert wurde. Die Ernährungssouveränität wurde zu einem der Ausdrücke dieser kollektiven Antwort. La Vía Campesina prägte den Begriff beim Welternährungsgipfel von 1996 in einer Diskussion über die Art der Organisation unserer weltweiten Ernährungssysteme, um hervorzuheben, wie zentral die kleinen Lebensmittelproduzent:innen, das seit Generationen angesammelte Wissen, dieAutonomie und Diversität der ländlichen und städtischen Gemeinschaften und die Solidarität unter den Völkern sind als wesentliche Komponenten für die Ausarbeitung von politischen Strategien rund um Ernährung und Landwirtschaft. Im folgenden Jahrzehnt arbeiteten die sozialen Bewegungen und zivilgesellschaftlichen Akteure zusammen, um das Konzept weiter auszuarbeiten als "das Recht der Völker auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt, und ihr Recht, ihre eigenen Ernährungs- und Landwirtschaftsysteme zu bestimmen. Sie stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme und -politiken statt die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne." Die Einführung der Ernährungssouveränität als kollektives Recht veränderte das Verständnis von Armut und Hunger in der Welt Bis zu jenem Zeitpunkt beherrschte vor allem in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts eine beschränkte Idee von "Ernährungssicherheit" die Regierungskreise und Politikgestaltung. Edel in seiner Absicht behandelte die Ernährungssicherheit die von Hunger Betroffenen als Objekte des Mitleids und lief Gefahr, sie auf passive Konsument:innen von andernorts produzierten Lebensmitteln zu reduzieren. Auch wenn sie Ernährung als ein grundlegendes Menschenrecht anerkannte, verteidigte sie nicht die objektiven Bedingungen der Produktion von Lebensmitteln. Wer produziert? Für wen? Wie? Wo? Und warum? All diese Fragen waren nicht präsent und der Fokus lag ausdrücklich darauf, einfach "die Menschen zu ernähren". Ein klarer Schwerpunkt auf die Ernährungssicherheit der Menschen ignorierte die gefährlichen Folgen der industriellen Lebensmittelproduktion und der industriellen Landwirtschaft, die mit dem Schweiß und der Arbeit von migrantischen Arbeiter:innen aufgebaut wurden. Die Ernährungssouveränität stellt dagegen eine radikale Reform dar. Sie anerkennt die Menschen und lokalen Gemeinschaften als zentrale Akteure im Kampf gegen die Armut und den Hunger. Sie fordert starke lokale Gemeinschaften und verteidigt ihr Recht auf Produktion und Verbrauch vor der Vermarktung des Überschusses. Sie verlangt Autonomie und objektive Bedingungen für die Nutzung der lokalen Ressourcen, sie fordert die Agrarreform und das kollektive Eigentum der Territorien ein. Sie verteidigt das Recht der bäuerlichen Gemeinschaften, Saatgut zu nutzen, zu sichern und zu tauschen. Sie verteidigt das Recht der Menschen auf gesunde und nahrhafte Lebensmittel. Sie fördert die agroökologischen Produktionszyklen und berücksichtigt die klimatischen und kulturellen Verschiedenheiten jeder Gemeinschaft. Der soziale Frieden, die soziale Gerechtigkeit, die Geschlechtergerechtigkeit und die Solidarischen Ökonomien sind essenzielle Voraussetzungen, um die Ernährungssouveränität in die Realität umzusetzen. Sie verlangt eine internationale Handelsordnung, die auf Zusammenarbeit und Anteilnahme basiert, statt auf Konkurrenz und Zwang. Sie fordert eine Gesellschaft, die Diskriminierung in all ihren Formen (aufgrund von Kaste, Klasse, Rasse und Geschlecht) ablehnt und hält die Menschen dazu an, gegen das Patriarchat und die Engstirnigkeit zu kämpfen. Ein Baum ist so stark wie seine Wurzeln. Die Ernährungssouveränität, ausgearbeitet von den sozialen Bewegungen der 1990er Jahre und anschließend im Nyéléni Forum 2007 in Mali, beabsichtigt genau das. Dieses Jahr feiern wir das 25-jährige Bestehen dieses kollektiven Werkes Die Welt ist alles andere als perfekt. Selbst angesichts einer beispiellosen Ungleichheit und dem Anstieg von Hunger und extremer Armut, beherrschen der