Späte US-Einsicht in Afghanistan: Nicht wir, nur die Afghanen selbst können ihre Zukunft gestalten

Werden die USA und die NATO sich jetzt aus allen Weltgegenden und Kriegsschauplätzen zurückziehen, nachdem klar geworden ist, dass äußere Interventionen, Demokratisierung nicht fördern, sondern erschweren? Wenn es ihnen wirklich um die behaupteten Ziele ginge, müssten sie es tun.



Nachdem die Intervention für sie selbst zu verlustreich wurde, haben die USA und die NATO ihren Rückzug erklärt. Ihre afghanischen Verbündeten werden einen hohen Preis für ihre Kooperation mit den Westmächten bezahlen. Jetzt kommen die USA zu der (durch ihre Niederlage erzwungenen) Einsicht, die sie schon bei Immanuel Kant hätten nachlesen können: In jedem Land müssen sich die Menschen selbst ihre Zukunft erringen. Und er bestritt den ausländischen Unterstützern in "Zum ewigen Frieden" schon damals die als Begründung der Invasionen vorgebrachten idealistischen Ziele und verwies darauf, dass diese Staaten ihre Eigeninteressen haben. Wer wirklich den Menschen in anderen Ländern helfen wolle, könne das am besten durch das eigene Vorbild, eine für die Menschen gute Gestaltung des eigenen Landes, von dem die anderen Länder lernen könnten.


Der US-Geheimdienst laut Berichten der "Washington Post" mit dem baldigen Fall der Hauptstadt Kabul an die Radikalislamisten rechnet. Der Zusammenbruch könnte in 30 bis 90 Tagen erfolgen, berichtete die "Washington Post" am Dienstag unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den US-Geheimdiensten.

Die Afghanen müssten nun "selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen", erklärte US-Präsident Biden.

Wie tief die Ernüchterung sitzt, hat Dick Durbin, ein altgedienter Senator aus Illinois, ohne Umschweife auf den Punkt gebracht. Als er vor 20 Jahren für die Truppenentsendung stimmte, sagte er während einer Debatte in der kleineren der beiden Parlamentskammern, habe er sich nicht träumen lassen, dass man 2021 noch immer militärisch in Afghanistan präsent sei. Amerika, zog er in bitterer Prosa Bilanz, habe dieselbe Lektion gelernt wie zuvor die Briten und die Russen: die Lektion des Scheiterns fremder Mächte.

Als er vor 20 Jahren für die Truppenentsendung stimmte, sagte er während einer Debatte in der kleineren der beiden Parlamentskammern, habe er sich nicht träumen lassen, dass man 2021 noch immer militärisch in Afghanistan präsent sei. Amerika, zog er in bitterer Prosa Bilanz, habe dieselbe Lektion gelernt wie zuvor die Briten und die Russen: die Lektion des Scheiterns fremder Mächte.

"Es kommt eine Zeit, in der wir uns eingestehen müssen, dass wir keinen Amerikaner mehr bitten dürfen, zu sterben in dem nutzlosen Versuch, Afghanistan in eine moderne Nation zu verwandeln." Eine Modernisierung, so Durbin, habe nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn das afghanische Volk selbst sie anstrebe. Im Übrigen, so der Demokrat, habe Biden mit dem Rückzugsbefehl nur wahrgemacht, was schon sein Vorgänger Donald Trump, ein Republikaner, anstrebte.

Während Durbin stellvertretend für jene breite Koalition der Interventionsskeptiker steht, in der sich Anhänger Bidens ausnahmsweise mit denen Trumps verbünden.

https://www.derstandard.at/story/2000128831673/us-praesident-biden-will-nichts-wie-raus-aus-afghanistan

Unsere Einordnung:

Vor allem Gesellschaften wie Afghanistan, die nie einen starken Zentralstaat hatten, sondern durch starke lokale Strukturen gekennzeichnet sind, sind militärisch von Außen nicht zu bezwingen. Gestützt auf moderne Intellektuelle konnte das die UdSSR nicht erreichen. Der Versuch der NATO gestützt auf einige Ethnien mit Gewalt die Mehrheitsethnie der Pashtunen unterwerfen zu wollen, ist auch schief gegangen. Diese Strategien haben nur viel Leid, Tod und Zerstörung gebracht und haben die Spaltungen in Land verschärft, die sich noch viele Jahre entladen werden und viel Leid und Tod bringen werden.

Das ist in anderen Ländern, in denen die westlichen Staaten ihren "Krieg gegen den Terrorismus" führen - wie in Westafrika - nicht anders. Beobachter erwarten dort das nächste Afghanistan, diesmal nicht als Desaster für die Sowjetunion oder die USA, sondern für Frankreich und Europa.

