Hirak-Aktivist Tabbou: Das französische Regime ist ein entscheidendes Hindernis für Demokratisierung

Der Versuch des algerischen Regimes durch Scheinwahlen einen von der Demokratiebewegung Hirak geforderten Neuanfang vorzutäuschen, ist gescheitert. Durch eine geringe Wahlbeteiligung haben die Algerier den Machthabern eine Lektion erteilt und der Welt gezeigt, wie gering der Rückhalt der algerischen Selbstermächtigten ist. Zu glauben, dass allein eine Armee, auch wenn sie bestens ausgerüstet ist, für Stabilität sorgen kann, ist eine Illusion. Stabilität stützt sich auf drei wichtige Säulen: Legitimität, Demokratie und Gerechtigkeit. Das Ringen dafür, sie durchzusetzen, ist langwierig. Es braucht einen langen Atem und viel Verständnis der Algerier für die Hintergründe der Konflikte. Der Kampf für Demokratie hat auch eine internationale Dimension: Er ist der Kampf für die Festigung der Unabhängigkeit Algeriens. Die Schaffung eines Rechtsstaates dient auch der Befreiung des Landes von jeglicher Erpressung, Bevormundung und Monopolisierung.

In vorliegenden Artikel nimmt der Autor, Karim Tabbou, Stellung zum Thema der Präsidentschaftswahlen in Algerien vom 12. Juni 2021 und äußert seine Ansichten zum weiteren Vorgehen des Hirak.

Karim Tabbou (48) ist einer der prominentesten Vertreter der Hirak-Bewegung, die seit 2019 einen friedlichen Machtwechsel hin zu einem zivilen und demokratischen Staat in Algerien fordert. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler wurde wegen seiner Aktivitäten im Hirak seit 1919 mehrfach kurzzeitig inhaftiert und nach Protesten unter Auflagen wieder freigelassen, zuletzt am 09./10. Juni 2021.


Die Erklärung von Karim Tabbou nach seiner Haftentlassung

"Trotz aller ungerechten und ungerechtfertigten Beschränkungen, die mir auferlegt wurden, habe ich beschlossen, mich an die Algerier zu wenden, um ihnen für ihre Unterstützung zu danken. Ich bin tief berührt von der Anteilnahme, die sie mir, meinen Eltern und meinen Kindern während dieser Festnahmen entgegengebracht haben. Ich werde später über die Bedingungen meiner letzten Festnahme, gefolgt von einer mehr als 30-stündigen Polizeihaft im Zentrum "Antar", berichten. Die Gründe wurden mir bisher weder von den Diensten der inneren Sicherheit noch von den zuständigen Justizbehörden mitgeteilt.


Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um alle Algerier herzlich zu grüßen, die ihrer Angst trotzten und die Abstimmung vom 12. Juni boykottiert haben. Diese Wahl war in Wahrheit ein grandioser Misserfolg für die Machthaber. Letztendlich hat die Mehrheit der Algerier, abgesehen von einer Minderheit aus dubiosen, aus Kalkül handelnden Politikern, politische Reife bewiesen, indem sie den wirklichen Entscheidungsträgern im Land eine nachdrückliche Lektion erteilt hat.


"Der Adler gewinnt an Höhe, wenn der Himmel voller Krähen ist", sagt ein Sprichwort. Bei allen verlockenden Machtangeboten und den gewährten Erleichterungen für die Aufstellung der Listen, die ein Maximum an Stimmen einbringen sollten, entschied das Volk erwartungsgemäß anders. Er sagte klar Nein zur Macht und Nein zu diesen Opportunisten sowie den Gefolgsleuten und Schergen des Regimes. Der Hirak skandierte dabei mehrmals "Makache intikhabat maa el issabat" („Mit der Mafia gibt es keine Wahlen!“); das Volk hat die Frage seit mehr als zwei Jahren entschieden, es hat klar erklärt, dass nur ein radikaler Wandel das Vertrauen der Bürger in die Institutionen wiederherstellen kann. Die breite Zunahme betrügerischer Praktiken, die Manipulation des allgemeinen Wahlrechts, die Korruption und das Beharren des Regimes auf oktroyierten politischen und sozialem Pseudovertretungen werden die Krise nur verschlimmern und komplizieren. Das Spiel ist durchsichtig: abgesehen von ein paar Leuten, die von ihren eigenen Launen besessen und vom Köder geblendet sind, haben die Bürger verstanden, dass dies eine Pseudowahl und eine echte Komödie ist.


