Europas Adel und Bourgeoisie zogen den größten Reichtum durch Ausplünderung Amerikas und Völkermord

Viele Spanier:innen feiern den 12. Oktober. "Nichts zu feiern: Amerika wurde nicht entdeckt, es wurde überfallen und geplündert": Die indigene Bevölkerung wurde vielfach von den europäischen Invasoren ermordet. Am 12. Oktober 1492 erreichten die spanischen Schiffe unter der Führung von Christoph Kolumbus. Sofort begann die schändlichste Eroberung, Kolonisierung und massenhafte Plünderung der Geschichte. Zunächst beschränkten sich die Kastilier auf den Diebstahl von Schmuck und Wertgegenständen, die die Indigenen besaßen. Als diese sich erschöpften, setzten sie die Plünderung der Edelmetallminen fort, die mittels Zwangsarbeit einer versklavten indigenen Bevölkerung ausgebeutet wurden. Deren Lebensstandard verschlechterte sich bald, was sich in kurzer Zeit in einem sehr starken Anstieg der Sterblichkeitsrate niederschlug. Dieses unglückliche Datum symbolisiert für viele Menschen den Beginn des Niederganges, der Ausbeutung und des Elends des gesamten amerikanischen Kontinents über Jahrhunderte hinweg, zunächst durch die europäische und später durch die kreolische Ausbeutung. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat in einem offenen Brief an das spanische Staatsoberhaupt König Felipe VI. die Begehung des Nationalfeiertags am 12. Oktober scharf kritisiert. Zudem plädiert er für die Einsetzung einer Wahrheitskommission über die europäische Besetzung Amerikas, "um die Kämpfe der indigenen Völker und die Verbrechen der Kolonialisierung anzuerkennen".


Europäischer Adel und Bourgeoisie haben auf der Basis der Ausplünderung Amerikas und des Völkermords den größten Reichtum aller Zeiten angehäuft

Von Jorge Molina Araneda QUELLE:NODAL Marx stellte fest: "Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation."

Der 12. Oktober 1492 ist ein Datum, das von vielen Spaniern jedes Jahr unter großem Jubel gefeiert wird. Viele von ihnen wissen wahrscheinlich gar nicht, was dieses Datum wirklich bedeutet, ganz abgesehen von der parteiischen und manipulierten Nutzung durch den spanische Staat seit vielen Jahren, indem er es als "Tag der Rasse" bezeichnet, ein höchst fremdenfeindlicher und rassistischer Ausdrucks; oder als "Tag der Entdeckung der neuen Welt", als ob Amerika erst seit 1492 existierte, oder als ob dieses Ereignis etwas Positives für die indigene amerikanische Bevölkerung bedeutet hätte. Doch weit entfernt von dieser verzerrten Perspektive, symbolisiert dieses unglückliche Datum für viele Menschen den Beginn des Niederganges, der Ausbeutung und des Elends des gesamten amerikanischen Kontinents über Jahrhunderte hinweg, zunächst durch die europäische und später durch die kreolische Ausbeutung. Am 12. Oktober 1492 erreichten die spanischen Schiffe unter der Führung von Christoph Kolumbus (der später seine Fähigkeiten als Befehlshaber und Ausbeuter der Sklaverei unter Beweis stellen sollte), Juan de La Cosa (ein wohlhabender Kartograph) und den Brüdern Vicente Yáñez und Martín Alonso Pinzón (Vertreter des andalusischen Großbürgertums) die karibischen Küsten von Guanahani, eine nicht sehr genaue Angabe, da es auch zu erwägen gilt, dass sie weiter südlich an der Küste von Cayo Samaná landeten, wo die Amerikaner zum ersten Mal die Kreuze und Banner der unbekannten Abendländler sahen, ohne in diesem Moment die Katastrophe zu erahnen, die diese Tatsache für ihre Zivilisation bedeuten würde. Sofort begann die schändlichste Eroberung, Kolonisierung und massenhafte Plünderung der Geschichte. Zunächst beschränkten sich die Kastilier auf den Diebstahl von Schmuck und Wertgegenständen, die die Indigenen besaßen. Als diese sich erschöpften, setzten sie die Plünderung der Edelmetallminen fort, die mittels Zwangsarbeit einer versklavten indigenen Bevölkerung ausgebeutet wurden. Deren Lebensstandard verschlechterte sich bald, was sich in kurzer Zeit in einem sehr starken Anstieg der Sterblichkeitsrate niederschlug. In diesem