Russland kommt zurück nach Afrika, verdrängt Frankreich schon in der Zentralafrikanischen Republik

Der französischen Präsidenten Emmanuel Macron legte die Militär- und Finanzhilfe für das Regime in Bangui auf Eis. Der historische Schritt – immerhin galt das Land lange als eine Art «Hinterhof» Frankreichs – wurde mitunter damit begründet, in Zentralafrika laufe eine antifranzösische Desinformationskampagne.



Auszüge aus der NZZ: «Russland kommt zurück nach Afrika»: wie Moskau einen Krisenstaat zum Laboratorium für seine neuen Ambitionen auf dem Kontinent macht

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hatte Russland auf dem Kontinent während Jahren eine untergeordnete Rolle gespielt. Frühere Verbündete waren abgesetzt worden oder hatten sich nach Alternativen umgeschaut. Lange interessierte sich der Kreml kaum für Afrika. In den letzten Jahren änderte sich das. Moskau intensivierte seine politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu zahlreichen afrikanischen Ländern. 2019 richtete der Kremlchef Putin ein russisch-afrikanisches Gipfeltreffen aus, an dem 43 afrikanische Staats- und Regierungschefs teilnahmen.


Nirgends aber ist der russische Einfluss auf dem Kontinent so schnell gewachsen wie in der Republik Zentralafrika. Ihren Anfang nahm die vertiefte Kooperation zwischen Moskau und Bangui im Jahr 2017, als Russland erstmals Waffen in das kriegsgebeutelte Land lieferte: Kalaschnikows, Pistolen, Boden-Luft-Raketen. Seither hat Moskau seine Präsenz schrittweise erhöht: Im Jahr darauf wurden russische Militärberater nach Bangui entsandt, deren offizielles Ziel die Ausbildung lokaler Streitkräfte war.

Offiziell beschränkt sich die Tätigkeit der Wagner-Truppen auf die Ausbildung zentralafrikanischer Soldaten sowie auf die Sicherung der Aktivitäten russischer Unternehmer und den Schutz hochrangiger Politiker. Längst ist aber hinlänglich bekannt, dass sie mehrmals direkt an Kampfeinsätzen gegen Rebellengruppen beteiligt waren. Glaubt man den Berichten der Uno sowie verschiedenen internationalen Beobachtern und Journalisten, hat das auf bis zu 2000 Mann geschätzte Wagner-Kontingent solche Fronteinsätze seit den Wahlen im Dezember noch deutlich intensiviert.


Auch die wirtschaftlichen und politischen Bande zwischen Russland und Zentralafrika wurden in den letzten Jahren gestärkt: Verschiedene russische Unternehmen erhielten Lizenzen für den Abbau von Gold und Diamanten im Land. Präsident Faustin-Archange Touadéra, dem der Kreml jüngst immer wieder Waffengeschenke zukommen liess (im Mai etwa waren es 5000 Kalaschnikow-Gewehre), wird inzwischen von Russen bewacht. Sein wichtigster Berater für Sicherheitsfragen ist Waleri Sacharow, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Inlandgeheimdienstes FSB.

Der französischen Präsidenten Emmanuel Macron legte die Militär- und Finanzhilfe für das Regime in Bangui auf Eis. Der historische Schritt – immerhin galt das Land lange als eine Art «Hinterhof» Frankreichs – wurde mitunter damit begründet, in Zentralafrika laufe eine antifranzösische Desinformationskampagne.


«Russische Gladiatoren»

Der Kreml und russische Vertreter in Bangui wiesen die Anschuldigungen bisher entschieden zurück. Im Uno-Sicherheitsrat sprach Moskau von antirussischer Propaganda. Auch die zentralafrikanische Regierung sprach von falschen Anschuldigungen, versprach aber immerhin eine Untersuchung. Auf diese dürfte man indes lange warten: Der tödliche Überfall auf drei russische Journalisten, die 2018 über die Gruppe Wagner und ihre Geschäfte in Zentralafrika berichten wollten, bleibt bis heute unaufgeklärt.


Was aber ist Moskaus eigentliches Ziel in dem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört und seit Jahrzehnten in einer Konflikt-Endlosschlaufe gefangen zu sein scheint?