Die Absicht des Regimes war, so zu tun, als würde man (auf der politischen Bühne) alles verschieben, um alles an seinem Platz zu halten. Es ist ein déjà-vu aus Kolonialzeiten für die Alten, ein déjà-vu für uns, die wir seit Oktober 1988 Zeugen aller Tricks des Regimes waren, und es wird ein weiterer Verrat an der Jugend sein. Jenseits der an der Spitze ausgeheckten und von der Wahlkommission verkündeten Ergebnisse sind die Fakten da: Alle Komplizen der Bouteflika-Ära sind zurück! Dies ist die perfekte Verkörperung des „Gegenplans“, der von den Leuten im Präsidentenpalast, der el-Mouradia, versprochen wurde.


Seit dem 22. Februar 2019 gab das Regime vor, den Hirak zu begleiten, doch betrieb es in Wahrheit eine Konterrevolution, die zur Errichtung illegitimer Institutionen geführt hat. In ihrer Besessenheit, an der Macht zu bleiben, haben die Befürworter des Status-Quo Institutionen geschaffen, die nichts anderes als Marionetten ohne Legitimation und Inhalt sind.


Heute versuchen sie gewaltsam, die Stimme des Volkes zum Schweigen zu bringen, um sie durch die der Heuchler, Gefügigen und Scharlatane zu ersetzen. Wenn ein Funktionär einer politischen Partei, der für seine krankhafte Feindseligkeit gegenüber der Kabylei bekannt ist, vor den Augen und Ohren der Justizbehörden ethnizistische Hassreden über diese Region hält, zeugt dies vom stillschweigenden Einverständnis auf allerhöchster Staatsebene. In Wahrheit und nach Meinung zuverlässiger Quellen leidet diese Person unter schweren Störungen und Gleichgewichtsverlust, was eine Behandlung mit Analgetika erfordert. Seine Entfernung vom Schauplatz sollte einfach ein Gebot politischer Hygiene sein. F. Guizot meinte: „Beleidigungen folgen dem Gesetz der Schwerkraft. Sie haben nur Gewicht, wenn sie aus großer Höhe fallen."


In diesem Land finden es hochrangige Beamte nicht peinlich, ihre eigenen Kinder auf die Wahllisten zu setzen; der Staat finanziert ihren Wahlkampf, die Verwaltung stellt Säle bereit, die unabhängige Wahlkommission sichert ihnen Sitze zu, der Staatssicherheitsapparat sorgt für den Personenschutz, und der Verfassungsrat bestätigt ihnen die Mandate! Das ist Ausdruck von Tyrannei, Despotismus und Autokratie. Die autoritären Neigungen des Regimes sind sehr real, weshalb es wichtig ist, friedlich und vereint zu bleiben, um die Volksmobilisierung aufrechtzuerhalten. In diesem demokratischen Kampf trotz solch schwieriger Bedingungen durchzuhalten, ist höchst revolutionär.


An 121 Freitagen skandierten die Algerier in Algier, Tizi Ouzou, Oran, Constantine, Ouargla, Annaba, Tlemcen, Bouira, Jijel, Bejaia und in anderen Städten des Landes lautstark Slogans von Freiheit, Demokratie, Unabhängigkeit, Bürgerrechte und Bürgerbeteiligung. Die Algerier im Ausland, in Washington, Montreal, Paris, Brüssel, London, Genf, Berlin und anderen westlichen Städten haben laut und deutlich die Hoffnungen eines ganzen Volkes zum Ausdruck gebracht. Sie sind wahre Botschafter für Recht und Gerechtigkeit.


Die Algerier sind sich der Tatsache voll bewusst, dass der Kampf um echte Selbstbestimmung Ausdauer, Konsequenz und ein Verstehen der politischen Auseinandersetzungen erfordert. Sie wissen, dass der Kampf für Demokratie auch der Wahrung und Festigung der Unabhängigkeit dient. Die Schaffung eines Rechtsstaates basiert mehr denn je auf der damit verbundenen Befreiung des Landes von jeglicher Erpressung, Bevormundung und Monopolisierung.


