Tschads Präsident tot: Wird der Westen Demokratie akzeptieren oder wieder militärisch intervenieren

Die Armee des Tschads ist eine Schlüsselkraft, die dem Westen bisher die Fußsoldaten liefert für seine Kriege in Westafrika - Spätestens der Tod es französischen trainierten Langzeit-Fallschirmjäger Präsidenten Debys bedroht jetzt den Einfluss Frankreichs und der USA in dem rohstoffreichen Gebiet: Aus der Bevölkerung, von der Opposition und bewaffneten Aktivisten kommt der Wunsch nach einer demokratischen Neugründung des Tschad. Und die bewaffneten Aktivisten sind stark und könnten schon in den nächsten Tagen die Hauptstadt einnehmen.


aus der NZZ: Die Fact war zur Präsidentenwahl am 11. April aus dem benachbarten Libyen in den Norden Tschads eingedrungen und binnen einer Woche bis kurz vor die Hauptstadt Ndjamena vorgeprescht. Das Ziel, das sich die 2016 gegründete, schwer bewaffnete Rebellenbewegung gesetzt hat: Débys Regierung zu destabilisieren. Auch nach dem Tod des Präsidenten plant die Gruppe, ihre Offensive fortzusetzen. Man lehne den neuen Militärrat «kategorisch» ab, machte der Fact-Sprecher Kingabé Ogouzeimi noch am Dienstag klar: «Tschad ist keine Monarchie. In unserem Land kann es keine dynastische Machtübergabe geben», sagte er in Anspielung auf die Einsetzung Mahamats.


Nach dem Tod wurde über den Sender erklärt: Die Regierung und die Nationalversammlung werden aufgelöst, Ausgangssperren verhängt, Grenzen geschlossen. Mahamat, der 37-jährige Sohn Débys, übernehme die Führung eines Militärrats, der eine Übergangsphase steuern soll. Viele Fragen indes blieben unbeantwortet: Wie genau wurde der Mann mit dem Spitznamen der «grosse Überlebende» getötet, und was hatte er an der Front eines Kampfes gegen Rebellen zu suchen?

Déby wurde zu einem der wichtigsten militärischen Verbündeten des Westens im Kampf gegen islamistische Extremistengruppen, darunter die im Tschadseebecken aktive Boko Haram und Gruppen mit Verbindungen zur Kaida und zum Islamischen Staat in der Sahelzone.

Die Zukunft solcher militärischen Einsätze wird mit Idriss Débys Tod ungewiss – besonders deshalb, weil das eingeführte militärische Interimsgremium Tschads Verfassung widerspricht und somit legitimen internationalen Beziehungen im Wege steht. Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Versprechen der Übergangsregierung auf «freie und demokratische» Wahlen in eineinhalb Jahren nicht eingelöst wird. Die offenen Fragen über die Zukunft klingen denn auch in den Würdigungen nach, insbesondere in jenen aus Frankreich: Man habe «einen mutigen Freund verloren», teilte der Elysée-Palast in einer Erklärung mit und betonte die Bedeutung eines «friedlichen Übergangs». Der französische Aussenminister Jean-Yves Le Drian forderte eine militärische Übergangszeit von «begrenzter Dauer», die zu einer «zivilen und inklusiven Regierung» führen müsse. https://www.nzz.ch/international/tschads-praesident-idriss-deby-ist-tot-ld.1613141


Der Standard aus Österreich: Mahamat Adamou ist dieser Tage ein gefragter Mann. Der tschadische Journalist hat jahrelang im Ausland gearbeitet. Nun fragen von dort alle bei ihm in N'Djamena nach, was nach dem Tod des Präsidenten in seinem Land passiert. Auch DER STANDARD erreichte ihn nach mehreren Versuchen am Telefon.




"Adamou: Sie sind sehr, sehr stark, es sind vermutlich mehrere Tausend. Sie waren in Südlibyen und haben im dortigen Bürgerkrieg viele hochentwickelte Waffen und Finanzspritzen bekommen, sie sind also gut ausgerüstet.

STANDARD: Was wollen sie konkret?

Adamou: Ursprünglich forderten sie die Abdankung Débys und an seiner statt eine Übergangsregierung, in der die Opposition und sie selbst vertreten sind, die dann Neuwahlen vorbereitet. Nun lehnen sie natürlich ab, dass Débys Sohn neuer Präsident ist, weil das der Verfassung widerspricht, genauso wie die Oppositionsparteien. Genauso die Übergangsregierung, die von Déby ernannt wird und ihm dann unterstellt ist. Sie sprechen von einem Putsch, denn laut Verfassung übernimmt im Falle des Ablebens des Staatsoberhaupts der Präsident der Nationalversammlung die Führung des Landes.

STANDARD: Déby war vor allem für Frankreich und die USA ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Terrorismus in der Region. Wie geht es hier nun mit seinem Sohn weiter?

Adamou: Dazu kann man jetzt noch nicht viel sagen. Bevor das eine Rolle spielt, muss er andere Probleme lösen. Da sind vor allem die Rebellen, dann die Kritik von Opposition und Zivilbevölkerung an seiner Machtübernahme. Und auch innerhalb des Militärs muss er aufpassen. Einige Generäle, und damit ein nicht so kleiner Teil des Militärs, sind ebenfalls dagegen, dass er entgegen der Verfassung Präsident geworden ist, weil er dazu keine Legitimation besitzt. Die Position des neuen Präsidenten ist also sehr, sehr schwach.

STANDARD: Was wäre das beste Szenario für den Tschad?

Adamou: Alle Parteien – also Militär, Rebellen, Zivilbevölkerung und Opposition – setzen sich an einen Tisch und einigen sich auf eine Übergangsregierung, in der alle vertreten sind. Die bereitet mithilfe ausländischer Organisationen faire Neuwahlen vor. Das ist der einzig richtige Weg, um all die Probleme im Land zu lösen.

STANDARD: Und was wäre das schlimmste Szenario für den Tschad?

Adamou: Die Rebellen marschieren in N’Djamena ein, und Frankreich interveniert militärisch. Die Folge: Chaos. Krieg."

https://www.derstandard.at/story/2000126068310/tschad-die-rebellen-sind-sehr-sehr-stark





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