Peripherie und Zentrum in Nord und Süd: Galtungs Werkzeug zum Verständnis der Nord-Süd-Beziehungen

Aktualisiert: Mai 8

Eine strukturelle Theorie des Imperialismus). Innerhalb des Zentrum-Peripherie-Models wird unterschieden zwischen Nationen im Zentrum und Nationen in der Peripherie. Jede Nation hat wiederum ein eigenes Zentrum und eine eigene Peripherie.


Johan Galtung definierte 1971 in seinem Aufsatz ‚Gewalt, Frieden und Friedensforschung’ Strukturelle Gewalt als „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“ (Galtung, 1971: 55). Dieser erweiterte Gewaltbegriff beinhaltet demnach nicht nur direkte Gewalt, wie Körperverletzung oder Mord. Vielmehr werden darunter alle Missstände subsumiert, die den Menschen daran hindern seine vollen Möglichkeiten zu entfalten. Arbeitslosigkeit, Naturkatastrophen, Schutzzölle, Umweltverschmutzung, Behinderungen oder antiemanzipatorische Bedingungen etc. sind mit dieser Definition als Gewalt zu verstehen. Diese erste sehr weite Definition grenzte Galtung 1972 in seinem Aufsatz ‚Eine strukturelle Theorie des Imperialismus’ ein. Hier bezieht er den Begriff auf die Nord-Süd-Beziehungen bzw. das Nord-Süd-Gefälle und erklärt die Strukturelle Gewalt mittels des Zentrum-Peripherie-Models, welches an dieser Stelle zum besseren Verständnis in seinen Ansätzen dargestellt wird (vgl. Galtung, 1972: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus).



Innerhalb des Zentrum-Peripherie-Models wird unterschieden zwischen Nationen im Zentrum und Nationen in der Peripherie. Jede Nation hat wiederum ein eigenes Zentrum und eine eigene Peripherie. Der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie findet sich in verschiedenen Ebenen wieder, wie z.B. Politik, Militär, Kultur, Technologie, Wissenschaft usw. Es besteht eine Dysbalance sowohl zwischen den Nationen als auch innerhalb derselben, die sich in unterschiedlicher Macht, Dominanz und Teilhabe ausdrückt (vgl. Galtung, 1972: 44). Eine Zentrums-Nation läge beispielsweise in Europa, während sich eine Peripher-Nation unter den Entwicklungsländer finden würde. Das nationen-interne Zentrum ist in den politischen, militärischen, kulturellen etc. Eliten angesiedelt, während die nationen-interne Peripherie die nicht oder weniger elitär Beteiligten repräsentiert. Die Beziehungen innerhalb dieses Systems sind vertikal (hierarchisch) und Galtung leitet daraus verschiedene Quellen der Strukturellen Gewalt ab (vgl. Galtung, 1972: Zur Definition von ‚Imperialismus’).


Es kommt (1.) zur Machtausübung oder Dominanz der Zentrums-Nation über die Peripherie-Nation. Zwar werden die Möglichkeiten zum Wachstum in der Peripherie der Peripher-Nation hergestellt oder ausgebeutet (z.B. Kaffee, Tropenhölzer, Erdöl), der Hauptgewinn verbleibt jedoch in der Zentrums-Nation. Durch Redistribution und Umverteilung werden sowohl die Peripherie der Zentrums-Nation als auch das Zentrum der Peripher-Nation am erwirtschafteten Gewinn beteiligt. Es besteht demnach eine Interessensharmonie zwischen den beiden Zentren der jeweiligen Nationen, da trotz ungleicher Verteilung eine Art Win-Win-Situation vorliegt, die sich hauptsächlich in der Machtkonsolidierung begründet (vgl. Galtung, 1972: 35ff).


Im Weiteren erkennt Galtung (2.) einen Interessenskonflikt zwischen Zentrum und Peripherie in den jeweiligen Nationen. Durch Umverteilungseffekte und Gewinnbeteiligung ist dieser in der Zentrums-Nation kleiner, als in der Peripher-Nation. In der Zentrums-Nation sind beispielsweise steigender Lebensstandart, besser schulische Bildung und Gesundheitsversorgung das Resultat imperialistisch geprägter Beziehungen, während in der Peripher-Nation Stagnation und Ausbeutung vorherrschen (vgl. Galtung, 1972: 35ff).


Zwischen den beiden Peripherien besteht (3.) ein zusätzlicher Konflikt, der sich in unterschiedlichen Interessen bezüglich des inter-nationalen Austauschs widerspiegelt. Während diese in der Peripherie der Zentrums-Nation in der Erhöhung des Lebensstandards, in sicheren Arbeitsplätzen und sozialer Sicherheit angesiedelt sind, drehen sie sich in der Peripher-Nation um Machtbeteiligung und oftmals auch um eine schlichte Überlebensgarantie (vgl. Galtung, 1972: 36ff).


Galtung erklärte die Strukturelle Gewalt im Kontext zum Imperialismus, der bei ihm in fünf Typen – ökonomischer, politischer, militärischer, Kommunikations- und kultureller Imperialismus – unterteilt ist (vgl. Galtung, 1972: Fünf Typen von Imperialismus). Bei voller Ausprägung und Abstimmung der unterschiedlichen Typen handelt es sich um allgemeinen Imperialismus. Dieser ist Bedingung und gleichzeitig Instrument der Strukturellen Gewalt. In diesem Zusammenspiel kommt es zur kulturellen Assimilation der Peripher-Nation an die Zentrums-Nation (vgl. Galtung, 1972: 60). Diese Anpassung dient der Festigung der eigenen Machtstellung – peripher innerhalb der Nation, und in der Zentrumsnation vorwiegend im internationalen Zusammenhang durch die Schaffung neuer Bündnispartner.



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