Ich persönlich sage und bürge dafür, dass das offizielle Frankreich nach wie vor eines der Hindernisse für die Etablierung eines demokratischen Prozesses in Algerien und Afrika ist. Die Unterstützung des offiziellen Frankreichs für das algerische Regime beweist, dass die menschlichen Werte, Modernität und Demokratie, die in Zeremonien und Reden verkündet werden, bloße Glaubensbekenntnisse sind, die vor den geheimen Abmachungen der Politik keinen Bestand haben. Wenn auch das algerische Regime weiterhin behauptet, der einzige Garant für Stabilität in der gesamten Region zu sein, ist es in Wirklichkeit selbst eine Quelle andauernder politischer Instabilität. Nachhaltige Stabilität im modernen Sinne lässt sich nicht auf die bloße Sicherheitsdimension reduzieren, sondern ist mit Demokratie und guter Regierungsführung verbunden.


Stabilität stützt sich auf drei wichtige Säulen: Legitimität, Demokratie und Gerechtigkeit. In der heutigen Welt ist kein Platz für Improvisation und Handwerkelei. Alles beruht auf Menschen, Forschung und Weitsicht. Zu glauben, dass allein eine Armee, sofern sie bestens ausgerüstet ist, in großen turbulenten Regionen Sicherheit bieten könne, bedeutet, sich dem Risiko von falscher Analysen, Visionen und Lösungen auszusetzen. Die Herausforderungen sind groß, die Probleme vielfältig und unsere Ressourcen begrenzt. Deshalb müssen wir Überlegungen anstellen und in die Realität umsetzen, um Fallgruben und Scheindebatten zu umgehen. Heute ist allen Kräften des Wandels dringend zu empfehlen, eingebildete Trennlinien rasch zu überwinden und ein Zukunftsprojekt aufzubauen, das geeignet ist, die Gesellschaft als Ganzes zu mobilisieren.


Natürlich müssen wir weiterhin an den demokratischen Grundsätzen festhalten, insbesondere in Bezug auf die volle Ausübung der individuellen und kollektiven Freiheiten, die Achtung des allgemeinen Wahlrechts, den friedlichen Machtwechsel, den Pluralismus und die Rechtsstaatlichkeit. Wir alle müssen uns diesem Kampf verschreiben und ihn in einem pluralistischen, einheitlichen und friedlichen Rahmen führen. Im Hinblick auf das dringliche Problem der politischen Gefangenen, die nur wegen ihrer Ansichten inhaftiert sind, müssen wir sofort, gemeinsam und wohlorganisiert handeln. Die Schaffung eines Aktionsrahmens, der ausschließlich dem Schutz der Freiheiten und der Verteidigung der Menschenrechte gewidmet ist, ist eine absolute Notwendigkeit. Es geht vor allem darum, richtige und praktisch umsetzbare Ideen sowie Männer und Frauen zu finden, die engagiert und entschlossen sind, diesen Kampf für einen radikalen und friedlichen Wandel zu führen. Am wichtigsten ist heute, sich nicht nur mit Bekenntnissen zu Werten oder Prinzipien zufrieden zu geben. Deshalb arbeiten wir aktiv daran, Standpunkte einander anzunähern und so alle nur möglichen politischen Synergien zu schaffen, die möglich sind, um gemeinsam konkrete Schritte zu unternehmen. Mouloud Mammeri sagte in einem seiner Zitate: "...Gib nicht auf, auch wenn alles langsam zu gehen scheint, denn schon der nächste Atemzug kann Erfolg bringen. Erfolg ist nur das Gegenteil von Misserfolg, und du kannst nie wissen, wie weit das Ziel entfernt ist, das vielleicht nahe ist, dir ab""

Karim Tabbou Algier, 16. Juni 2021


Facebookseite von Karim Tabbou

https://www.facebook.com/karim.tabbou.5/about



Bericht zur Wahl aus der Zeit: Regierungspartei gewinnt Parlamentswahl

In Algerien hat die erste Parlamentswahl nach dem Sturz des Langzeitpräsidenten Bouteflika stattgefunden. Die Nationale Einheitsfront ist trotz Verlusten stärkste Kraft.

Nach dem vorläufigen amtlichen Wahlergebnis erreichte die Partei von Staatspräsident Abdelmadjid Tebboune und Ex-Präsident Bouteflika 105 von 407 Sitzen im Parlament. Im Vergleich zur letzten Wahl verlor sie dabei mehr als 50 Parlamentssitze. Zweitstärkste Kraft wurde mit 78 Sitzen ein Block aus Parteien von zwei unabhängigen Kandidaten. An dritter Stelle folgte die Partei der algerischen Muslimbrüder mit 64 Sitzen. Die Demokratische Nationalversammlung (RND), mit der die FLN traditionell verbündet ist, kommt nach seinen Angaben auf 57 Sitze.