Kapitalismus und die Ideologie des freien Marktes nach wie vor die politischen Kreise. Schlimmer noch, es werden neue Versuche unternommen, sich eine digitale Zukunft vorzustellen: Landwirtschaft ohne Landwirt:innen, Fischerei ohne Fischer:innen – alles unter dem Vorzeichen der Digitalisierung der Landwirtschaft und um neue Märkte für synthetische Lebensmittel zu schaffen. All diesen Herausforderungen zum Trotz hat die Bewegung für Ernährungssouveränität, die mittlerweile weit mehr umfasst als La Vía Campesina und sich aus verschiedenen Sektoren zusammensetzt, bedeutende Fortschritte erreicht. Dank unserer gemeinsamen Kämpfe haben die Institutionen der Weltordnungspolitik, wie die FAO2, die Wichtigkeit der Ernährungssouveränität der Völker bei der internationalen Politikgestaltung inzwischen erkannt. Die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte von Kleinbäuer:innen und anderen Personen, die in ländlichen Regionen arbeiten, legt darauf in Artikel 15 Absatz 4 Nachdruck, wenn sie festsetzt: "Kleinbäuer:innen und andere in ländlichen Regionen arbeitende Menschen haben das Recht, ihre eigenen Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme zu bestimmen, was von vielen Staaten und Regionen als das Recht auf Ernährungssouveränität anerkannt wird. Dazu gehören das Recht auf Mitwirkung an Entscheidungsprozessen in der Ernährungs- und Agrarpolitik und das Recht auf gesunde und angemessene Nahrung, die mit Hilfe umweltschonender und nachhaltiger Methoden unter Achtung ihrer Kulturen erzeugt wird." Einige Staaten haben die Ernährungssouveränität auch verfassungsrechtlich anerkannt. Die von der Covid-19-Pandemie verursachten Unterbrechungen in den industriellen Nahrungsmittelketten haben die nationalen Regierungen noch mehr an die Wichtigkeit erinnert, stabile lokale Ökonomien zu schaffen. Die Kleinbäuerliche Agrarökologie, wesentlich für die Garantie von Ernährungssouveränität in unseren Territorien, wird jetzt von der FAO als Grundlage für unseren Kampf gegen die globale Erwärmung angesehen. Die aktuellen und ehemaligen Sonderberichterstatter:innen der Vereinten Nationen haben die Ernährungssouveränität als einfache, aber wirkungsmächtige Idee unterstützt, die das weltweite Ernährungssystem transformieren kann, indem sie die kleinen Nahrungsmittelproduzent:innen fördert. Die von den sozialen Bewegungen getragene Kampagne hat außerdem zu zahlreichen juristischen Siegen gegen die Konzerne geführt, die Pestizide sowie chemisches und gentechnisch verändertes Saatgut herstellen.

Vor uns liegt dennoch ein Weg mit vielen Hindernissen. Die Verteidiger:innen der kapitalistischen Weltordnung realisieren, dass die Ernährungssouveränität eine Idee darstellt, die ihren finanziellen Interessen entgegensteht. Sie bevorzugen eine Welt der Monokulturen und Einheitsgeschmäcker, wo Lebensmittel in Massen produziert werden können, und sie billige Arbeitskräfte in entfernten Fabriken benutzen, ohne Rücksicht auf die ökologischen, menschlichen und sozialen Folgen. Sie ziehen Kostenersparnis stabilen lokalen Ökonomien vor. Sie entscheiden sich für einen globalen freien Markt (der auf Spekulation und scharfem Wettbewerb basiert) anstelle von solidarischen Wirtschaftsformen, die solidere territoriale Märkte (lokale bäuerliche Märkte) und die aktive Partizipation von lokalen Lebensmittelproduzent:innen erfordern. Sie favorisieren den Besitz von "Banken für Boden" (bancos de tierra), wo der Vertragsanbau in industriellem Maßstab die kleinen Produzent:innen ersetzt. Sie spritzen Pestizide in unsere Erde, um kurzfristig höhere Erträge zu erzielen, und ignorieren dabei den irreversiblen Schaden an der Gesundheit des Bodens. Ihre Schleppnetze werden erneut den Grund der Ozeane und Flüsse abkämmen, um Fische für einen globalen Markt zu fangen, während die Küstengemeinschaften vor Hunger sterben. Sie werden weiterhin versuchen, das Saatgut der indigenen Kleinbäuer:innen durch Patente und Saatgutverträge