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Klimaaktivistin Luisa Neubauer: Radikal sind die Regierungen: Sie versagen in der Klimakrise radikal

Ich persönlich glaube nicht daran, dass die Stimme für die richtige Partei unsere Klimakrise löst. Das ist eine Idee der 1990er-Jahre. Heute geht es viel mehr um den Referenzrahmen, den wir als Gesellschaft der Politik stecken. Es geht also darum, den Druck so aufzubauen, dass Entscheidungen gegen den Klimaschutz politisch teurer werden. Entscheidungen im Sinne der Ökologie müssen hingegen gesellschaftlich belohnt werden. Das hat auch etwas Hoffnungsvolles, weil es heißt, dass wir mit jeder Koalition arbeiten können, die da regiert. Jahrzehntelang war es für politische Entscheidungsträger:innen im Zweifel immer die billigere Option, für Profitinteressen zu stimmen. Das konnten wir gesellschaftlich kippen. Man wird jetzt Entscheidungen anders bewerten und wird sich fragen: Wollen wir ein zweites Lützerath? Unser Protest wurde weltweit unterstützt, sogar in der japanischen U-Bahn liefen die Bilder. Wir haben Geschichte geschrieben mit einer Gesellschaft, die klimafeindlicher Politik einen Preis gibt. Die Notwendigkeit vieler Leute, uns anzufeinden, rührt daher, dass wir so mächtig sind und so viel bewegen.


Auszüge aus dem Interview auf Profil: https://www.profil.at

Wenn sich jemand radikalisiert, dann sind es Regierungen, die im Verhältnis zu dem, was sie machen müssten, immer weniger tun in der Klimakrise.


Die UN-Klimakonferenz ist bis heute das einzige globale Forum, wo Menschen aus dem globalen Süden-Staaten, Kräfte, Bewegungen-ihre Ansprüche auf Gerechtigkeit und Klimakompensation deutlich machen können. Wir wissen, dass der globale Norden zum allergrößten Teil verantwortlich ist für die Klimakrise, diese aber den globalen Süden am meisten betrifft. Das ist total ungerecht, und entsprechend gibt es Forderungen nach Rückzahlungen, nach Kompensation, nach echter Zusammenarbeit. Was hoch problematisch ist und was wir sehr kritisieren, ist, dass die UN-Klimakonferenz immer mehr zu einem Forum für fossile Lobbyisten geworden ist. Jetzt ist der Chef der nächsten UN-Klimakonferenz in Dubai auch Chef eines großen Ölkonzerns. Das raubt der Institution UN-Klimakonferenz natürlich Glaubwürdigkeit. In meinen Augen wäre es aber auch der große Auftrag von Regierungen, da zu intervenieren und zu sagen: Leute, wenn wir eine UN-Klimakonferenz machen, dann muss das ein Ort sein, der dem Ziel gilt und nicht den fossilen Interessen. Klimapopulismus reduziert die globale Klimakonferenz auf die Anreiseproblematik. Fragen Sie auch Menschen, ob sie zur G20-Konferenz oder zum G7-Gipfel geflogen sind? Ich glaube nicht. Wieso werden Maßstäbe für eine Klimakonferenz angesetzt, die bei keiner anderen Konferenz gelten? Das ist ja genau die Taktik der fossilen Konzerne, die die Debatten immer dorthin lenken, wo man über Einzelpersonen sprechen kann und bloß nicht über strukturelle Probleme.

Sie haben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Gegen die Ohnmacht".Wie mächtig oder ohnmächtig fühlen Sie sich aktuell, wo der Klimaaktivismus immer heftigeren Anfeindungen ausgesetzt ist?

Neubauer Die Notwendigkeit vieler Leute, uns anzufeinden, rührt daher, dass wir so mächtig sind und so viel bewegen. Warum sollte man eine Klimabewegung anfeinden, wenn sie keine echte Relevanz darstellt? Viele haben offenbar das Gefühl, sie müssten sich gegen uns zur Wehr setzen. Die Angriffe geben uns also recht. Sie haben bis vor Kurzem an vorderster Front gegen den Kohleabbau in Lützerath gekämpft. Wie schwer tun Sie sich denn aktuell als Parteimitglied der Grünen, die dem Kohleabbau dort grünes Licht gegeben haben?

Neubauer Das Dilemma bei den Grünen ist, dass sie in gewisser Weise ihre ökologische Integrität verfeuert haben. Denn für viele Menschen stellt sich natürlich die Frage: Wenn die Grünen der Profitgier von Kohlegiganten wie RWE keine Grenzen setzen, wer dann? Viele Menschen hatten die Hoffnung, Klimaprobleme zu lösen, indem sie die grünste Partei wählen.

Neubauer Ich persönlich glaube nicht daran, dass die Stimme für die richtige Partei unsere Klimakrise löst. Das ist eine Idee der 1990er-Jahre. Heute geht es viel mehr um den Referenzrahmen, den wir als Gesellschaft der Politik stecken. Es geht also darum, den Druck so aufzubauen, dass Entscheidungen gegen den Klimaschutz politisch teurer werden. Entscheidungen im Sinne der Ökologie müssen hingegen gesellschaftlich belohnt werden. Das hat auch etwas Hoffnungsvolles, weil es heißt, dass wir mit jeder Koalition arbeiten können, die da regiert. In diesem Sinne war Lützerath wahnsinnig ermächtigend und lässt uns gestärkt auf alle möglichen Kämpfe blicken.

Aber letztendlich wurde das Dorf dem Erdboden gleichgemacht und ein großes Kohleabbau-Kontingent beschlossen. Das sehen Sie als Erfolg?

Neubauer Die Kohle liegt ja noch im Boden, das ist entscheidend. Viel davon wird noch Jahre dort bleiben, so schnell lässt sich das gar nicht abbaggern. Und: Unser Protest wurde weltweit unterstützt, sogar in der japanischen U-Bahn liefen die Bilder. Wir haben Geschichte geschrieben mit einer Gesellschaft, die klimafeindlicher Politik einen Preis gibt. Jahrzehntelang war es für politische Entscheidungsträger:innen im Zweifel immer die billigere Option, für Profitinteressen zu stimmen. Das konnten wir gesellschaftlich kippen. Man wird jetzt Entscheidungen anders bewerten und wird sich fragen: Wollen wir ein zweites Lützerath?



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