Bei der Wahl im flächenmäßig größten Land Afrikas waren mehr als 24 Millionen Algerierinnen und Algerier aufgerufen, ihre Stimmen für das Parlament abzugeben. Die Wahlbeteiligung lag allerdings bei nur 23 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau der vergangenen Parlamentswahlen. Ursprünglich war die Abstimmung für Mai 2022 vorgesehen.

Hunderte Aktivisten festgenommen

Präsident Tebboune hat das noch unter Bouteflika gewählte Parlament im Februar nach Massenprotesten aufgelöst und einen grundlegenden Wandel versprochen. Gegnern der Regierung ging der Schritt aber nicht weit genug. Sie wollen die bisherige politische Elite entmachten. Seit Monaten gehen dafür immer wieder Tausende auf die Straße. Sie sehen die jetzige Führung als Fortsetzung des alten Systems. Entsprechend kündigten viele Anhängerinnen der Hirak-Protestbewegung und Politiker der Opposition auch einen Boykott der Wahl an.

Seit Mai gehen die Behörden in Algerien wieder verstärkt gegen die inzwischen verbotene Protestbewegung vor. In den vergangenen Wochen wurden Hunderte Aktivisten festgenommen. Vor der Wahl wurden auch sieben führende Vertreter der Hirak-Bewegung inhaftiert. Der heute amtierende Präsident Tebboune, der unter Bouteflika Regierungschef gewesen war, ist der Auffassung, die Hauptforderungen der Protestbewegung in "Rekordzeit" erfüllt zu haben.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-06/algerien-parlamentswahl-regierungspartei-gewinn-abdelaziz-bouteflika


Amnesty International verurteilte die Verhaftung von zwei Journalisten und einem Oppositionsführer vor den Wahlen in Algerien


Die Journalisten Khaled Drareni und Ihsane El Kadi sowie der prominente Oppositionsführer Karim Tabbou wurden am 10. Juni in Gewahrsam genommen.


"Diese Verhaftungen markieren eine erschreckende Eskalation im Vorgehen der algerischen Behörden gegen das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit im Vorfeld der Wahlen", sagte Amna Guellali, stellvertretende Direktorin von Amnesty International für den Nahen Osten und Nordafrika.


Die Männer wurden in der Nacht getrennt voneinander festgenommen und zum Verhör in das Sicherheitszentrum Antar gebracht.


Die Verhaftung der drei Männer stellt eine Fortsetzung der Verhaftungskampagne dar, die sich gegen Personen richtet, die mit der Protestbewegung des Landes Hirak in Verbindung stehen. Mehr als 200 Personen sind derzeit inhaftiert.

https://english.alaraby.co.uk/news/amnesty-condemns-algeria-arrests-ahead-elections


Algerien und Frankreich: Vom Kolonial- zum Erinnerungskrieg?

Immer, wenn ein französischer Präsident Algerien besucht, liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Medien auf beiden Seiten des Mittelmeers schauen genau hin, wenn die Präsidenten beider Länder symbolische Gesten austauschen, und wägen die Worte ab, mit denen der prominente Gast die bilateralen Beziehungen charakterisiert.[1] Bemerkenswerterweise geht es dabei häufig nicht um die vielen Gegenwartsprobleme wie etwa die Visums- und Migrationsfragen, die Terrorbekämpfung, die wirtschaftliche Kooperation oder die Flüchtlingsbewegungen im Mittelmeerraum, sondern den Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit: Wie hat der französische Präsident das Kolonialsystem Frankreichs in Algerien dargestellt? Hat er gar eine "Entschuldigung" präsentiert? Und: Hat er das Leid der mit der Unabhängigkeit geflüchteten Europäer und der für Frankreich kämpfenden Algerier zur Sprache gebracht?


Algerien und Frankreich verbindet eine konfliktträchtige Beziehungsgeschichte.

Eine besonders intensive Form kolonialer Herrschaft und Besiedlung (ab 1830) endete mit einem der blutigsten militärischen Konflikte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der algerische Unabhängigkeitskrieg – je nach Perspektive auch "Algerische Revolution" oder "Algerienkrieg" – war ein Krieg der Extreme: Mit rund 400.000 algerischen Toten und 25.000 gefallenen französischen Soldaten entfaltete sich hier zwischen dem 1. November 1954 und dem Waffenstillstand vom 19. März 1962 der größte und blutigste Dekolonisationskrieg weltweit.[2] Rund eine Million französische Soldaten nahmen an Frankreichs drittgrößtem Militäreinsatz im 20. Jahrhundert teil, der das nordafrikanische Land stark verwüstete und Frankreich in eine tiefe politische Krise stürzte.

