Verhalten am Leitgedanken der Humanität ausrichten: Pflicht gegenüber anderen und sich selbst

Wer sein Verhalten am Leitgedanken der Humanität ausrichtet, wird die Verantwortung für andere genauso ernst nehmen wie die Verantwortung für sich selbst.

Dem Begriff der Humanität hat der deutsche Theologe, Philosoph und Literat Johann Gottfried Herder in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eine deutliche Kontur gegeben. Der von ihm gewählte Zugang ist noch heute attraktiv. Auf Charles Darwin vorausweisend, lässt er sich von der Einsicht leiten, dass der Mensch aus der Tierwelt herausgewachsen ist. Da er der erste «Freigelassene der Schöpfung» ist, muss er für seine Selbsterhaltung selbst tätig werden. Was ihm an Instinktausstattung fehlt, gleicht er durch Intelligenz aus. Freiheit und Vernunft sind seine doppelte Mitgift; die Sprache ist das Medium, das zum einen wie zum anderen den Zugang bahnt.



Herder vertraut darauf, dass im menschlichen Handeln die Anlage zum Guten den Hang zum Bösen überwiegt. Darin werden wir ihm heute nicht mehr einfach folgen können. Denn wir Heutigen sind dazu verpflichtet, geschichtliche Untaten zu erinnern, die sich niemals durch wohltätigere Herrschaftsformen kompensieren lassen. Die Untaten millionenfachen Mords in der jüngeren Geschichte vertragen keine andere Antwort als die erinnernde Solidarität mit den Opfern. Weil es keinerlei Ausgleich für diese Taten geben kann, müssen wir eine wie auch immer geartete Glaubenskraft entwickeln, für die Dietrich Bonhoeffer zu Weihnachten 1942 den Satz gewagt hat: «Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.»

Die Abgründe geschichtlicher Erfahrung, die sich in diesen Sätzen spiegeln, konnten Herder nicht vor Augen stehen; dennoch bleibt sein Blick auf die Bestimmung aktuell, vor der jeder Mensch wie die Menschheit im Ganzen steht. Herder bezeichnet diese Aufgabe als «Bildung zur Humanität». Diese Aufgabe steht für ihn in der Mitte zwischen einem Rückfall in die «Tierheit» und dem Streben nach einer noch ausstehenden Gottebenbildlichkeit. Unbeschadet der Vielfalt individueller Entfaltungsmöglichkeiten sind dabei alle Menschen in ihrer Gleichheit wahrzunehmen. Die Humanität schliesst Pflichten gegenüber anderen ebenso ein wie Pflichten gegenüber sich selbst.


Kulturelle Gemeinschaft

Diese Vorstellung von der gleichen Würde jedes Menschen in seiner Einmaligkeit überträgt Herder auf die Völker, die er insbesondere als Kulturvölker betrachtet. Den Begriff des Volks greift er deshalb auf, weil jede gemeinsam entwickelte und gelebte Kultur eines Trägers bedarf, den Herder im «Kulturvolk» findet. Die gemeinschaftliche Pflege einer Kultur im weitest denkbaren Sinn ist die gemeinsame Aufgabe derer, die diesem Volk angehören.

Der Missbrauch dieser Überlegungen in der Zeit des deutschen Radikalnationalismus zwischen 1890 und 1945 hat Herders Idee einer Bildung zur Humanität für Jahrzehnte verdunkelt und den Anschein erweckt, sie sei für eine Zeit kultureller Pluralität weder anschlussfähig noch hilfreich. Doch Herder verficht mit seiner Auffassung ein Konzept kultureller Pluralität, das er sowohl individuell als auch kollektiv verankert.Da die Einzelnen die Aufgabe der Bildung zur Humanität vor allem auf dem Weg der Selbstbildung zu erfüllen haben, ist die kulturelle Vielfalt dieses Vorgangs denkbar radikal gedacht. Und da derselbe Grundgedanke auf die Wechselbeziehungen zwischen kulturellen Gemeinschaften übertragen wird, bilden deren Gleichheit wie deren jeweilige kulturelle Individualität die verpflichtende Grundlage für das wechselseitige Verhältnis zwischen ihnen.

Die Aktualität dieser Überlegungen für unsere Zeit ist unverkennbar. Der Respekt vor der kulturellen Identität des anderen ist die unerlässliche Voraussetzung für wechselseitige Lernprozesse. Die Entwicklung gemeinsamer Überzeugungen ist nur noch auf dieser Grundlage vorstellbar. Die gemeinsame Beheimatung in einzelnen Staaten und internationalen Gemeinschaften bedarf des wechselseitigen Respekts für Verschiedenheit. Aktuelle Debatten wie diejenigen über koloniale Raubkunst können sehr gewinnen, wenn sie etwas vom Geist Herderscher Humanität in sich aufnehmen.


Konzentration auf die Menschenrechte

Kurz nach der Französischen Revolution erwägt Herder, ob er statt von Humanität auch von Menschenrechten sprechen könne. Doch als Bildungsziel müssen nach seiner Auffassung Menschenrechte und Menschenpflichten zusammen genannt werden: «Beide beziehen sich aufeinander, und für beide suchen wir ein Wort.» Und dieses eine Wort heisst: Humanität. Die Staatengemeinschaft hat zwar nach den Gewaltexzessen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Entscheidung getroffen, einen Kanon der weltweit verbindlichen Menschenrechte aufzustellen, ohne ihn durch einen gleichberechtigten Kanon menschlicher Pflichten zu ergänzen. Eine Symmetrie zwischen beidem wäre dem Verständnis einer freiheitlichen Gesellschaftsverfassung und Staatsordnung nicht gemäss. Denn sie wäre der Fehldeutung ausgesetzt, dass diejenigen, die gegen ihre Pflichten verstossen, damit ihre Rechte verlieren. Die Unantastbarkeit dieser Rechte aber war es gerade, was gegen den Missbrauch staatlicher Macht verteidigt und gesichert werden musste. Das gilt heute genauso wie bei der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948. Doch diese Konzentration auf die Menschenrechte bedeutet keineswegs, dass die Pflichten gegenüber sich selbst, seinen Mitmenschen und der Gesellschaft dadurch unwichtig werden.

Die Bildung zur Humanität hat Johann Gottfried Herder zum Leitgedanken menschlicher Entwicklung erhoben. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit erscheinen in einem besonders klaren Licht, wenn wir sie von diesem Leitgedanken aus betrachten.

https://www.nzz.ch/feuilleton/wolfgang-huber-humanitaet-schliesst-pflichten-gegenueber-anderen-ein-ld.1643115



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