Eunice Foote konnte schon 1850 als Erste den Treibhauseffekt erklären - die unbekannt Pionierin

Der Erste, der den Treibhauseffekt erklären konnte, war der Ire John Tyndall. Doch eine Amateurforscherin erkannte die erwärmende Wirkung von Kohlendioxid schon drei Jahre vor ihm. Müssen die Geschichtsbücher umgeschrieben werden?

Eunice Foote war ein Multitalent. Sie malte Landschaften und Porträts, und sie engagierte sich in der Frauenbewegung. Bekannt ist Eunice Foote, geboren 1819 in Goshen, Connecticut, heute aber als Wissenschafterin. In jedem Fall war Foote eine Pionierin. Zu jener Zeit betätigten sich nur sehr wenige Frauen in den noch jungen Naturwissenschaften.

Vielsagende Experimente

Springen wir ins Jahr 1856. Naturforscher haben erst vor wenigen Dekaden begonnen, die Atmosphäre zu erkunden. Sie diskutieren über Indizien, wonach es in der Vergangenheit Warmzeiten und Kaltzeiten gegeben haben könnte. Das Klima war offenbar keine Konstante, es konnte sich verändern.

Davon angeregt, stellt Eunice Foote eine Reihe von Experimenten an. Sie füllt zwei Glasröhren, 75 Zentimeter lang und 10 Zentimeter dick, mit Gasen verschiedener Art. Dann lässt sie die Sonne darauf scheinen. Anschliessend misst sie die Temperatur in den beiden Röhren und stellt fest: Die Gasfüllungen haben sich unterschiedlich stark erwärmt.

An den fast unscheinbaren Versuchen entzündet sich eineinhalb Jahrhunderte später ein Streit. Wer hat als Erster den Treibhauseffekt verstanden und erklärt? War es der berühmte irische Naturforscher John Tyndall? So steht es doch überall geschrieben. Oder gebührt die Ehre einer Amerikanerin?

Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht vor allem das dritte Experiment von Foote: Die eine Röhre enthält gewöhnliche Luft, die andere füllt sie mit Kohlendioxid (CO2). Dieses Gas gilt heute als das wichtigste menschengemachte Treibhausgas überhaupt. In der Röhre mit CO2 steigt die Temperatur deutlich stärker an als in der mit Luft.


In einem Experiment weist Eunice Foote die Erwärmung durch CO2 nach. Illustration: Charlotte Eckstein

Das Klimagas CO2

«Eine Atmosphäre aus diesem Gas würde unserer Erde eine hohe Temperatur geben», schreibt Foote in einem Artikel, der im gleichen Jahr in der Zeitschrift «American Journal of Science and Arts» erscheint. Sie spekuliert, dass Kohlendioxid eine Ursache für besonders warme Episoden in der Erdgeschichte gewesen sein könnte. Es ist das erste Mal, dass jemand diesem Gas eine Bedeutung für das Klima zuschreibt.


Noch im gleichen Jahr werden ihre Erkenntnisse bei einem Treffen der American Association for the Advancement of Science vorgestellt – einer noch jungen wissenschaftlichen Gesellschaft, die später die grösste der Welt werden sollte.

Doch die Arbeit von Eunice Foote findet keine Fortsetzung, der Gedanke zündet nicht. Schon bald geraten ihre Resultate in Vergessenheit.


Foote oder Tyndall – wer war früher?

Den erwähnten Jahrbuchbericht wird erst 2011 ein Ingenieur namens Raymond Sorenson wiederentdecken. Sein Zufallsfund löst eine öffentliche Debatte aus. Denn bis zu diesem Zeitpunkt gilt der irische Naturforscher John Tyndall als der Erste, der den Treibhauseffekt physikalisch erklärt hat – drei Jahre nach Foote. Tyndall hat für die Geschichte der Klimaforschung eine so grosse Bedeutung, dass ein Institut in England nach ihm benannt ist.

Im Mai 1859 hatte er einen Durchbruch. Er fand heraus, dass sogenanntes Kohlengas Infrarotstrahlung aufnimmt, so dass es sich erwärmt. Kohlengas ist ein Gasgemisch, welches das Treibhausgas Methan enthält.

Anschliessend wies der Forscher nach, dass auch Kohlendioxid und Wasserdampf Infrarotstrahlung absorbieren, also ebenfalls Treibhausgase sind. Rasch publizierte er seine Ergebnisse in Zeitschriften, bei denen er sicher sein konnte, dass sie von wissenschaftlichen Kollegen in Europa gelesen werden würden.

Weart vermutet, dass Tyndall nicht den Umweg über Kohlengas gegangen wäre, wenn er die Experimente von Eunice Foote mit CO2 gekannt hätte. «Frauen hatten es damals schwer, gehört zu werden – in jedem Bereich», sagt der Historiker.

Engagement gegen Ungleichheit

Ihrer Benachteiligung war sich Foote nicht nur sehr bewusst, sie tat auch etwas dagegen. So nahm sie an der ersten Frauenrechtskonvention im Jahr 1848 in Seneca Falls im Gliedstaat New York teil und war die fünfte Unterzeichnerin der Abschlussdeklaration, welche für Frauen die gleichen Rechte forderte, die auch für Männer galten – das Wahlrecht eingeschlossen. Es habe damals nur sehr wenige Frauen gegeben, die in den USA wissenschaftlich gearbeitet hätten, sagt Jackson. Foote habe zwar offensichtlich viel Fachliteratur gelesen, sei aber nichtsdestoweniger eine Amateurwissenschafterin gewesen. Zum Beispiel habe sie – anders als später Tyndall – in ihrem Artikel von 1856 nicht auf frühere einschlägige Arbeiten wie die von dem Franzosen Joseph Fourier verwiesen. Fourier hatte als Erster erkannt, dass es in der Atmosphäre überhaupt so etwas wie einen Treibhauseffekt gibt; bloss erklären konnte er ihn noch nicht.

Zusätzlich benachteiligt war Foote schlicht darum, weil sie in Amerika lebte. Die Naturwissenschafter in der Neuen Welt hatten damals noch gehörigen Rückstand auf die Kollegen in Europa.


Der Historiker Weart findet, Eunice Foote habe mithilfe von Experimenten gezeigt, was sie als Amateurin damals habe zeigen können. Er bezeichnet sie als «precursor», als eine Vorläuferin also, und das meint er nicht verächtlich.

Klimawandel: Eunice Foote erforschte CO2 früher als Tyndall (nzz.ch)


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