Durch den systematischen Einsatz von Folter, Gewalt an Zivilisten, Umsiedlungen und psychologischer Kriegführung wurden der Krieg zum Modell des "schmutzigen Kriegs", die algerische Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) zum leuchtenden Vorbild für Guerillakämpfer im Globalen Süden und französische Militärs zu weltweit gefragten Folterexperten.


Auch in der nachkolonialen Erinnerung ragt der algerische Fall heraus. Das blutige Ende der Algérie française steht seit den 1990er Jahren im Mittelpunkt massiver Debatten um das koloniale Erbe Frankreichs und Europas. Dies hat – gerade auch außerhalb Frankreichs und Algeriens – zu einem Tunnelblick auf die Geschichte geführt. Sowohl der algerische Unabhängigkeitskampf als auch die Erinnerungen daran werden als ein absoluter Sonderfall – ein französisch-algerisches tête-à-tête – aus der breiteren Geschichte der Dekolonisation herausgelöst. Der Krieg dient dann etwa als Beleg für das besonders brutale und rücksichtslose Festhalten Frankreichs an seinem Kolonialreich, als Gegenbeispiel, von dem sich das vermeintlich einsichtige Großbritannien abhebt.[3] Jedoch: Jenseits der extremen Ausmaße ist der algerische Unabhängigkeitskrieg kein absoluter Sonderfall einer Auflösung europäischer Kolonialherrschaft. Und auch die Konflikte um die Erinnerung an die Kolonialzeit und den Krieg verdichten in extremer Form Erinnerungsprozesse, die in weiten Teilen Westeuropas und des Globalen Südens ablaufen.


Warum Algerien?

Warum nahm gerade Französisch-Algerien ein solch blutiges Ende? Erstens war Algerien Frankreichs erste und wichtigste Kolonie im 19. und 20. Jahrhundert. Ab 1830 erobert, wurde das Land zu einer Art "kolonialer Provinz".[4] Algerien bildete das Prestigeobjekt einer ambitionierten Assimilationspolitik und war maßgeblich mit den politischen Strukturen der Metropole verwoben. Algerien galt (spätestens ab 1870) als integraler Bestandteil des französischen Staatsterritoriums; der Norden des Landes wurde nach französischem Vorbild in Départements unterteilt, in denen Stadt- und Regionalräte sowie Abgeordnete für die Abgeordnetenkammern in Paris gewählt wurden.


Zweitens war Algerien neben Südafrika die größte europäische Siedlungskolonie Afrikas. 1954 befanden sich fast eine Million Europäer im Land und dominierten die exportierten staatlichen Strukturen, auch dank einer verschärften Diskriminierungspolitik gegenüber der algerischen Bevölkerungsmehrheit. Durch die Siedler setzte Frankreich im Vergleich zu vielen britischen Siedlungskolonien der Selbstregierung klare Grenzen. Von zentraler Bedeutung für die Siedler war ihr Zugang zum politischen Betrieb in Paris, wo sie eine lautstarke Lobby bildeten und Einfluss auf die Algerienpolitik nahmen.


Drittens wirkte sich die Art des antikolonialen Widerstands auf den Verlauf der Dekolonisation aus. Die in Algerien ab der Jahrhundertwende entstehende Nationalbewegung zeichnete sich durch einen hohen Grad an Heterogenität aus.[5] Zwar war ein gewisses Maß an Uneinigkeit über die Ziele und Mittel ein Merkmal der meisten antikolonialen Nationalbewegungen, doch rangen in Algerien vier unterschiedliche Strömungen um die Führung im Kampf gegen die Kolonialherrschaft und um die Deutungshoheit über die algerische Nation: liberale Kolonialismuskritiker, muslimische Reformgelehrte, Kommunisten sowie eine ursprünglich unter maghrebinischen Arbeitsmigranten in Frankreich gegründete nationalistische Partei. Im Unterschied zu Tunesien und Marokko bildete sich in Algerien auch im Verlauf des antikolonialen Kampfes zunächst keine dominante Stellung eines dieser Akteure heraus – auch nicht, als das französische Militär und Siedler-Milizen im Mai 1945 auf brutalste Weise einen Aufstand in Ostalgerien niederschlugen.

