Terrorismus überwinden mit Waffen? Menschen mehr bieten als die, die auf antiwestliche Gewalt setzen

Der größte Fehler der amerikanischen Afghanistan-Politik sei der Ausschluss der Taliban von Gesprächen gewesen, räumte der ehemalige US-Präsidentenberater David Kilcullen jüngst in einem Webinar ein. In Afrikas Hochburgen der Extremisten gab es solche Gespräche bislang erst gar nicht.

Terrorismus überwinden mit Waffen? Menschen mehr bieten als die, die auf antiwestliche Gewalt setzen, nur so kann es gelingen, aber das wollen die heute im Westen dominierenden politischen Strömungen nicht. Sie profitieren von den Ungerechtigkeiten, die sie den Ländern antun und Menschen bewegen, auf Gewalt zu setzen. Und sie müssen für die Kriege nicht zahlen und in ihnen sterben, sondern ihre Unternehmen verdienen sehr gut an ihnen. Nur wenn wir als westliche Bürger:innen, die Frieden wollen, politische Mehrheiten für gerechte Beziehungen zu den anderen Staaten schaffen, haben wir eine Chance, Terrorismus den Boden zu entziehen. Packen wir es an.

Die Ereignisse in Afghanistan stärkten vor allem das Selbstbewusstsein der afrikanischen Islamisten, ist der Direktor des "Westafrikanischen Zentrums für Counter-Extremismus", Mutaru Mumuni Muqthar, überzeugt: "Sie sehen sich in ihren Umtrieben legitimiert". Schon seit längerer Zeit üben die Extremisten in einzelnen Regionen des Kontinents – wie im nordostnigerianischen Bundestaat Borno oder im ländlichen Somalia – die Regierungsgewalt aus: Sie leisten Dienste, die von den kollabierenden Staaten nicht mehr gewährleistet wurden. Doch den Terror könne man nur dadurch bekämpfen, dass man der Bevölkerung eine bessere Alternative zum Leben unter den Extremisten biete, meint der südafrikanische Sicherheitsexperte Ryan Cummings: "Mit Waffen geht das nicht." Die Bilder aus Kabul von der von Menschen erklommenen rollenden Herkules-Maschine wurden in Mali besonders aufmerksam verfolgt, heißt es. Wie die US-Regierung jetzt ihre afghanischen Verbündeten im Stich gelassen habe, werde sich auch Frankreich irgendwann in Mali aus dem Staub machen, meint der malische Anwalt Cheick Oumar Konaré: "Und wir bleiben mit dem terroristischen Wüterichen allein zurück." Der größte Fehler der amerikanischen Afghanistan-Politik sei der Ausschluss der Taliban von Gesprächen gewesen, räumte der ehemalige US-Präsidentenberater David Kilcullen jüngst in einem Webinar ein. In Afrikas Hochburgen der Extremisten gab es solche Gespräche bislang erst gar nicht. (Johannes Dieterich, 22.8.2021)

https://www.derstandard.at/story/2000129071398/wie-der-sieg-der-taliban-im-fernen-kabul-afrikas-extremisten




Hintergrund: Die Taliban hatten nichts mit dem Angriff auf die Twin-Towers zu tun. Sie waren bereit, über die Auslieferung Bin Ladens und Al Kaida zu verhandeln, wenn die USA belastbare Beweise vorgelegt hätten. Al Kaida war mit Hilfe der USA nach Afghanistan gebracht worden in ihrem Ringen mit der Sowjetunion.

Kräfte in den USA aber wollten keine friedliche Lösung des Al Kaida-Problems und griffen Afghanistan an, mit Unterstützung v.a. der Regierungen Großbritanniens und Deutschlands. Sie sahen den Krieg als Einstieg in Kriege in den anderen rohstoffreichen Ländern der Region, wie Irak. Sie wollten das Gefühl der Bedrohung in der US-Bevölkerung durch den Angriff auf die Twin-Towers nutzen, um ihre militärische Übermacht wieder zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen einsetzen zu können. Nach der Niederlage und den vielen toten US-Soldaten in Vietnam hatten weitere Kriege in der US-Bevölkerung keine Mehrheit mehr gehabt. Die US-Regierung wollte nun das Momentum nutzen, wieder Angriffskriege führen zu können. Dieser Krieg gegen den Terror hat Billionen gekostet, die für den Aufbau einer friedlichen Welt hätten eingesetzt werden können. Er hat Staaten zerstört, Millionen getötet, verwundet, traumatisiert oder zu Flüchtlingen gemacht. Und er hat immer mehr Menschen in den angegriffenen Ländern zu der Überzeugung gebracht, sich nur mit Gewalt gegen die westlichen Angriffe wehren zu können. Wenn man das offiziell vorgebrachte Ziel dieses Krieges nimmt: Sieg über den Terrorismus, muss man feststellen, er hat genau das Gegenteil erreicht und den Terrorismus gestärkt. Und plötzlich ändert sich auch die offizielle Sprachregelung: Die Taliban (die bisher auch als Terroristen hingestellt worden waren) sollen dafür sorgen, dass Terroristen in Afghanistan keinen Platz mehr haben.


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