Es ist immer die gleiche Masche der ausländischen Macht: Man gibt einer Elite oder einigen der um Macht rivalisierenden Ethnien durch Unterstützung den Glauben, dass sich sich im Land mit Hilfe von Außen durchsetzen werden gegen ihre innerstaatlichen Konkurrenten. Wenn das nicht mehr funktioniert, weil der Wiederstand - wie in Afghanistan - auch für die Unterstützer zu verlustreich wird, werden die die Unterstützten fallengelassen. Sie werden jetzt bitter bestraft. Das Land steht vor den gleichen inneren Konflikten, wie vor der Invasion, nur sind die Gräben noch viel tiefer durch die vielen Opfer auf beiden Seiten. Bei der Nationalstaatsbildung ist das Land um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Werden die Westmächte aber nach der Erfahrung in Afghanistan, dass sie den Menschen keine Zukunft von Außen schaffen können, ihre Auslandseinsätze oder klarer gesagt völkerrechtswidrigen Angriffskriege beenden? Wenn es Ihnen wirklich um die Menschen ginge, müssten sie es tun. Welche Rolle spielen aber die Eigen-Interessen der intervenierenden Mächte: Die Beherrschung von Rohstoffen und Märkten, wichtiger militärstrategischer Plätzen, die Verhinderung des Aufbaus von unabhängigen Staaten, die nicht mehr auf die Bedürfnisse der ehemaligen Kolonialmächte ausgerichtet sind, sondern auf die ihrer eigenen Menschen, die Verhinderung von Bündnissen ehemaliger Kolonien zur Durchsetzung ihrer Interessen (wie sie etwa Gaddafi anstrebte), die für die Vermögenden in den reichen Ländern profitträchtige Eingliederung der Länder in die kapitaldominierte Weltwirtschaft.

Wolfgang Lieberknecht


Bericht aus der NZZ, der unsere Analyse stützt:

Machtgier und Korruption der politischen Elite erklären, warum die Taliban in Afghanistan so schnell vorrücken

Der Westen hat Milliarden in den Aufbau und das Training der afghanischen Sicherheitskräfte investiert, doch diese sind schlecht ausgerüstet, hungrig und demoralisiert.

Die vom Westen unterstützte politische Elite des Landes hat völlig versagt, sowohl die Regierungsvertreter als auch die Opposition und die starken Männer in den Provinzen. Sie alle haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten einzig darum gekümmert, die eigene Macht auszubauen oder sich zu bereichern. Wegen der weitverbreiteten Korruption und Misswirtschaft blieben die staatlichen Strukturen schwach – und zwar nicht nur das Parlament und die Gerichte, sondern eben auch die Sicherheitskräfte. Die afghanischen Polizisten und Soldaten sind schlecht ausgerüstet, hungrig und demoralisiert. Dass sie vielerorts keinen Widerstand gegen die zahlenmässig stärkeren und sehr viel besser bewaffneten Aufständischen mehr leisten, ist verständlich. Noch haben die Taliban nicht die vollständige Kontrolle im Land übernommen. Kabul und andere wichtige Grossstädte dürften nicht so leicht zu erobern sein. Mit parallelen Grossangriffen im Süden, Westen und Norden könnten die Islamisten ihre Kräfte auch überstrapazieren. Schockierende Berichte in den sozialen Netzwerken über Strafaktionen in eroberten Gebieten machen zudem klar, dass sich die Taliban nicht wie behauptet gemässigt haben. Das könnte neuen Widerstand mobilisieren. Die einflussreichen Regionalfürsten mit ihren Milizen im Norden haben am meisten zu verlieren und dürften sich kaum kampflos geschlagen geben. Einige der alten Warlords könnten allerdings auch Absprachen mit den Taliban machen, um ihre politische Zukunft zu sichern. Vor dem Truppenabzug hätten die westlichen Verbündeten die Taliban wohl noch zu einer politischen Vereinbarung zwingen können. Heute sind diese schlicht zu stark, als dass sie noch Kompromisse machen würden. Die Perspektiven für das Land sind düster und liegen irgendwo zwischen einem neuen Taliban-Regime und einem längeren blutigen Bürgerkrieg, während dem die Regierung höchstens noch einen Flickenteppich von Enklaven halten kann. Hunderttausende von Afghaninnen und Afghanen sind allein seit Anfang Jahr vertrieben worden. Wer kann, versucht auf legalem oder illegalem Weg aus dem Land zu kommen. Nicht nur die Nachbarländer werden das spüren, sondern auch wir in Europa. Bereits heute stellen die Afghanen hinter den Syrern die grösste Gruppe von Asylsuchenden in Europa dar. In den kommenden Monaten wird der Druck an den Aussengrenzen wieder stark zunehmen, und Rückführungen ins Kriegsgebiet werden gleichzeitig nicht mehr möglich sein.

https://www.nzz.ch/meinung/afghanistan-der-vormarsch-der-taliban-zeigt-duestere-perspektiven-ld.1639677

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