Zusammenhang ist nicht nur die Verantwortung der kastilischen Soldaten hervorzuheben, sondern auch die des von vielen idealisierten Christoph Kolumbus selbst, der die erste ausländische Regierung in Amerika ins Leben rief. Seine Herrschaft auf den karibischen Inseln (da der amerikanische Kontinent noch nicht erforscht war) dauerte von 1492 bis 1500, eine Zeit, die Kolumbus zu seiner persönlichen und der Bereicherung seiner Familie nutzte. Ein unwiderlegbarer Beweis dafür sind die enormen Befugnisse, die ihm am 17. April 1492 in den Kapitulationsverträgen von Santa Fe eingeräumt werden, in denen er absolute Machtbefugnisse erhält: Überdies, dass Eure Hoheiten den besagten Cristóbal Colón zu Eurem Vizekönig und Generalgouverneur auf den besagten Inseln und festen Ländern machen, die er entdecken wird, soll Don Cristóbal von der gesamten Ware den zehnten Teil für sich behalten, und dass er oder sein Stellvertreter, aber kein anderer Richter, auf den besagten Inseln und festen Ländereien im Falle eines Rechtsstreits diesen von nun an verhandeln und beilegen soll. Da Ihr, Cristóbal Colón, auf unseren Befehl hin Inseln und Festland entdeckt und gewinnt, sollt Ihr, da Ihr sie entdeckt habt, als ihr Admiral, Vizekönig und Gouverneur betitelt werden usw. (Historia de las indias, Bartolomé de las Casas, 1527-1561). So begann Kolumbus seine Herrschaft in Amerika mit eiserner Faust. Aber die wirtschaftliche Situation wurde unhaltbar; Gold und Silber gingen zur Neige, und er sah die Notwendigkeit, sich nach einer anderen Ressource umzusehen. Seine brillante Alternative ließ nicht lange auf sich warten: Der Handel mit indigenen Sklaven als Handelsware würde der perfekte Weg sein, um weiterhin wirtschaftlich von den amerikanischen Kolonien zu profitieren, so dass in kurzer Zeit eine große Zahl von Indigenen auf die iberische Halbinsel gelangte, um in den Gebieten der Krone gehandelt und versklavt zu werden. Dies führte logischerweise zu einer heftigen Reaktion des Widerstands und der Ablehnung seitens der indigenen Bevölkerung, die sich Mitte 1493, nachdem sie unter der Ausbeutung und dem Missbrauch durch die Kastilier gelitten hatte, auflehnte und die erste europäische Kolonie in Amerika, das so genannte Fort Navidad, zerstörte. Infolge dieser Situation, die Kolumbus schnell entglitt, beschloss Königin Isabella von Kastilien, den unmenschlichen Sklavenhandel auszusetzen und der Sklaverei ein Ende zu setzen, wenngleich wir später sehen werden, dass sie dies nicht aus humanitären Gründen, sondern aus rein wirtschaftlichen Interessen tat, um die absolute Macht von Kolumbus zugunsten der kastilisch-aragonesischen Krone zu begrenzen. Diese Vorstellung von Kolumbus verschwand jedoch nicht mit seiner Vertreibung im Jahr 1500, sondern ging leider auf seine politischen Nachfolger über, wie etwa auf die Regierung des Klerikers Fray Nicolás de Ovando (1502-1509), der die karibischen Enklaven verwaltungstechnisch, wirtschaftlich und politisch organisierte, aber seine rassistischen Maßnahmen gegen die indigene Bevölkerung fortsetzte. Er führte ein System der Zwangsarbeit der indigenen Bevölkerung ein, die auf den gesamten Inseln als Sklavenarbeiter eingesetzt wurde. Darüber hinaus brachten die Eroberer mit der Wiedereinführung des Encomienda-Systems, das zu so vielen Konflikten führen sollte, ein trauriges Phänomen zurück, ein Überbleibsel aus der dunklen mittelalterlichen Vergangenheit. Dieses System bestand darin, dass die Krone den spanischen Eroberern mehrere Indigenen zuwies oder "anvertraute", um sie als Sklavenarbeitskraft zu benutzen und wirtschaftlich in einer absoluten Situation der Ausbeutung von ihrer Arbeit zu profitieren. Und als ob das nicht genug wäre, wurde der Eroberer auch noch verpflichtet, ihnen in dieser Zeit die christlich-abendländische Kultur und die kastilische Sprache zu vermitteln, damit sie ihre Vergangenheit vergessen ‒ all dies ein Prozess der Eroberung und kulturellen Anpassung der amerikanischen Indigenen. Auch noch andere