Namibia vertagt Entscheidung über Völkermordabkommen: Ohne uns wird es nicht für uns sein!

Namibia vertagt Entscheidung über Völkermordabkommen mit Deutschland

Der Abschluss der Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung über die Aufarbeitung des Völkermords der deutschen "Schutztruppe" an den Herero und Nama gestaltet sich schwieriger als erwartet. Nach jahrelangen Gesprächen hatten sich beide Seiten im Mai auf eine politische Erklärung verständigt, die neben einem deutschen Schuldzugeständnis auch die Bereitschaft enthält, in den kommenden 30 Jahren rund 1,1 Milliarden Euro für Projekte zur Verfügung zu stellen, die der namibischen Bevölkerung zugutekommen sollen. Der Wortlaut der Erklärung ist bisher nicht veröffentlicht worden.

Für den durcheinandergeratenen Fahrplan wird in Berlin vor allem die Covid-Pandemie verantwortlich gemacht. Namibia erlebte in den vergangenen Monaten eine verheerende dritte Infektionswelle, an deren Höhepunkt in dem Land mit weniger als 2,5 Millionen Einwohnern täglich fast 2.500 Menschen angesteckt wurden und bis zu 70 starben. Auch der 80-jährige Staatspräsident Hage Gottfried Geingob steckte sich an, während der Chef der namibischen Verhandlungsdelegation, der 88-jährige Zed Ngavirue, dem Virus sogar erlag.


Trotz der Verzögerung wird damit gerechnet, dass Namibias Nationalversammlung der Einigung zustimmt. Dort verfügt die regierende South-West Africa People's Organization (Swapo), die von der Bevölkerungsmehrheit der Ovambo unterstützt wird, über eine Zweidrittelmehrheit. Dagegen gehören die Hinterbliebenen der Opfer des zwischen 1904 und 1908 begangenen Völkermords – Herero und Nama – mehrheitlich den Oppositionsparteien an. Sie lehnen die Einigung entschieden ab und fordern statt des erweiterten Entwicklungshilfepakets wesentlich umfangreichere Entschädigungen, die vor allem den Nachfahren der tatsächlichen Opfer zukommen sollen. Dagegen vertritt die Regierung seit Beginn der Gespräche vor sechs Jahren den Standpunkt, dass von den deutschen Zuwendungen alle Namibier profitieren sollen.


Namibias Verhandlungsdelegation wurde zwar von dem gemäßigten Herero Ngavirue geleitet, radikalere Vertreter der Herero und Nama blieben von den Gesprächen jedoch ausgeschlossen. Vekuii Rukoro, "Paramount Chief" der Herero, kündigt schon seit Jahren an, die Vereinbarungen nicht anzuerkennen.

An diesem Wochenende fand in dem Städtchen Okahandja, in dessen Umgebung einst die Entscheidungsschlacht zwischen der deutschen "Schutztruppe" und den Herero ausgefochten wurde, eine dreitägige Protestveranstaltung unter dem Motto "Without us it will not be about us" statt: Ohne uns wird es nicht für uns sein.


Dass sie ohne Beteiligung wichtiger Vertreter der Herero und Nama zustande kam, wirft einen Schatten auf die politische Erklärung, die eigentlich neue Maßstäbe dafür setzen sollte, wie eine ehemalige Kolonialmacht mit historischen Verbrechen umgehen kann. Auch Großbritannien, Frankreich und Belgien begingen während der Kolonialzeit schwere Gräuel. Bislang hat sich noch kein europäischer Staat dafür entschuldigt oder gar Reparationen bezahlt.

https://www.derstandard.at/story/2000129847925/namibia-vertagt-entscheidung-ueber-voelkermordabkommen-mit-deutschland






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