Rassistischer Journalismus löste das größte rassistische Massaker in der Geschichte der USA aus

Der schwarze, 19-jährige Schuhputzerjunge Dick Rowland fuhr zusammen mit der weissen, 17-jährigen Aufzugführerin Sarah Page im Lift, verlor vermutlich bei einem abrupten Stopp das Gleichgewicht, griff nach ihrem Arm, und sie erschrak. Am nächsten Tag nahm die Zeitung «Tulsa Tribune» den Fall in sensationslüsterner Art auf und forderte die Bewohner unverhohlen zum Lynchmord auf. Wie ein Missgeschick zu einem der schlimmsten Massaker in den USA führte. Vor hundert Jahren zerstörten Weiße in der Stadt Tulsa innerhalb von weniger als 24 Stunden ein afroamerikanisches Quartier mit zehntausend Einwohnern. Hunderte kamen ums Leben. Jahrzehntelang sprach niemand über das Massaker.

Am 30. Mai 1921 löste ein lächerlicher Zwischenfall das grösste rassistische Massaker in der Geschichte der USA aus. Es passiert in der Innenstadt von Tulsa im Gliedstaat Oklahoma. Der schwarze, 19-jährige Schuhputzerjunge Dick Rowland fuhr zusammen mit der weissen, 17-jährigen Aufzugführerin Sarah Page im Lift, verlor vermutlich bei einem abrupten Stopp das Gleichgewicht, griff nach ihrem Arm, und sie erschrak. Ein Angestellter hörte ihren Schrei und sah, wie Rowland davonrannte. Er ging zur Polizei und behauptete, der Jugendliche habe versucht, Page zu vergewaltigen. Das Mädchen selbst verzichtete bei der Einvernahme auf eine Anzeige und sagte, es sei nichts Schwerwiegendes vorgefallen. Auch die Polizisten gingen von einer Bagatelle aus. Aber am nächsten Tag nahm die Zeitung «Tulsa Tribune» den Fall in sensationslüsterner Art auf und forderte die Bewohner unverhohlen zum Lynchmord auf.



Schon wenige Stunden nach Erscheinen des Artikels rotteten sich Weisse vor dem Gerichtsgebäude zusammen, in dem Rowland inhaftiert war. Bis um 21 Uhr war der Mob auf 400 Leute angewachsen. 30 bewaffnete schwarze Männer boten dem Sheriff ihre Unterstützung zum Schutz des Gebäudes an, aber er überzeugte sie, dass Rowland in Sicherheit sei. Um 22 Uhr 30 fanden sich allerdings bereits 2000 Leute vor dem Gericht ein. Die Afroamerikaner befürchteten, dass die Menge Rowland lynchen wollte. Gerade im Vorjahr war es im nahen Oklahoma City zu einer ähnlichen Situation gekommen, als ein afroamerikanischer Mordverdächtiger aus dem Gefängnis entführt und aufgehängt wurde.


Als der Trupp aus Schwarzen erneut vor dem Gerichtsgebäude erschien, forderte einer der Weissen einen afroamerikanischen Kriegsveteranen auf, ihm den Armeerevolver auszuhändigen. Als er sich weigerte, löste sich im Handgemenge ein Schuss. Darauf kam es zu einer Schiesserei zwischen den beiden Gruppen, und die Afroamerikaner wurden in den Stadtteil Greenwood zurückgedrängt.

Neid und Wut auf die wohlhabenden «Untermenschen»

Greenwood war zu dieser Zeit ein florierendes Wohn- und Geschäftsviertel mit rund zehntausend afroamerikanischen Bewohnern. Das Quartier war autark, es gab eine Schule, ein Spital, Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und zwei Zeitungsredaktionen. Das Stradford-Hotel war das grösste Hotel im Besitz eines Schwarzen in den ganzen USA. Die afroamerikanischen Bewohner, unter ihnen Ärzte, Anwälte und andere Akademiker, lebten hier relativ frei, und das Viertel wurde nach dem gleichnamigen Theater oft «Dreamland» oder auch «Black Wall Street» genannt.


Vielen Weissen in Tulsa waren der Wohlstand und der Stolz der Bewohner, die in ihren Augen doch eigentlich Untermenschen waren, ein Dorn im Auge. Der Konflikt rund um Rowland war ihnen eine willkommene Gelegenheit, den Schwarzen eine Lektion zu erteilen und sie «auf ihren Platz zu verweisen».


Ein Teil der Weissen zog sich an jenem Abend zurück, aber nur, um Waffen zu organisieren. Nach Mitternacht brach ein erstes Feuer in Greenwood aus. Die Feuerwehr wurde von der Menge gestoppt und musste umkehren. Auch der Ambulanzdienst musste unverrichteter Dinge abziehen. Vorerst gelang es den Bewohnern und einigen Polizisten noch, die Angreifer aufzuhalten, aber sie waren zahlenmässig unterlegen. Die Weißen waren inzwischen auf 10 000 Leute angewachsen. Zudem verfügten die Anwohner höchstens über Handfeuerwaffen, während auf der anderen Seite sogar Maschinengewehre zum Einsatz kamen.