Systeme der Kontrolle der indigenen Bevölkerung wurden angewandt, wie das Repartimiento, bei dem diese in Dörfern oder Ansiedlungen zur Arbeit gezwungen wurde; die Kaziken und die hohen indigenen Adelsfamilien waren davon ausgenommen, was ein klares Klassendenken zeigte; oder auch das System des Yanaconaje, eine Situation der Halbsklaverei (da sie rechtlich nicht als solche anerkannt war); oder der direkten Sklaverei, hauptsächlich der Versklavung Schwarzer Arbeitskraft als aus Afrika importierte Ware, und als Alternativlösung zum Massaker an der indigenen amerikanischen Bevölkerung, die von verschiedenen Teilen der kastilischen Gesellschaft befürwortet und indirekt von dem berühmten Verteidiger der indianischen Bevölkerung, Fray Bartolomé de las Casas, akzeptiert wurde. So wurde im Laufe der Zeit und durch das Werk der kastilischen Eroberung eine ungleiche, klassistische und rassistische Gesellschaft gebildet und geformt, die den Grundstein für die zukünftige amerikanische Gesellschaft legte und deren Grundsätze leider auch heute noch in diesen Ländern aufrechterhalten werden. Dabei handelt es sich um das sogenannte Konzept der "Pigmentokratie", das der Forschungsreisende Alexander von Humboldt im 18. Jahrhundert so treffend beschrieb, als er sagte: "In Amerika entscheidet die mehr oder weniger weiße Haut über den Rang eines Menschen in der Gesellschaft". Auf diese Weise beruhten die sozialen Beziehungen in Amerika bereits seit dem 16. Jahrhundert auf rein ethnischen Faktoren, wobei die Mehrheit der Gesellschaft sozial diskriminiert wurde. Ihnen gefällt, was Sie lesen? Das freut uns. Unterstützen Sie unsere Arbeit, regelmäßige Spenden helfen uns, das Projekt amerika21 nachhaltig aufzustellen. Ihr amerika21-Team Hier können Sie spenden Die Indigenen waren ihrerseits trotz der Verkündung der Gesetze von Burgos (1512) und der Neuen Gesetze (1542) zwar rechtlich gesehen keine Sklaven mehr, aber dennoch änderte sich ihre ungleiche Situation nicht. Sie wurden weiter von den Konquistadoren ausgebeutet und zahlten aufgrund der bloßen Tatsache, dass sie Indigene (mita, coatequitl) waren überhöhte Abgaben. Sie wurden von den westlichen und kreolischen (Kinder von in Amerika geborenen Westeuropäern) Eliten sozial diskriminiert und befanden sich in einer Situation völliger Missachtung und Ablehnung seitens der herrschenden politischen Führungen. Diese isolierten sie vom Rest der Bevölkerung in damals so genannten "Reduktionen" (reducción a pueblos, initiiert von Vizekönig Pedro Álvarez de Toledo, dem berühmten Mörder und Unterdrücker der indigenen Bevölkerung), die wir heute Ghettos nennen würden, mit einer regelrechten Hierarchisierung und sozialen Schichtung. Die Situation der schwarzen Sklaven war sogar noch schlimmer, denn sie wurden auch rechtlich als Sklaven betrachtet, deportiert und in Afrika buchstäblich wie Tiere "gejagt". Sie kamen nach Amerika, um dort unter Bedingungen schlechter Sanitärversorgung, Hygiene und Ernährung die härtesten und unerträglichsten Arbeiten zu verrichten; sie wurden ihrer Freiheit beraubt und als Gebrauchsgegenstände, Waren und Objekte, aber niemals als menschliche Wesen behandelt. Die Eroberer selbst erfreuten sich daran ‒ so wie der amerikanische General George A. Custer später das Abschlachten der nordamerikanischen Indigenen damit rechtfertigte, dass sie nicht als Menschen galten, weil sie keine Seele hätten und keine Christen waren. Dies war zu jener Zeit ein viel benutzter moralischer Rekurs. Dieser ganze Prozess führte logischerweise zu einer wahren demografischen Katastrophe für die Indigenen Amerikas: 90 Prozent der indigenen Bevölkerung wurden allein in den ersten anderthalb Jahrhunderten der Invasion ausgerottet (90 Millionen Menschen). Die anerkannteste Theorie zu dieser Tatsache ist die sogenannte Mordthese, die Fray Bartolomé de las Casas in seinem bedeutenden Buch "Brevísima relación de la destrucción de las Indias" (Kurz gefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder) aufgestellt