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Gekaufte Meinung: Staat ködert Journalisten mit Karriereversprechen, Honoraren, Exklusivnachrichten

und macht so das Gerede von der Unabhängigkeit zu einer Farce. von Michael Meyen Foto: Microgen/Shutterstock.com Distanz zur Macht versprechen uns die Redakteure der Leitmedien und kleiden sich in das Gewand eines neutralen Berichterstatters, der zwar eine Meinung haben darf, aber trotzdem nach Objektivität strebt. Pustekuchen. Die Macht lockt mit allem, was sie hat — mit Nähe, mit Posten, mit Geld. Die gute Nachricht: Wenigstens ein Teil der Öffentlichkeit schaut inzwischen genauer hin und legt so nach und nach die Verflechtungen frei, die den medial-politischen Komplex lange zu einer Bastion gemacht haben. Je mehr sich der Schleier lüftet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die anderen aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und vom Journalismus das einfordern, was in Mediengesetzen und Pressekodex steht.

Früher habe ich gelächelt, wenn Menschen vom Elfenbeinturm sprachen. Diese Universitäten, ja, ja. Weltfremd, verschroben, ein wenig abgehoben. Ich kannte den Laden von innen und dachte, dass ich es besser weiß. Es war schön, rauszugehen, Leben zu sammeln und dann zu streiten über das, was ich gesehen und gehört hatte bei Hausbesuchen und Interviews. Die Universität kam mir eher vor wie ein Taubenschlag. Offen nach allen Seiten und immer ein Brieflein im Anflug mit Kunde von der Welt, begleitet von einem Geschnatter, das wie Neugier klang. Vermutlich habe ich mir das damals schöngeredet und nicht sehen wollen, dass nicht jede Taube in Frieden kommt. Im Mai 2018 hatte ich Gabriele Krone-Schmalz zu Gast in einem vollen Hörsaal und bin hinterher krank geworden, weil einige nicht reden wollten, sondern stören. Haltung zeigen. Statements verlesen. Hinterher saß eine dieser Gruppen neben uns in der Kneipe. Mit Krone-Schmalz sprechen? Nicht doch. Am Ende kommen wir noch auf dumme Gedanken. Akademiker, wie gesagt. Wir brauchen kein Buch, das etwas anderes sagt als das, was wir schon vorher wussten. Obwohl es einige solcher Erlebnisse gab, dachte ich: Ausnahmen. Muss es auch in einem Taubenschlag geben. Seit März 2020 funktioniert dieser Selbstbetrug nicht mehr. Ich habe auf leeren und dunklen Institutsfluren Kollegen mit bunten Masken gesehen, als es noch gar keine Pflicht gab. Jetzt tragen nicht wenige FFP2, immer noch, selbst allein auf dem Klo. Vorträge halte ich in diesem Milieu nur noch selten, obwohl meine Publikationsmenge und mein Alter sagen, dass ich mit Einladungen überschüttet werden müsste. Selbst wenn etwas kommt, verzichte ich lieber. Es ist anstrengend, in leere Gesichter zu blicken und Menschen zu sehen, die Karl Popper verinnerlicht haben und das Paradox nicht sehen, wenn eine Gesellschaft sich einredet, offen zu sein, und trotzdem glaubt, permanent nach „Feinden“ suchen zu müssen, die es zu bekämpfen gilt (1). Neulich konnte ich nicht Nein sagen. „Das mediale Erbe der DDR“ — mein Thema (2), noch dazu vor Historikern, vor Menschen also, die sich damit auskennen und um die Mechanismen der Macht wissen sollten. Wir kamen schnell zu den Leitmedien von heute, da sich eine meiner Thesen um die Skepsis im Osten drehte. In Kurzform: Die Menschen dort wissen, dass jede Regierung alles kontrollieren möchte, was öffentlich über sie gesagt wird — vor allem natürlich in den Kanälen, die niemand meiden kann, der wissen will, was die anderen zu wissen glauben. Nicht doch, Herr