Im Morgengrauen wurden die Kirche, die Schule und ein Hotel angezündet, dann arbeitete sich die Menge systematisch von Süden nach Norden vor, plünderte ein Gebäude nach dem anderen und setzte es anschliessend in Brand. Wer sich den Randalierern in den Weg stellte, wurde erschossen. Die Polizisten und die eintreffenden Nationalgardisten beschränkten sich darauf, Schwarze zu entwaffnen und zu internieren.



Laut Augenzeugen wurde sogar ein Flugzeug der örtlichen Ölfirma eingesetzt, um das Quartier mit Dynamit anzugreifen. Als die Nationalgarde am Mittag des 1. Juni endlich ein paar Weisse festnahm und die Feuerwehr unterstützte, war es bereits zu spät. Ein grosser Teil Greenwoods, über tausend Wohn- und Geschäftshäuser, war abgebrannt, die Bewohner wurden obdachlos. Die Zahl der Toten wird auf 300 geschätzt. Die Schadenersatzklagen beliefen sich auf 1,8 Millionen Dollar, das entspräche heute etwa 24 Millionen. Sie wurden alle abgewiesen. Was aus Dick Rowland und Sarah Page wurde, ist unbekannt.



Jahrzehntelanges Vergessen

Zwar wurde in der Folge der Polizeichef von Tulsa seines Amtes enthoben. Aber die Kommission, die von der Stadt eingesetzt wurde, um das Massaker zu untersuchen, kam zum absurden Resultat, die übertriebenen Vorstellungen von Gleichberechtigung der Afroamerikaner seien verantwortlich für die Ereignisse gewesen. Der Bürgermeister trat für eine stärkere Rassentrennung ein und wollte die Schwarzen künftig ausserhalb der Stadt ansiedeln. Danach gerieten die Ereignisse seltsamerweise für Jahrzehnte in Vergessenheit. Es gibt Menschen, die in den fünfziger oder sechziger Jahren in Tulsa aufwuchsen und nie davon hörten.



Die Vergangenheit wird aufgearbeitet

1997 berief das Parlament von Oklahoma eine Kommission ein, die das Massaker von Tulsa aufarbeiten sollte. 2001 reichte sie ihren Bericht ein, unterstrich die grosse Mitschuld der damaligen Stadtverwaltung und empfahl in gewissem Umfang Reparationszahlungen für die Überlebenden. Das lehnte das Parlament jedoch ab und verlieh ihnen stattdessen Orden. Immerhin entschuldigte sich der Polizeichef von Tulsa öffentlich für das, was damals geschehen war. In einer aufsehenerregenden Rede erklärte er, es tue ihm leid, dass die Polizei damals nicht die Bürger beschützt, sondern zum Teil gemeinsame Sache mit den Aufrührern gemacht habe.

Im Spätsommer letzten Jahres erhob Lessie Benningfield Randle Klage gegen die Stadt Tulsa und forderte eine späte Entschädigung. Vor ein paar Tagen sprach die 106-Jährige zusammen mit der 107-jährigen Viola Fletcher vor dem Kongress in Washington. Sie sind die letzten Überlebenden des Massakers. Inzwischen, wahrscheinlich auch durch die «Black Lives Matter»-Bewegung und die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag in Tulsa, sind die damaligen Ereignisse in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Seit letztem Jahr gehen Archäologen Spuren für ein Massengrab nach.

Tulsa ist immer noch, wie viele andere amerikanische Städte, mehr oder weniger segregiert. Die Afroamerikaner wohnen vor allem im armen, schlecht versorgten Norden. Johnson erwähnt eine Studie, in der ein Quartier im Norden und eines im Süden verglichen wurden und ein Unterschied in der Lebenserwartung von 14 Jahren festgestellt wurde. Dank gezielten Interventionen konnte die Diskrepanz inzwischen immerhin auf 10 Jahre reduziert werden.


Selbstverständlich, sagt Johnson, habe sich die Welt seit 1921 verändert, auch wenn es immer wieder Rückschritte gebe. «Käme es heute wieder zu einem solchen Vorfall in einem Lift, kümmerte sich die Justiz darum. Es gibt keine Presse mehr, die das aufbauschen würde, und es liesse sich kein Mob mobilisieren. Auch existieren immer mehr gemischte Paare, das ist kein Tabu mehr.» Aber ein subtilerer Rassismus, der sich nicht mehr offen äussere, existiere immer noch. Manchmal kommt er inzwischen sogar fortschrittlich, im «woken» Kleid daher.


Johnson zitiert auch Untersuchungen, die zeigen, dass Arbeitgeber häufig Bewerbungen ablehnen, wenn der Name des Bewerbers afroamerikanisch klingt. Aus diesem Gefängnis der negativen Erwartungen müsse man sich befreien, sagt Johnson. Und dies ist für ihn auch die wichtigste Lektion aus der «Black Wall Street»: Man solle sich nicht nur auf das Massaker konzentrieren, sagt er, sondern sich vom «can-do spirit» der damaligen Bewohner inspirieren lassen. Als Beispiel für diese optimistische Unternehmungslust zitiert er einen Ausspruch von Martin Luther King: «Wir müssen begrenzte Enttäuschungen akzeptieren, aber nie die unbegrenzte Hoffnung verlieren.»

https://www.nzz.ch/international/tulsa-wie-es-vor-100-jahren-zum-rassistischen-massaker-kam-ld.1626376


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