an sich zu reißen. Die Handelsabkommen, die sie ausarbeiten, werden weiterhin darauf abzielen, die Zölle zu senken, die unsere lokalen Ökonomien schützen. Zu ihrem Bestreben, regelmäßig über billige Arbeitskräfte zu verfügen, passt es perfekt, wenn arbeitslose junge Menschen abwandern und ihre Höfe und Dörfer für die Lohnarbeit in den Städten verlassen. Ihre unerbittliche Fokussierung auf die "Gewinnmargen" bedeutet, dass sie jedes Mittel nutzen werden, um in den landwirtschaftlichen Betrieben die Preise zu drücken, während sie in den Supermärkten des Einzelhandels die höchsten Preise aushandeln. Am Ende sind es die Menschen, die Produzent:innen ebenso wie die Konsument:innen, die verlieren. Diejenigen, die sich wehren, werden kriminalisiert. Ein glückliches Miteinander der internationalen Finanzelite mit autoritären Regierungen wird bedeuten, dass auch die höchsten Institutionen auf nationaler und globaler Ebene, die dazu bestimmt sind, Menschenrechtsverletzungen zu kontrollieren und zu beenden, wegschauen werden. Die Milliardär:innen werden ihre philanthropischen Stiftungen nutzen, um Agenturen zu finanzieren, die "Forschungsberichte" und "wissenschaftliche Publikationen" produzieren, um diese Unternehmensvision von unseren Ernährungssystemen zu rechtfertigen. Alle Räume der Weltordnungspolitik, in denen die sozialen Bewegungen und die Mitglieder der Zivilgesellschaft sich für einen Platz am Verhandlungstisch eingesetzt haben, werden den Unternehmensgruppen Zutritt verschaffen, die als "Interessenvertreter:innen" auftreten werden. Es wird alles dafür getan werden, um diejenigen von uns, welche die Ernährungssouveränität verteidigen, als unwissenschaftlich, primitiv, unpraktikabel und idealistisch ins Lächerliche zu ziehen. All das wird geschehen, so wie es in den letzten zwei Jahrzehnten geschehen ist. Nichts davon ist neu für uns. Wir, die wir von einem grausamen und gefräßigen kapitalistischen System an die Außenränder unserer Gesellschaften verbannt wurden, haben keine andere Option als zu kämpfen. Wir müssen Widerstand leisten und zeigen, dass wir existieren. Nicht nur unser eigenes Überleben steht auf dem Spiel, sondern auch das der zukünftigen Generationen und einer Lebensweise, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Für die Zukunft unserer Menschheit verteidigen wir unsere Ernährungssouveränität. Das ist nur möglich, wenn wir darauf bestehen, dass jeder Vorschlag in Bezug auf Ernährung und Landwirtschaft seitens lokaler, nationaler oder globaler Politik auf den Grundsätzen der Ernährungssouveränität basieren muss wie sie die sozialen Bewegungen vertreten. Die jungen Kleinbäuer:innen und Arbeiter:innen der weltweiten Bewegung müssen diesen Kampf anführen. Wir sollten uns selbst daran erinnern, dass unsere Stimme nur gehört wird, wenn wir uns vereinen und neue Bündnisse aufbauen innerhalb und außerhalb jeder Grenze. Die ländlichen und städtischen sozialen Bewegungen, die Gewerkschaften und die Akteure der Zivilgesellschaft, die progressiven Regierungen, die Akademiker:innen, die Wissenschaftler:innen und die Technologie-Enthusiast:innen müssen sich zusammenschließen, um diese Vision unserer Zukunft zu verteidigen. Die kleinbäuerlichen Frauen und diversen Menschen müssen auf allen Ebenen einen gleichberechtigten Platz in den Leitungsgremien unserer Bewegung haben. Wir müssen die Samenkörner der Solidarität in unseren Gemeinschaften pflanzen und alle Formen von Diskriminierung in Angriff nehmen, die die ländlichen Gesellschaften spalten. Die Ernährungssouveränität bietet ein Manifest für die Zukunft, eine feministische Vision, die die Diversität umarmt. Es ist eine Idee, die die Menschheit eint und uns in den Dienst von Mutter Erde stellt, die uns ernährt und trägt. Zu ihrer Verteidigung sind wir vereint! Globalisieren wir den Kampf, globalisieren wir die Hoffnung! #NoHayFuturoSinSoberaníaAlimentaria

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