Uns wurde von russischen Bomben berichtet. Jetzt kommt raus, die USA hat auch oft Zivilisten getötet

Der amerikanische Luftkrieg in Syrien und Irak ist und war schmutziger als uns bisher berichtet wurde. Neue Enthüllungen zeigen nun: Die Zahl der toten Zivilisten dürfte weit höher sein als angenommen. «Wir haben gerade Bomben über unbewaffneten fünfzig Frauen und Kindern abgeworfen.» Einzelne Piloten sollen sich geweigert haben, ihre Bomben über Syrien abzuwerfen, weil das Einsatzkommando Talon Anvil fragwürdige Ziele in dicht besiedelten Gebieten angreifen wollte.

Und kaum jemand wird in den USA dafür zur Rechenschaft gezogen.


Es ist kein Geheimnis, dass die USA in ihren Kriegen in Afghanistan und im Nahen Osten zunehmend aus der Luft agierten, um gleichzeitig ihre Präsenz und ihre Verluste am Boden zu minimieren. Dies galt vor allem für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak, bei dem Washington die risikoreichen Gefechte im Gelände weitgehend kurdischen Milizen überliess.

Erst jetzt machen indes umfangreiche Recherchen und Enthüllungen der «New York Times» deutlich, welchen Preis die Zivilbevölkerung für die amerikanische Kriegsführung bezahlen musste.


Einzelne Piloten sollen sich geweigert haben, ihre Bomben über Syrien abzuwerfen, weil vom Einsatzkommando Talon Anvil fragwürdige Ziele in dicht besiedelten Gebieten angreifen wollte. Am 18. März 2019 attackierten Kampfjets – gefilmt von einer Überwachungsdrohne – eine Gruppe unbewaffneter Zivilisten im ostsyrischen Dorf Baghuz. Dorthin hatten sich die letzten IS-Kämpfer und ihre Familien zurückgezogen. In der amerikanischen Kommandozentrale in Katar sorgten die Bilder für ungläubiges Staunen. «Wer hat dies abgeworfen?», fragte ein Analyst in einem Chat. «Wir haben gerade über fünfzig Frauen und Kindern abgeworfen.»


Die Vertuschung ist offenbar kein Einzelfall, wie eine andere Recherche der amerikanischen Qualitätszeitung zeigt. Auf gerichtlichem Weg hat die «New York Times» vom Pentagon die Herausgabe von 1311 Gutachten zu möglichen zivilen Opfern bei einzelnen Luftangriffen in Syrien und im Irak zwischen 2014 und 2018 erstritten. Mit einer weiteren Klage soll auch die Aushändigung von über 1500 Gutachten zu Einsätzen in Afghanistan erreicht werden. Die Dokumente zeigten, dass viele Kinder getötet worden seien, schreibt die «Times»-Journalistin Azmat Khan. «Aber nicht eine einzige Akte stellt ein Fehlverhalten fest oder verlangt disziplinarische Massnahmen.» Um die Gutachten des Militärs zu analysieren, überprüfte die «New York Times» die Informationen in rund hundert Fällen vor Ort in Syrien und im Irak. Die Schilderungen der Menschen dort hätten oft in «starkem Kontrast» zu den Einschätzungen aus der Luft gestanden, schreibt Khan. Als Beispiel nennt sie etwa einen Angriff auf das nordsyrische Dorf Tokhar im Sommer 2016. Offiziell wurde der Tod von 85 bewaffneten Extremisten vermeldet. «Tatsächlich haben sie Häuser fernab der Front getroffen, wo Bauern und ihre Familien in der Nacht Zuflucht gesucht hatten. Über 120 Dorfbewohner wurden getötet.»

In einem anderen Fall erwies sich eine vermeintliche Bombenfabrik des IS später als ein Verarbeitungsbetrieb für Baumwolle. Schuld an den fehlerhaften Informationen ist oft ein Hang der Verantwortlichen dazu, im Voraus getroffene Annahmen bestätigt zu sehen – ein sogenannter «confirmation bias». Aufgrund mangelnder Transparenz und Straflosigkeit lerne das Militär jedoch selten aus den Fehlern, resümiert Khan. Die gleichen Informationspannen wiederholten sich immer aufs Neue.

Der Aufschrei in der amerikanischen Öffentlichkeit über die brisanten Enthüllungen hält sich derweil in Grenzen. Zivile Opfer in fremden Ländern sorgen für weniger Schlagzeilen als der Tod eigener Soldaten.

Der amerikanische Luftkrieg ist schmutziger als gedacht (msn.com)

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