Die Anschlagsserie, mit denen der FLN in der Nacht zum 1. November 1954 in Erscheinung trat, stand daher weniger in der Kontinuität eines jahrzehntelangen politischen Kampfes, sondern war die Verzweiflungstat einer kleinen Gruppe militanter Nationalisten.[6] Diese hielten den bewaffneten Kampf nicht nur für den einzig verbliebenen Weg, sondern auch für den Ausweg aus der inneren Blockade der Nationalbewegung. Die blinden und brutalen Reaktionen Frankreichs auf die Anschläge hatten entscheidenden Anteil daran, dass der Rückhalt des FLN innerhalb der algerischen Bevölkerung wuchs.


Krieg an vielen Fronten

Der Krieg, der sich ab dem 1. November 1954 entfaltete, gewann seine besondere Dynamik aus einer Mischung aus massiver Repression und Reformbemühungen. Eine breite politische Mehrheit in Frankreich, einschließlich der traditionell kolonialismuskritischen Sozialisten und Kommunisten, drängte auf ein gewaltsames Niederringen des FLN. Ausgestattet mit Notstandsgesetzen und Sondervollmachten versuchten das Militär und die Polizeikräfte, den Guerillakampf zu beenden. Frankreichs "antisubversive" Kriegführung zog die zivile Bevölkerung stark in Mitleidenschaft; hierzu gehörte der systematische Einsatz von Folter, Internierungslager und massenhafte Zwangsumsiedlungen.[7] Zwei Millionen Algerier, rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung, lebte am Ende des Kriegs in Umsiedlungslagern.


Zur gleichen Zeit startete Frankreich eine umfassende Kampagne spätkolonialer Reformen, die kurz zuvor noch undenkbar gewesen waren. Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung und Industrialisierung, Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, in das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die spürbare Ausweitung der Partizipationsrechte für Algerier sollten dazu beitragen, die Bevölkerung für die Metropole zu gewinnen.


Der Kampf zwischen dem FLN und der Kolonialmacht verlief auf drei Ebenen, die sich immer wieder überschnitten. Im Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzung stand nicht der städtische Häuserkampf, wie er in Gillo Pontecorvos Meisterwerk "La Battaglia di Algeri" 1966 verewigt wurde, sondern der Guerillakrieg, der sich vorwiegend auf dem Land abspielte.[8] Daneben suchte Frankreich, vorwiegend über polizeiliche Maßnahmen, die politisch-administrativen Strukturen des FLN zu zerschlagen. Parallel dazu erfolgte eine diplomatische Auseinandersetzung um die Weltöffentlichkeit, die hauptsächlich in den Vereinten Nationen zum Tragen kam.[9] Vor allem aufgrund einer massiven Truppenaufstockung 1959 entschied Frankreich den Guerillakrieg für sich, scheiterte aber an den beiden anderen Fronten. Insbesondere der wachsende internationale Druck zwang die französische Führung dazu, in Verhandlungen mit dem FLN zu treten.


Spätestens mit dem Zusammenbruch der Vierten Republik 1958, der durch einen von Algier ausgehenden Staatsstreich befördert wurde, erreichte der algerische Unabhängigkeitskrieg das französische Mutterland. Der Krieg wurde durch zahlreiche weitere Frontverläufe verkompliziert: Da war zum einen der blutige Konflikt, in dem der FLN seinen Alleinvertretungsanspruch gegen rivalisierende Nationalisten und pro-französische Gruppen durchsetzte; zum anderen kämpften zwischen 200.000 und 400.000 Algerier als Hilfstruppen für Frankreich – ein (oftmals nicht politisch motiviertes) Engagement, das vielen nach dem Algerienkrieg zum Verhängnis wurde. Zahlreiche Verwerfungen durchzogen auch das französische Lager: Soldaten widersetzten sich ihrer Versendung nach Algerien, und der FLN fand auch in Frankreich Unterstützer; mit Kriegsverlauf verselbständigten sich Armeekader, die dann im Verbund mit radikalisierten Siedlern erbitterten Widerstand gegen jegliche Zugeständnisse leisteten – von Straßenkämpfen über einen Putschversuch 1961 und der Gründung der Organisation de l’armée secrète (OAS), die Algerien und Frankreich 1961/62 mit einer Terrorkampagne überzog. Der französische Präsident Charles De Gaulle überlebte mehrere gegen ihn gerichtete Attentate nur mit Glück. Nach einem Waffenstillstand am 19. März 1962 wurde das Land am 5. Juli 1962 unabhängig.

https://www.bpb.de/apuz/232425/algerien-und-frankreich-vom-kolonial-zum-erinnerungskrieg?p=all







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