hat und die als Hauptursache für den Bevölkerungsrückgang die ständigen Folterungen, Misshandlungen, Morde und Zwangsarbeit, sowie die Hygiene- und Nahrungsmängel ansieht, welche die Indigenen seit der Ankunft der Abendländler erlitten. In diesem Sinne sind die Berichte über die von den Kastiliern in Amerika begangenen Gräueltaten, die er in seinem Buch ausführlich schildert, recht explizit, dort finden sich Zeugnisse wie diese: Der Hauptmann befahl, alle Männer, es waren mehr als hundert, die sie gefesselt hielten, auf in den Boden gerammten Stöcken lebendig zu verbrennen. Er ging hin, und während sie in ihre Tänze vertieft und sicher waren, sagte Santiago "auf sie", und sie begannen, mit ihren bloßen Schwertern diese nackten Körper aufzuschneiden, deren Blut großzügig zu vergießen, so dass sie nicht einen von ihnen am Leben ließen. Die Spanier machten es zum Gesetz, dass alle Indios jeden Geschlechts und jeden Alters, die sie lebendig fingen, in Löcher geworfen werden sollten, und so warfen sie schwangere Frauen und Kinder und alte Männer, so viele sie ergreifen konnten, in Löcher, bis sie sie, durchbohrt von den Pfählen, aufgefüllt hatten. Dies sind nur einige Fragmente der vielen und detaillierten Tötungen und Folterungen seitens der Spanier, die Bartolomé de las Casas sehen und hören konnte. Auch die Behandlung der Eroberer gegenüber der indigenen Bevölkerung ist in den Dokumenten und Zeugnissen aus den kastilischen Quellen, wie dem so genannten "requerimiento" von 1513 sehr deutlich, wo es wörtlich heißt: Und wenn ihr euch nicht unterwerft und euch darin böswillig in Verzögerung setzt, werde ich mit Macht gegen euch vorgehen und Krieg gegen euch führen und euch dem Joch und dem Gehorsam der Kirche und der Krone unterwerfen und eure Frauen und Kinder nehmen und sie zu Sklaven machen und sie verkaufen und euch eure Güter nehmen und euch allen Schaden und alles Übel antun, das ich kann, denn all das ist eure Schuld. In "Die offenen Adern Lateinamerikas" weist Eduardo Galeano darauf hin, dass allein die Plünderung der Mine von Potosí Europa riesige Gewinne einbrachte, deren Menge an Silber für den Bau einer silbernen Brücke zwischen Amerika und Europa ausgereicht hätte. Eine weitere Brücke hätte mit den Leichen der in der Mine versklavten Indigenen gebaut werden können: acht Millionen Indigene sind in der ersten Phase der Plünderung von Potosi der Ausbeutung durch die Spanier zum Opfer gefallen. Ein versklavter Indigener hatte in der Mine in Potosí eine durchschnittliche Lebenserwartung von zwei Monaten (nach dieser Zeit der Versklavung starb er, und die Invasoren ersetzten ihn durch einen anderen versklavten Indigenen). Ebenso verschlang die Mine von Ouro Preto in Brasilien das Leben von Millionen von Afrikanern und brachte den Invasoren Kapital, das für den europäischen Kapitalismus entscheidend sein sollte. Als die iberische Halbinsel aufgrund ihrer "heiligen Kriege" verschuldet war, ernteten die europäischen Bankiers all diesen Reichtum, getränkt mit menschlichem Blut und Schmerz. Cecilia Zamudio zufolge markiert der 12. Oktober auch den Beginn der Massendeportation von Menschen durch die Europäer von Afrika nach Amerika: Mindestens 33 Millionen Afrikaner wurden deportiert, zwei Drittel von ihnen starben auf den grauenhaften Überfahrten, und das überlebende Drittel wurde auf dem amerikanischen Kontinent, ebenso wie ihre Nachkommen über Jahrhunderte hinweg versklavt. Die europäische Aristokratie und Bourgeoisie hat auf der Grundlage der Ausplünderung des amerikanischen Kontinents, der Deportation und Versklavung von Millionen von Menschen, des Völkermords und der Folter den größten Reichtum aller Zeiten angehäuft. Es war diese beispiellose Anhäufung von Reichtum, die es dem europäischen Imperialismus ermöglichte, seine Vorherrschaft auf der ganzen Welt zu festigen, die industrielle Revolution voranzutreiben und sich bis heute als Metropole des Kapitalismus zu etablieren. Auch die USA, eine ehemalige britische Siedlerkolonie, entwickelten sich als kapitalistische Macht auf der Grundlage von Sklavenarbeit. Zu den größten Vermögensinhabern in Europa und den USA gehören auch heute noch die Nachfahren von Sklavenhaltern und Bankiers, die durch Völkermord und Sklaverei zu Reichtum gekommen sind. Jorge Molina Araneda aus Chile unterrichtet Sozialwissenschaften, Sprache und Kommunikation und schreibt u.a. für Alai, Rebelión, Telesur und Resumen Latinoamericano