Meyen. Damals vielleicht. Aber heute doch nicht. Wir leben in einer Demokratie. Das müsste doch selbst im Osten mittlerweile angekommen sein. Ich spitze das hier etwas zu und habe die Details schon wieder verdrängt. Hängen geblieben ist der tiefe Glaube an das, was der Journalismus von heute über sich selbst erzählt. Vierte Gewalt, Kritik und Kontrolle, blabla. Ich war einigermaßen perplex und habe mit den Argumenten geantwortet, die in meinem Rubikon-Buch stehen (3), aber schnell gemerkt, dass das zumindest für einen Teil dieses Publikums nicht funktioniert, obwohl wir heute noch viel mehr wissen als Anfang 2021. Wenn ich dieses Buch heute neu schreiben müsste, würde das Kapitel platzen, in dem es um das Zusammenspiel von Regierungen, Behörden und Redaktionen geht. Das beginnt mit Kleinigkeiten, die man in einer anderen Welt mit einem Lächeln quittieren könnte. Ein ARD-Journalist, der auf der Webseite der Tagesschau den neuen Verteidigungsminister feiert und ein paar Tage später sein Sprecher wird. „Analyse“ steht in der URL. Nun ja. Schön für Michael Stempfle, dieser Aufstieg. Nicht so schön, dass er kein Einzelfall ist, sondern fast schon eine Regel. An der Spitze des Presse- und Informationsamtes hat die Ampel drei Topjournalisten installiert: Steffen Hebestreit, Christiane Hoffmann, Wolfgang Büchner. Hauptstadtkorrespondent, Bestsellerautorin, Chefredakteur. In Rheinland-Pfalz verlor die Regionalpresse kurz vor der Bundestagswahl gleich drei prominente Autoren an die Landesregierung. Florian Schlecht, Carsten Zillmann und Ulrich Gerecke haben aus dem Mainzer Landtag berichtet und dann die Seite gewechselt. Jedes Ministerium braucht einen guten Sprecher — vor allem einen, der weiß, wie die einstigen Kollegen ticken, und ihre Handynummern hat. Für den Journalismus hat das Folgen. Jeder spürt, dass die Einnahmen schrumpfen und zuerst Personal gespart wird. Jeder sieht auch, was Michael Stempfle geschafft hat — ganz zu schweigen von Steffen Seibert, erst ZDF-Gesicht, dann das von Angela Merkel und inzwischen als Botschafter in Tel Aviv dort, wo fast jeder Diplomat gern wäre. Wer mag die Hand beißen, die ihn schon bald füttern könnte? Was Boris Reitschuster aus der Bundespressekonferenz ins Land getragen hat, sieht durch diese Brille plötzlich ganz natürlich aus. Die öffentlich-rechtliche TV-Prominenz hat es noch besser als die schreibenden Kollegen. Variante eins: Man talkt auf eigene Rechnung wie Anne Will. Bilanzgewinn bei der Will Media GmbH 2019: mehr als anderthalb Millionen Euro. Eine Sonntagsrunde kostet so knapp 150.000 Euro (4). Jens Lehrich macht das bei Fair Talk für weniger als zehn Prozent und eher besser. Variante zwei: Man schröpft neben dem Beitrags- auch noch den Steuerzahler. Ist irgendwie ja das gleiche. Was eine kleine AfD-Anfrage in Sachsen zutage gefördert hat, ist vermutlich nur die Spitze eines Eisberges. Ein MDR-Moderator hat hier von der Landesregierung mehr als 10.000 Euro für einen Podcast bekommen, den kaum jemand hört. Der gleiche Abgeordnete hat die Staatskanzlei dazu gebracht, eine lange Liste mit Ausgaben zu veröffentlichen — Moderationshonorare für MDR-Leute. Dass sich Olaf Scholz für seinen Auftritt auf der Republica im Juni 2022 aussuchen konnte, wer ihn befragt, und dafür einen Deal mit dem „Management“ von Linda Zervakis machte, passt in dieses Bild. Seit wann haben Kritiker und Kontrolleure der Regierung ein Management, das mit dem Kanzleramt verhandelt?

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