US-Veteran: Vom Afghanistankrieg lernen oder ihn wiederholen! US Bomben töten weiter in 10 Ländern

Die US-Militärveteranen sind eine wichtige Kraft der Bewegung für die Beendigung der Kriege. Einer von ihnen ist der nicht mehr aktive Major Danny Sjursen. Seit vielen Jahren fordert er eine Ende der US-Kriege. Wegen des Afghanistan-Desasters wird seine Stimme jetzt mehr gehört. Hier seine aktuelle Stellungnahme und einige seiner aktuellen Videobeiträge. Die Opfer im globalen Süden haben kaum eine Chance, dass ihr Leid im globalen Norden gehört wird. Zu mächtig sind die Lobbygruppen, die am Krieg verdienen und seine Fortsetzung wollen. Sie können die Kriege auch nicht allein beenden, die der Westen gegen ihre Länder führt. Die US- und NATO-Politiker zerstören aber nicht nur andere Länder und töten dort viele Menschen. Sie zerstören auch viele US-Amerikaner:innen und Soldaten anderer NATO-Staaten, die sie zur Duchsetzung ihrer Interessen in diese Länder schicken. Dieses Soldaten sind nicht nur auf die Medienberichte und das Politikersprech über die Kriege angewiesen: Sie sehen direkt, was sich in den Ländern abspielt und was ihre Staaten dort anrichten. Verschaffen wir alle ihnen mehr Gehör und setzen wir so den vom Militärisch-Industriellen Komplex beeinflussten Medien etwas entgegen, um alle dazu beizutragen, dass das Gemetzel der NATO-Staaten in aller Welt beendet wird.


Die Gefahren des Vergessens: Aus dem Afghanistan-Krieg lernen oder ihn wiederholen!

von Major Danny Sjursen, USA (a.D.)Veröffentlicht amSeptember 02, 2021

Etwas mehr als zwei Monate vor dem Zusammenbruch des Militäreinsatzes in Kabul - zusammen mit weiteren amerikanischen Illusionen - veröffentlichte das Center for International Policy einen Bericht über Amerikas gescheitertes und vergebliches Afghanistan-Abenteuer. Dieser Krieg kostete den von mir befehligten Soldaten vier Leben und fünf Gliedmaßen. Zwei verbluteten, einer starb im Lazarett, ein anderer - mit einem Kieferschuss - erlag später einer Überdosis, und ein weiterer lebt als dreifach Amputierter. Der älteste war 28 Jahre alt - auf seiner dritten Tour -, der jüngste konnte nicht einmal legal ein Bier kaufen, als wir eingesetzt wurden, und kein einziger verdiente mehr als 40.000 Dollar im Jahr für seine Mühen. Alle drehten tapfer ihre Runden in einer Mission, die nicht erfüllt werden konnte, in einem Krieg, der nicht hätte weitergehen dürfen.

Der Titel des Berichts erzählt die Geschichte und verkündet seinen Zweck: "Ever Shifting Goal Posts: Lehren aus 20 Jahren Sicherheitsunterstützung in Afghanistan". Als ich das las, musste ich fast kotzen, noch bevor ich die Seiten aus dem Drucker geholt hatte. Vielleicht würde sich ein besserer Soldat nicht fragen, wozu das alles gut war, warum die Amerikaner zwei Jahrzehnte lang hoffnungslos töten und sterben mussten - und ob überhaupt jemand den Rückblick lesen würde.

In dem Bericht wurden nicht nur Löcher in einer gescheiterten Mission gestopft, sondern es wurde auch betont, wie wichtig es ist, sich an das Scheitern zu erinnern und daraus zu lernen, um zukünftige Fiaskos zu vermeiden.

Schon nach wenigen Seiten - und erst recht jetzt, nach der Machtübernahme durch die Taliban - kam mir dieser alptraumhafte Gedanke: Was wäre, wenn die Beendigung des längsten amerikanischen Krieges sich als Anomalie erweist und Kriege wie in Afghanistan - wenn auch abstrakter - von der Sahelzone bis zum Horn von Afrika, von Syrien bis zum Irak weitergehen? Und das sind nur die Höhepunkte des Geschehens. Der Wahnsinn schlängelt sich von Mali nach Mosambik und kehrt wie ein Bumerang zurück, wenn militarisierte Polizisten (unverhältnismäßig viele Veteranen) aus Amerikas Straßen überwachte Kriegsgebiete machen, wobei Baltimore zu Bagdad wird und Kansas City an Kandahar erinnert - zumindest für einen Ehemaligen aus beiden Ländern.