Amerikas: Der räuberische Völkermord an der indigenen Bevölkerung | amerika21


Präsident von Venezuela: Jeden 12. Oktober feiert Spanien den Völkermord in Lateinamerika

Von Vilma Guzmán Caracas. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat in einem offenen Brief an das spanische Staatsoberhaupt König Felipe VI. die Begehung des Nationalfeiertags am 12. Oktober scharf kritisiert. Zudem plädiert er für die Einsetzung einer Wahrheitskommission über die europäische Besetzung Amerikas, "um die Kämpfe der indigenen Völker und die Verbrechen der Kolonialisierung anzuerkennen". In Spanien ist der 12. Oktober, der Tag der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika, seit 1918 Nationalfeiertag und wird seit den 1920er Jahren als "Tag der Hispanität" oder auch als "Kolumbus-Tag" begangen. "Es ist inakzeptabel, dass eine Nation, die sich damit brüstet, zivilisiert zu sein, noch im 21. Jahrhundert das Schlimmste aus ihrer Vergangenheit ehrt: den Diebstahl, die Plünderung, den Rassismus und die Hassverbrechen, die während der mehr als dreihundertjährigen Besatzung durch das spanische Imperium" in Lateinamerika begangen wurden, betonte der Präsident. Die Feier dieses Tages in Spanien könne "von den Ländern, die sich der Invasion widersetzt haben, nur als Rechtfertigung und Bekräftigung eines atavistischsten Rassismus verstanden werden", schreibt Maduro in dem zehnseitigen Brief vom 14. Oktober, den er auf seinem Twitter-Account veröffentlichte. Die Eroberung Amerikas sei ein Völkermord und Ethnozid und stelle "die schrecklichste physische und symbolische Vernichtung ganzer Völker in der Geschichte der Menschheit" dar. Die Konquistador hätten einen ganzen Kontinent entvölkert, "der von 70 bis 90 Millionen Menschen mit ihren Kulturen, politischen Systemen, Sprachen, Wissenschaften, Religionen und Institutionen bewohnt wurde, die der Eroberer nie in der Lage war zu respektieren", heißt es in dem Brief weiter. Noch immer werde in Spanien voller Arroganz vom "hispanischen Zivilisationsprojekt" gesprochen. Europa müsse anerkennen, "dass seine Modernität und sein schwindelerregendes industrielles, kommerzielles und finanzielles Wachstum, das heißt, der Aufstieg des westlichen Kapitalismus, auf einem Verbrechen gegen die Menschheit an den Völkern Lateinamerikas und Afrikas und auf der materiellen Enteignung ihrer Reichtümer gründet", die am 12. Oktober 1492 begann. Das sei wissenschaftlich und durch Zeugenaussagen nachweisbar. Jetzt, im 21. Jahrhundert, müsse eine Wahrheitskommission über die europäische Besetzung Amerikas eingerichtet werden. Nur die Wahrheit, "als historische Akzeptanz, nur die wiedergewonnene Erinnerung, nur die Anerkennung dieses schwerwiegenden Verbrechens und auch die Anerkennung des Kampfes und der Würde der Großeltern der Großeltern unserer Großeltern" könne eine "reale Geschwisterlichkeit" wiederherstellen. Eine von der Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (Celac) geleitete Wahrheitskommission, bestehend unter anderen aus Schamanen, Anthropologen, Archäologen, Menschenrechtsaktivisten, Juristen, Intellektuellen und Vertretern verschiedener Religionen solle dazu beitragen, "die Ereignisse angemessen zu behandeln, sie zu akzeptieren, sie wiedergutzumachen und in die gemeinsame Geschichte aufzunehmen“, schreibt Maduro abschließend. Einen entsprechenden Vorschlag wird Venezuelas Regierung dem derzeitigen Celac-Vorsitzenden, Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador vorlegen.

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