Probleme in der islamischen Welt können nicht militärisch gelöst werden, der Koran erklärt sie nicht

Islamwissenschaftler Stefan Weidner über 9/11 und seine Folgen

Viele glaubten, im heiligen Text der Muslime den Grund für den Hass auf den Westen zu finden. Doch die Erklärungskraft der Religion für die Anschläge ist gering. Mit dem traditionellen Islam hat dieser modernisierte, politisch-ideologische Islam nur oberflächliche Gemeinsamkeiten. Daher kann der Koran den Terror nicht wirklich erklären, auch wenn die Terroristen ihn zitieren. Die Ursachenforschung fängt besser bei der Großmachtpolitik des Kalten Krieges an. Damals gingen die USA fragwürdige Bündnisse mit despotischen Regimen in der islamischen Welt ein, um die Verbreitung des Kommunismus einzudämmen. Dem Westen wurde deshalb von vielen Arabern eine Mitschuld an der politischen Stagnation in ihren Ländern gegeben, zumal der Sozialismus in der arabisch-islamischen Welt sehr populär war. Als der Sozialismus nach 1989 keine Rolle mehr spielte, war der politische Islam für viele Menschen die einzige Ideologie, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und Widerstand gegen die als ungerecht erlebten Regierungen versprach. Dazu zählten auch die mit dem Westen verbündeten Monarchien und Emirate auf der arabischen Halbinsel. 15 der 19 Attentäter von 9/11 stammten aus Saudi-Arabien. Auch unsere Sicherheit ist durch den "Krieg gegen den Terror" nicht gewachsen, vielmehr nahmen Terror und Fluchtbewegungen zu.

Nach dem Fall der Berliner Mauer herrschte im Westen die Überzeugung, den Rest der Welt nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Wer sich sträubte, wie Kuba, Iran oder Nordkorea, wurde isoliert.


Die islamische Welt galt zwar als rückständig und unterentwickelt; in wirtschaftlicher Hinsicht war sie jedoch gut in die westliche Ordnung integriert, vor allem dank ihres Ölreichtums. Nach 9/11 schien der politische Islam ein vergleichsweise leichter Gegner zu sein, gegen den sich das militärische Abenteuer lohnte.

Sicherheit ist durch "Krieg gegen den Terror" nicht gewachsen

Osama Bin Laden wurde 2011 getötet und die Djihadisten in Irak und Afghanistan auf dem Schlachtfeld besiegt. Aber sie kehrten wieder. Die letzten zwanzig Jahre haben gezeigt, dass sich die Probleme in der islamischen Welt nicht mit militärischen Mitteln lösen lassen. Auch unsere Sicherheit ist durch den "Krieg gegen den Terror" nicht gewachsen, vielmehr nahmen Terror und Fluchtbewegungen zu.


Bei der Ursachenforschung muss auch der Kolonialismus in Betracht gezogen werden. Von Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 bis zum Zweiten Weltkrieg beherrschten die europäischen Großmächte weite Teile der islamischen Welt und beuteten sie aus. Die europäische Politik war von Überlegenheitsdenken und Rassismus geprägt, und der Widerstand dagegen wurde in Europa als Widerstand gegen Zivilisation und Moderne diskreditiert.


Um diesem Vorwurf entgegenzutreten, versuchten die Muslime, den Islam zu reformieren. Zugleich machten sie ihn dadurch zu einer modernen politischen Ideologie, deren Ziel es war, den ideologischen und in manchen Ländern auch den bewaffneten Kampf gegen die europäischen Mächte aufzunehmen. Mit dem traditionellen Islam hat dieser modernisierte, politisch-ideologische Islam nur oberflächliche Gemeinsamkeiten. Daher kann der Koran den Terror nicht wirklich erklären, auch wenn die Terroristen ihn zitieren.

Die Auseinandersetzung von Westen und Islam seit 9/11 beruht auf einer problematischen und zugleich geteilten Vergangenheit. Sie muss von beiden Seiten als gemeinsame verstanden, aufgearbeitet und bewältigt werden. Wenn wir die aktuellen Debatten über Rassismus und Kolonialismus in diesem Sinn verstehen lernen, sind wir auf dem richtigen Weg. Der Rückblick auf 9/11 hilft dabei.

Stefan Weidner (*1967) ist Islamwissenschaftler, zuletzt erschien sein Buch "Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart".

https://www.ndr.de/kultur/9-11-Islamwissenschaftler-Weidner-ueber-Urspruenge-und-Gruende,nineeleven106.html


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