Die unbequeme und oft verschwiegene Wahrheit ist, dass selbst wenn alle Soldaten aus Afghanistan abziehen, das amerikanische Militär immer noch 5-10 Länder bombardiert, in 10-12 Ländern kämpft, in etwa 20 Ländern Streitkräfte "berät und unterstützt" und in etwa 80 Ländern Stützpunkte hat. Und das sind niedrige Schätzungen. Darüber hinaus ist der militärisch-industrielle Komplex immer noch sehr mächtig und erzielt mit amerikanischem Blut erkaufte Rekorderträge. Schließlich war die Afghanistan-Studiengruppe, die vom Kongress beauftragt wurde, über die Kriegsstrategie zu beraten, mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern von Kriegsgewinnlern besetzt. Es überrascht nicht, dass sie Washington die Fortsetzung des Krieges empfahlen.

Es ist Präsident Biden hoch anzurechnen, dass er zumindest in Afghanistan nicht in diese Falle getappt ist - und, was vielleicht vorhersehbar war, vom politischen Establishment und den Fachleuten in die Pfanne gehauen wurde. Doch auch nachdem der letzte (uniformierte) US-Soldat auf dem Flughafen von Kabul in ein Frachtflugzeug gestiegen ist, bleibt das System, das diese Kriege plant, verkauft und von ihnen profitiert und dann ihre brandstiftenden Architekten zu Beratern der Oberbefehlshaber ernennt, fest im Sattel. Es ist eine festgefahrene Machtstruktur, die für den Krieg geschaffen wurde, die Trägheit erzeugt und es schwierig machen wird, unsere anderen verworrenen Militäreinsätze zu beenden.

Nach dem Vietnamkrieg - an dem das US-Militär beinahe zerbrochen wäre - beschlossen sowohl das Pentagon als auch die politischen Entscheidungsträger, diese Tragödie bewusst zu vergessen. Die Generäle zogen es vor, sich fast ausschließlich auf die Art von Kriegen zu konzentrieren, die sie kannten - konventionelle Konflikte mit sowjetischen und chinesischen Streitkräften -, genauso wie die Nationale Verteidigungsstrategie 2018 die Prioritäten von der Terrorismusbekämpfung auf den "Wettbewerb der Großmächte" verlagerte. Doch anstatt seine militarisierte Haltung zu überdenken, blieb Washington die Garnisonshauptstadt eines Garnisonsstaates - in höchster Alarmbereitschaft für nicht zu gewinnende, potenziell nukleare Kriege.

Zwar wurden bis Afghanistan keine Feldzüge von der Größenordnung Vietnams geführt, doch das Militär hat nie aufgehört zu kämpfen - nur Umfang und Methoden haben sich (vorübergehend) geändert. In den 15 Jahren nach dem Fall von Saigon bombardierte oder kämpfte Amerika in: Kambodscha, Iran, El Salvador, Libyen, Libanon, Grenada, Panama und Irak. So ist es auch heute - nach Afghanistan werden die US-Truppen von Westafrika bis Zentralasien weiterhin in Gefahr sein.

Letztlich ist die Wahl zwischen konventionellen Kriegen und Aufstandsbekämpfung eine falsche Entscheidung. Die eigentliche Erkenntnis aus Vietnam und Afghanistan ist, dass Invasionen und Besetzungen selten funktionieren, nicht ethisch vertretbar sind und gar nicht erst versucht werden sollten.

Wenn es darum geht, Amerikas diverse Kriege zu beenden, sollte man nicht erwarten, dass die Rettung von oben kommt. Bürokratien wie das Pentagon - und seine politischen und kriegsindustriellen Hintermänner - sind so langsam wie riesige Ozeandampfer. Kehrtwendungen scheinen so schwierig zu sein, dass die "Unternehmer", die diese Institutionen leiten, es selten einmal versuchen. Die kriegspolitische Maschinerie erinnert an die Titanic - Washingtons gut gekleidete Eliten und akkurat uniformierte Generäle, die geradewegs in den nächsten Interventions-Eisberg fahren.

Dennoch ist der nächste Krieg nicht unvermeidlich (oder sollte es zumindest nicht sein). Dennoch kann nur eine kollektive Verpflichtung zum Lernen und die Weigerung, Amerikas Afghanistans zu vergessen, dem Schicksal künftiger Torheiten entgehen.

Danny Sjursen ist ein pensionierter Offizier der US-Armee, Direktor des Eisenhower Media Network (EMN), Senior Fellow am Center for International Policy (CIP), Redakteur bei Antiwar.com und Mitveranstalter des Podcasts "Fortress on a Hill". Seine Arbeiten sind unter anderem in der NY Times, LA Times, The Nation, The Hill, Salon, The American Conservative und Mother Jones erschienen. Er war als Soldat im Irak und in Afghanistan im Einsatz und lehrte Geschichte in West Point. Er ist der Autor von drei Büchern: Ghostriders of Baghdad: Soldiers, Civilians, and the Myth of the Surge, Patriotic Dissent: America in the Age of Endless War und zuletzt A True History of the United States. Folgen Sie ihm auf Twitter @SkepticalVet.

https://original.antiwar.com/Danny_Sjursen/2021/09/02/the-perils-of-forgetting-learn-from-the-afghan-war-or-repeat-it/

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