Myanmar auf dem Marsch in den Bürgerkrieg: Brutale Repression der Armee, Gegner bewaffnen sich

Auszüge aus der NZZ: Suu Kyi völlig isoliert inhaftiert.

Die NLD, die bei Wahlen bisher immer als Siegerin hervorgegangen ist, ist bereits verboten worden. Sowohl Suu Kyi als auch der NLD unterstellen die Machthaber nämlich Wahlbetrug.

Das inhumane Wegsperren der Lady zeigt indessen auch, wie prekär die Position der Generäle nach dem Putsch geblieben ist: Die Militärmachthaber sind im Volk verhasst, die Armee wird als fremde Besatzungstruppe wahrgenommen. Ihre 75-jährige Gegenspielerin indessen gilt in der Bevölkerung weiterhin als Landesmutter, als Garantin von Freiheit und Demokratie und als die eigentliche Regierungschefin.

Doch seit ihrer Inhaftierung vor vier Monaten hat sich in Myanmar (wie das Land offiziell heisst) etwas Wesentliches verändert: Waffengewalt gegen die Machthaber ist kein Tabu mehr. Die Doktrin eines ausschliesslich gewaltlosen Widerstands, die die NLD in früheren Jahren der Opposition verfolgte, gilt inzwischen als überholt.


Bewaffneter Widerstand

Gewaltlose Opposition prägte die ersten Monate nach dem Putsch. Und der zivile Ungehorsam hält an. Doch die Illusionen, dass allein damit die Junta in die Knie gezwungen werden kann, sind verflogen: Bereits zweimal (1990 und 2020) annullierten die Militärs Wahlergebnisse aus fadenscheinigen Gründen. Schon dreimal – nämlich 1988, 2007 und jetzt wieder – haben sie Bürgerrevolten mit roher Gewalt erstickt. Die Zeit für faule Kompromisse scheint vorbei zu sein.

Auch innerhalb der NLD hat die Stimmung umgeschlagen: Der bewaffnete Widerstand ist örtlich bereits Realität. Mindat, eine Kleinstadt im nördlichen Gliedstaat Chin, ist zum Symbol dieses Kampfs geworden.

Selbstverteidigungsgruppen wie in Mindat sind zwar nur spärlich bewaffnet; meistens sind nur Jagdflinten zur Hand, zudem fehlt es an Munition. Aber die Bevölkerung wehrt sich. Auch Bombenanschläge gegen Militäreinrichtungen und Polizeiposten haben zugenommen.

Offiziell ist in diesem Zusammenhang immer häufiger die Rede von People’s Defence Forces (PDF). Auf dem Papier handelt es sich dabei um den bewaffneten Arm der Gegenregierung (NUG). Politisch bedeutsam ist, dass bei den PDF inzwischen auch zahlreiche Vertreter der NLD mitwirken.

Die PDF zieht hauptsächlich junge Leute an. Der Aufbau der bewaffneten Gegenwehr steckt erst in den Anfängen; ein zentrales Kommando gibt es noch nicht. Nach Plänen der NUG handelt es sich bei den PDF aber um die Vorläufer einer föderalen Armee, der sich – so hofft man – bald zahlreiche Rebellenarmeen anschliessen werden.

Keine neue Cohabitation

Das Ziel föderaler Streitkräfte liegt noch in weiter Ferne. Burma, dessen Grösse fast der doppelten Fläche Deutschlands entspricht, wird weiterhin von der Armee (Tatmadaw) kontrolliert – und terrorisiert. Aber gemäss Angaben gutunterrichteter Kreise haben sich in vielen grösseren Ortschaften PDF-Einheiten gebildet, die sich der Armee widersetzen. Sie beschützen die Zivilbevölkerung, verüben Sabotageakte und bekämpfen Soldaten vereinzelt aus Hinterhalten.

Gibt es angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch Chancen auf eine Entspannung? – Es sieht nicht danach aus: Die Assoziation südostasiatischer Staaten (Asean) beanspruchte eine Vermittlerrolle, hat sich bisher aber als völlig unfähig und machtlos erwiesen. Die zehn Länder umfassende Gemeinschaft hat sich bisher nicht einmal auf einen Gesandten einigen können.

Besonders beschämend ist, dass die Mitgliedstaaten nicht einmal wagen, die Freilassung von Aung San Suu Kyi zu fordern – notabene jener Person, in deren Gesellschaft sie sich jahrelang erquickten und als deren Partner sie sich bis zum 1. Februar ausgaben.

Und sollte Suu Kyi wider Erwarten doch wieder auftauchen? Selbst wenn sich Aung San Suu Kyi für einen politischen Dialog mit den Machthabern ausspreche, sei es zu spät, ist aus NLD-Kreisen zu vernehmen. 95 Prozent der Bevölkerung wären gegen eine Neuauflage der Cohabitation mit den Generälen. Nicht weil die NLD-Chefin nicht mehr respektiert werde. Sondern weil die Militärführung inzwischen jeglichen Goodwill verspielt habe.

https://www.nzz.ch/international/burma-schlittert-in-den-buergerkrieg-nzz-ld.1627664



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