Wahrscheinlich ist, dass es zum einen um ökonomische Interessen geht: Zentralafrika ist reich an Gold- und Diamantenvorkommen, die teilweise bereits heute von russischen Firmen kontrolliert werden. Wichtiger noch dürfte indes der geopolitische Aspekt sein: «Russland kommt zurück nach Afrika», sagte Sacharow, der russische Sicherheitsberater des Präsidenten Touadéra, jüngst in einem CNN-Interview. Aus den Zeiten der Sowjetunion bestünden noch viele Verbindungen auf den Kontinent. Diese würden nun wieder aufgenommen.

«Zentralafrika ist ein Laboratorium für Moskau», schreibt der Politologe Léon Koungou. «Es markiert den Anfang einer neuen Ära.» Wie eine solche nach Vorstellung des Kremls genau aussehen könnte, bleibt unklar.

Klar hingegen ist, dass die Ambitionen Moskaus über ein Engagement in Zentralafrika hinausreichen. Russische Söldnertruppen sind heute bereits in mindestens einem halben Dutzend afrikanischer Länder aktiv, unter anderem im Sudan, in Moçambique und Libyen. In Madagaskar hat Russland laut BBC-Recherchen versucht, die Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen. Für Simbabwe und Guinea wird dasselbe vermutet.


Dass es Russland in Zentralafrika gelungen ist, innert weniger Jahre auf Kosten Frankreichs zur wichtigsten ausländischen Macht aufzusteigen, dürfte die Expansionslust des Kremls eher noch befeuern. «Wir wollen die Verbindungen zu Afrika in allen Bereichen vertiefen», hatte Putin am russisch-afrikanischen Gipfeltreffen vor zwei Jahren zu den Regierungschefs des Kontinents gesagt. «Das wird die Sicherheit für uns alle stärken.»


Russland ist Afrikas wichtigster Waffenlieferant

Waffen aus russischer Produktion sind in Afrika immer stärker gefragt. Laut der jüngsten Auswertung des Friedensforschungsinstituts Sipri stammten zwischen 2016 und 2020 rund 30 Prozent aller Waffen, die in die 49 Länder Subsahara-Afrikas exportiert wurden, aus Russland. Dahinter folgen China (20 Prozent), Frankreich (9,5 Prozent) und die USA (5,4 Prozent). Damit ist der Umfang russischer Waffenlieferungen gegenüber der vorangehenden 5-Jahres-Periode um 23 Prozent gestiegen. Auf globaler Ebene stammen 20 Prozent aller gehandelten Waffen aus Russland. Noch dominanter ist Russland als Waffenexporteur in Nordafrika. Das hängt vor allem mit Algerien und Ägypten zusammen. In beiden Ländern steht Russland auf der Liste der Waffenlieferanten auf Platz eins. In Algerien, das seine Militärausgaben in den letzten Jahren deutlich ausgebaut hat, stammen heute knapp 70 Prozent aller Waffenimporte aus Russland. Das entsprechende Volumen des Handels zwischen den beiden Staaten ist in den vergangenen fünf Jahren um rund 50 Prozent gestiegen. Noch stärker haben die russischen Waffenexporte nach Ägypten zugenommen. Sie haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als vervierfacht.

https://www.nzz.ch/international/russlands-ambitionen-in-afrika-experimentierfeld-zentralafrika-ld.1629681


Wir geben hier Auszüge wieder als Anhaltspunkte für weitere Recherchen: Haben die Russen nur Fuß fassen können, weil der Westen den Alten Autokraten mit Gewalt an die Macht bringen wollte und die deshalb Russlands Angebote angenommen haben? Im Artikel werden auch Menschenrechtsverletzungen durch russische Kräfte aufgeführt: Sie sie Propaganda, weil der Westen verloren hat oder stimmen sie. Solche Menschenrechtsverletzungen von westlichen Kräften oder mit ihnen verbundenen Staaten werden in der Regel nicht so angeprangert. Das neu entbrannte Ringen um Einflusssphären kann manchmal den Afrikaner:innen nutzen, wenn sie eine Macht zurückdrängen und sich eigene Spielräume verschaffen können. Es kann ihnen auch schaden, wenn bei ihnen und auf ihre Kosten Stellvertreterkriege ausgefochten werden. Wer sich in der Zentralafrikanischen Republik besser auskennt, ist eingeladen, zu unserem Wissen beizutragen und zu kommentieren.


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