Verhandeln mit Jihadisten, um den Krieg zu beenden? Nein von Frankreich und USA, viele Malier dafür

Experten und Politiker sind der Meinung, mit den Jihadisten zu sprechen, sei der einzige Weg aus einem festgefahrenen Konflikt. Die Idee ist nicht neu, aber umstritten. Die Militärmission im Sahelstaat ist in Frankreich zunehmend unpopulär. Die jihadistischen Gruppen kontrollieren mehrere Provinzen und sind fast im ganzen Land präsent. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, die ihre Truppen in Mali gerade um die Hälfte reduziert, ist wütend, weil Malis Regierung damit kokettiert, russische Wagner-Söldner ins Land zu holen. Und die westafrikanische Regionalorganisation Ecowas droht mit neuen Sanktionen, falls in Mali nicht wie geplant im Februar Wahlen stattfinden. Vor diesem Hintergrund steht in Bamako seit längerem die Frage im Raum, ob man mit den Jihadisten, die offensichtlich militärisch kaum zu besiegen sind, verhandeln soll. Die einen sehen dies als einzigen Weg aus einer verfahrenen Situation. Für andere ist es der sichere Weg ins komplette Desaster.


Die rote Linie

Im Oktober hatte der malische Minister für religiöse Angelegenheiten, Mahamadou Koné, bekanntgegeben, er habe das höchste islamische Gremium im Land beauftragt, Gespräche einzuleiten mit der Jamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM). JNIM ist die 2017 gegründete Dachorganisation vier jihadistischer Gruppen, die zum Kaida-Netzwerk gehören. JNIM ist auch die mächtigste jihadistische Organisation in der Region. Sie kontrolliert vor allem ländliche Gebiete im nördlichen und zentralen Mali, ist aber weit darüber hinaus aktiv, unter anderem im benachbarten Burkina Faso.


Seit der Ankündigung des Ministers hat sich wenig bewegt. Malis Regierung ist zu sehr mit sich selber beschäftigt, als dass sie die Energie für ein umstrittenes Gesprächsprojekt hätte. Begraben ist die Idee aber nicht, und je länger sich der Konflikt in Mali hinzieht, desto mehr Anhänger gewinnt sie.


Die Idee vom Dialog mit den Jihadisten hat aber auch Gegner. Der entschlossenste sitzt in Paris. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte im November 2020: «Wir reden nicht mit Terroristen, wir bekämpfen sie.» Die Franzosen bezeichnen Verhandlungen mit den Jihadisten, die mehrere Dutzend ihrer Soldaten getötet haben, als rote Linie. Im Juni, kurz nachdem die Militärs von Mali zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres geputscht hatten, setzte Frankreich gemeinsame Militäroperationen mit der malischen Armee aus – aus Angst, die Junta könne Gespräche mit den Jihadisten lancieren.


Neben Frankreich lehnen auch die USA Gespräche mit JNIM strikt ab. Andrew Young, die Nummer zwei beim Afrika-Kommando der USA, sagte im Juni: «Es kann keine Verhandlungen geben mit jenen, die Zivilisten angreifen, die Kinder ermorden und die einer Weltsicht anhängen, die unvereinbar ist mit den Werten der Demokratie und der Toleranz.»


In Mali selber sträuben sich unter anderem Sufi-Geistliche und Menschenrechtler gegen Verhandlungen. Die Kleriker, weil sie ihre tolerante Variante des Islams für unvereinbar halten mit dem radikalkonservativen Islam der Jihadisten. Die Menschenrechtler, weil sie um den säkularen Charakter der malischen Verfassung und um die Rechte der Frauen fürchten.


Franzosen in der Sackgasse

Doch die Stimmen jener – etwa in der malischen Elite oder von Analysten –, die Verhandlungen für sinnvoll halten, werden lauter. Das hat vor allem mit Ratlosigkeit zu tun. Acht Jahre sind seit dem Einmarsch der Franzosen vergangen, und seither hat der Konflikt die Nachbarländer Burkina Faso und Niger erfasst und droht sich weiter Richtung Küste auszubreiten. Über 11 000 Zivilisten wurden seit Beginn der Krise 2012 getötet, mehr als die Hälfte von ihnen in den letzten drei Jahren.


Laut einer Umfrage von Anfang Jahr lehnt eine knappe Mehrheit der Franzosen den Einsatz im Sahel ab. In den letzten Monaten dürfte die Mission nicht beliebter geworden sein.

Der Analyst Ibrahim Yahaya Ibrahim vom Think-Tank International Crisis Group: «Die Franzosen mögen aus Prinzip gegen Gespräche sein. Aber sie realisieren auch, dass sie sich in einer Sackgasse befinden und es neue Werkzeuge braucht.» Ibrahim glaubt nicht, dass sich die französische Position vor der Präsidentschaftswahl im April 2022 verändern wird – aber allenfalls danach.


Was will JNIM?

Tatsächlich wären Gespräche zwischen den malischen Behörden und den Jihadisten gar nicht neu. Auf regionaler Ebene gab es in den letzten Jahren mehrfach Kontakte. Sie führten zu über vierzig Abkommen, die Atempausen schafften im Konflikt. Im März 2020 sprach sich der damalige malische Präsident Ibrahim Boubacar Keita für Gespräche mit den Jihadisten aus. JNIM antwortete kurz darauf in einem Statement, in dem die Gruppe sich ihrerseits zu Gesprächen bereit erklärte. Fünf Monate später wurde Keita weggeputscht – von denselben Militärs, die nun offenbar einen Dialog mit JNIM befürworten.


Auch im Nachbarland Burkina Faso, in dem der Konflikt über eine Million Menschen vertrieben hat, sind Gespräche mit den Jihadisten eine Option. Die Regierung ist zwar offiziell gegen Verhandlungen, 2020 soll es aber Gespräche von hochrangigen Regierungsvertretern mit JNIM gegeben haben. In der Folge ging die Zahl der Zusammenstösse zeitweilig stark zurück.



Am Montag reist der französische Präsident Emmanuel Macron nach Bamako, um sich mit dem malischen Übergangspräsidenten Assimi Goita zu treffen. Es wird viel zu besprechen geben. Vielleicht auch den möglichen Dialog, der so viel Zündstoff birgt.

Mali: Darf man mit den Jihadisten verhandeln? (nzz.ch)


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